„Die Geodatenindustrie lebt von Kollaboration“

Interview mit Eddie Pickle von OpenGeo über die LocationTech Working Group

©Shutterstock/Dukes

Angesichts der rasant wachsenden Anzahl an mobilen Geräten weltweit spielt die zeitnahe und präzise Erfassung, Speicherung und Analyse von Geodaten eine immer größere Rolle. Dies hat die Eclipse Foundation dazu veranlasst, Anfang Februar eine neue Initiative für ortsabhängige Technologien zu gründen. Die LocationTech Working Group [1] soll es Firmen erleichtern, gemeinsam Technologiekomponenten zur Erfassung von Geodaten zu entwickeln und diese für den Einsatz in Unternehmens-IT fit zu machen. In diesem Zuge soll die Entwicklercommunity in diesem Bereich vergrößert werden und ein Ökosystem an Service-Providern im Bereich der Geodaten-Softwareentwicklung entstehen. Geleitet wird die Initiative von den Firmen Oracle, IBM, OpenGeo und Actuate. Was genau versprechen sich diese Firmen von der neuen Initiative? Darüber haben wir mit Vertretern von OpenGeo und Actuate gesprochen.

JAXenter: OpenGeo bietet Software für Geodatenerfassung für Regierungen, Transport- und andere Unternehmen an. Was sind ein, zwei Beispiele für typische Anwendungsfälle?

Eddie Pickle: Portland TriMet ist ein preisgekrönter öffentlicher Verkehrsanbieter mit einem vorausdenkenden Technologieansatz. Als TriMet sein interaktives Kartensystem generalüberholen und mit einem bestehenden Reiseplaner integrieren wollte, hat man sich an OpenGeo gewandt, um proprietäre Komponenten durch Open-Source-Alternativen zu ersetzen. TriMet brauchte einen Partner, der ihn dabei unterstützte. Einen, der verlässliche, erweiterbare Technologien baut und dabei erstklassige Unterstützung für alle Komponenten des Reiseplaners bietet. OpenGeo war die perfekte Wahl: Wir konnten die Stabilität und die Fähigkeiten für eine langfristige Unterstützung von TriMet bieten und für den Support und die Instandhaltung sorgen, die dieser Anbieter benötigt. Dadurch, dass Open-Source-Technologien verwendet werden, ist TriMet nun flexibel genug, den sich verändernden Anforderungen der Kunden nachzukommen. Außerdem gewinnt man dadurch die Freiheit, die besten Dienstleister und Technologieanbieter auszuwählen. Ganz davon abgesehen spart man auch Tausende von Dollar an Lizenz- und Supportkosten.

OpenGeo arbeitet mit Kunden in vielen vertikalen Märkten, angefangen beim Telekommunikationsbereich (Ericsson) über die Versorgungswirtschaft (EB Services in Australien) bis hin zu Regierungsbehörden wie der US Federal Communications Commission oder dem UK Ordnance Survey.

JAXenter: Was hat OpenGeo dazu veranlasst, der LocationTech Working Group beizutreten?

Pickle: OpenGeo ist seit mehr als einem Jahrzehnt stark in Open-Source-Communitys im Bereich Geosoftware involviert. Unsere Entwickler tragen Code bei und agieren als Vordenker. Den Organisationen stellen wir eine businessgemäße Instandhaltung dieser Softwarekomponenten zur Verfügung. Für uns war es naheliegend, uns LocationTech anzuschließen, um enger mit anderen Organisationen zusammenzuarbeiten, die ebenfalls in Open-Source-Geosoftware investieren und davon profitieren wollen.

JAXenter: Warum ist Kollaboration zwischen industriellen Partnern in der Geoinformationsindustrie entscheidend?

Pickle: Die Geodatenindustrie lebt von Kollaboration. Heutzutage hat kein einzelnes Unternehmen mehr alles unter dem eigenen Dach, was für die eigenen Lösungen an Software, Daten, Expertise und Fähigkeiten erforderlich ist. Deswegen ist es essenziell, Standards zu etablieren, diese einzusetzen und durch Open Source die bestmöglichen Softwarelösungen zu schaffen.

JAXenter: Wie unterscheidet sich LocationTech vom Open Geospatial Consortium (OGC) oder von der Open Source Geospatial Foundation (OSGeo)? Verfolgen diese Communitys nicht ganz ähnliche Ziele?

Pickle: Das OGC und die OSGeo sind von wesentlicher Bedeutung für ein gesundes Softwareökosystem im Bereich der Geodatenerfassung. Dadurch, dass das OGC Standards festlegt, ebnet es Organisationen den Weg für eine Zusammenarbeit. OSGeo spielt in der Entwicklung gut funktionierender Open-Source-Communitys eine entscheidende Rolle. Wir unterstützen beide Organisationen und wissen ihre Arbeit zu schätzen. Unser Gründer Chris Holmes ist neulich sogar in den Vorstand des OGC berufen worden.

LocationTech geht einen Schritt weiter und vernetzt Organisationen miteinander, die diese Standards und Open-Source-Software für unternehmensgerechte und geschäftstaugliche Lösungen und Systeme nutzen wollen. Wir sind der Ansicht, dass dieser Schritt entscheidend für die weite Verbreitung quelloffener Geodatensoftware ist. Die wird unserer Ansicht nach kommen.

„Die Eclipse Foundation hat die nötige Infrastruktur, Personalbesetzung und Erfolgsgeschichte, um wichtige Player für diese Sache zu begeistern.“

JAXenter: Was macht die Eclipse Foundation zur geeigneten Schirmherrin für die LocationTech-Initiative?

Pickle: Die Eclipse Foundation hat die nötige Infrastruktur, Personalbesetzung und Erfolgsgeschichte, um wichtige Player für diese Sache zu begeistern, eine Grundlage für die Kollaboration zu schaffen und die Infrastruktur bereitzustellen, die dieses Ökosystem braucht, um Zuwachs zu bekommen und den Anforderungen an die Geoinformationslösungen der weltführenden Unternehmen gerecht zu werden.

JAXenter: Welchen Beitrag leisten Sie zu den initialen Schwerpunkten – die da wären: Speicherung und Verarbeitung massiver Datenmengen, modellgetriebenes Design, Desktop-, Web- und mobiles Mapping und Echtzeitanalyse businesskritischer Daten?

Pickle: Unser Hauptaugenmerk liegt auf Web- und mobilem Mapping.

JAXenter: Um welche Open-Source-Software handelt es sich genau?

Pickle: Unser Spezialgebiet sind Open-Source-Geodatenprojekte. Zu unserer Belegschaft gehören Federführer aus den GeoServer-, PostGIS- und OpenLayers-Communitys. Wir bringen uns aktiv in diese Projekte ein und committen alles, was wir erarbeiten, in den Kern zurück. Zusätzlich vermitteln wir zwischen Marktanforderungen und Entwicklern. Was den Reiz von Open Source ausmacht, ist, dass jeder etwas beitragen kann. Aber viele unserer Kunden haben erkannt, dass es oft einfacher und kosteneffizienter ist, sich für Open-Source-Lösungen mit kommerzieller Unterstützung zu entscheiden, statt ganz auf sich allein gestellt zu sein.

Diese Projekte dienen als Grundlage für unser Flaggschiffprodukt, die OpenGeo Suite, das vollständigste und marktdominierende Paket an webbasierten Open-Source-Tools im Bereich der Geodatenerfassung. Die Software wird mit Instandhaltungsvereinbarungen ausgeliefert, die unseren Kunden im Vergleich zu alternativen Lösungen einen höheren Mehrwert bieten.

„Was den Reiz von Open Source ausmacht, ist, dass jeder etwas beitragen kann.“

JAXenter: Gibt es Beziehungen zu Hochschulen oder anderen Forschungseinrichtungen?

Pickle: Wir arbeiten mit führenden Universitäten zusammen, die innovative Lehrpläne im Bereich Geodatenerfassung anbieten. Diese Institutionen haben, wie wir finden, bemerkt, dass die traditionellen GIS Skills [Geoinformationssysteme, Anm. d. Red.] zwar nach wie vor erwünscht, aber nicht mehr topaktuell sind. Diese vorausdenkenden Lehrenden erkennen, dass ihre Studierenden lernen müssen, mit Open-Source-Tools umzugehen, um am Markt die Nase vorn zu haben. Eine dieser Institutionen ist die Washington University in St. Louis, Missouri. Diese Universität ist seit Kurzem unser erster Geschäftskunde im akademischen Umfeld. Wir haben uns auch als Industriesponsor für die Free and Open Source Software for Geospatial (FOSS4G) Academy angemeldet. Die Akademie hat einen Antrag auf finanzielle Unterstützung bei der National Science Foundation eingereicht, um im Rahmen des FOSS4G-Lehrplans ein Geodatenzertifikat erstellen zu können. Dieses basiert auf dem DOL Geospatial Competence Model (GTCM). Es soll auch eine landesweite Community ins Leben gerufen werden, die Lehrende im Bereich der Geodatenerfassung unterstützen und versorgen soll. Ein großartiges Team stärkt ihnen den Rücken, und wir hoffen, sie haben mit ihrem Antrag Erfolg.

©Eddie PickleEddie Pickle ist CEO der marktführenden Open-Source-Geodatenfirma OpenGeo, deren Vorzeigeprodukt die OpenGeo Suite ist. Mit fünfundzwanzig Jahren Erfahrung ist Eddie ein Veteran in der Geodatenindustrie. Gemeinsam mit einer Vielzahl an Regierungs-, Non-Profit- und kommerziellen Institutionen weltweit hat er standardbasierte Web-Services-Software, Geoapplikationen, Data-Sharing-Lösungen und Datenbanken für kritische Infrastrukturen entwickelt. Davor war er Mitgründer von IONIC Enterprise, des Pioniers der Open Geospatial Consortium (OGC) Web Services, und initiierte die Entwicklung vieler Datenschichten, die in Applikationen für die US-Infrastruktursicherung verwendet werden.

Aufmacherbild: Maps and navigational charts von Shutterstock / Urheberrecht: Dukes

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