Interview mit Erkan Yanar auf der DevOpsCon 2016 in München

„DevOps-Kultur ist nur ein Buzzword, um sich vor Verantwortung zu drücken“

Dominik Mohilo

DevOps ist aus der Technik-Branche nicht mehr wegzudenken. Doch die Berichterstattung darüber ist meist sehr einseitig und aus der Entwicklerperspektive heraus. Auf der DevOpsCon in München haben wir deshalb mit Freelance Consultant Erkan Yanar über die Kultur von DevOps, DevOps aus Sicht der Operators und die Zukunft der Container-Technologie gesprochen.

 
JAXenter: Erkan, du bist freiberuflicher Consultant und eher im Bereich der Operators zuhause. Hier auf der DevOpsCon hast du eine Session zum Docker Swarm Mode gehalten. Zu Beginn daher vielleicht die Frage: Wie hat die Container-Technologie sich auf die Arbeit von Operators ausgewirkt?

Erkan Yanar: Container sind erst einmal nur Pakete, ganz entspannt. Ich finde, dass die Container-Technologie für Operators sehr angenehm ist, weil wir hierbei nur Linux-Know-how nutzen. Das meine ich ganz ernst und versuche, das den Leuten auch immer zu sagen. Alles, was wir mit Containern machen, ist das, was wir sowieso schon die ganze Zeit machen sollten: Wir nutzen Applikationen. Durch die Docker-Technik und dadurch, dass wir mehr Applikationen oder Container von verschiedenen Leuten auf einem Host haben, werden wir zu Sachen gezwungen, die schon die ganze Zeit da waren und die wir ohnehin benutzen müssen. Das ist technologisch dann so ein bisschen, wie Hausaufgaben machen. Es ist sehr angenehm, Sachen zu implementieren, die schon da sind. Ich finde das geil. Ist so.

JAXenter: Bei unserer Berichterstattung über DevOps herrscht ein gewisses Perspektiven-Ungleichgewicht; wir haben meist Stimmen aus dem Entwickler-Lager. Wie ist DevOps aus der Sicht von Operators zu verstehen, kannst du das darstellen?

Erkan Yanar: Ich werde nicht für alle sprechen können, ich spreche für mich. Und ich glaube nicht an die Zusammenarbeit, diese Meinung teile ich nicht. Solange man Operators und Developers hat, hat man verschiedene Perspektiven. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Operations-Leute eine ganz andere Herangehensweise an Arbeit haben. Operations-Leute werden nicht dafür geliebt, dass sie etwas ändern; Operations-Leute sind dafür da, dass sie nicht auffallen – Infrastruktur darf nicht auffallen. Das heißtalso, dass sie einen anderen Workload haben.

Es gibt kein ‚Hand in Hand‘. Ich bin da nicht so ein Träumer.

Ich glaube auch, dass wir hier einen Machtkampf haben. Es wird nämlich darauf hinauslaufen, dass Entwickler bis zur Produktion durchlaufen wollen. Darin sehe ich auch das Rethinking von Operations. Die klassischen Silos, von denen alle sprechen, werden wir durchaus horizontal splitten und wir als Operations werden technische Boundaries aufbauen. Wir werden quasi sagen: „Entwickler, euer Zeug konnten wir sowieso noch nie debuggen.“ Ganz ehrlich, ich konnte früher nie debuggen, was irgendein Typ gemacht hat. Das ist seine Aufgabe und er bekommt jetzt die Verantwortung bis in die Produktion hinein, muss das deployen und supporten. Ich gebe ihm die Constraints, wir haben SLAs gegenüber. Ich gebe ihm die Ressourcen, die Möglichkeiten, kann Infrastrukturen bauen, die für ihn abstrakt sind. So wird die Veränderung aussehen, das ist meine Meinung – es gibt kein „Hand in Hand“. Ich bin da nicht so ein Träumer. Ich gehe davon aus, dass sich die Zuständigkeiten ändern werden und wir als Operations viele neue Möglichkeiten bekommen werden. Das müssen die Leute kapieren.

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JAXenter: Bei DevOps steht auch immer die Kultur im Fokus. Wie sieht das deiner Meinung nach, aus einer Operators-Perspektive heraus aus: Welche kulturellen Aspekte sind wichtig für den Erfolg von DevOps; wenn es überhaupt erfolgreich sein kann?

Erkan Yanar: Ist es. Ich meine, wir kennen im Prinzip ähnliche Sachen vom Config-Management. Also, sowas wie die ganzen Cloud-Sachen, das Provisionieren von Maschinen; das, was Entwickler ja gerne nutzen, ist ja auch das, was wir zur Verfügung stellen. Auch für uns ist es natürlich ziemlich genial, dass wir neue Wege denken.

Für uns Operations muss eh Schluss sein mit dieser Turnschuh-Administration, wie wir das früher gemacht haben. Auf die Maschine drauf gehen, was von Hand ändern und einen State auf der Maschine hinterlegen und wenn die Maschine weg ist, ist der State auch weg. Auch wir ändern uns also, auch wir fangen also an, unsere Infrastruktur zu coden, auch wir fangen an, unsere Infrastruktur reproduzierbar aufzubauen. Auch wir fangen damit an, Infrastruktur eben nicht mit sakrosankten Servern aufzubauen, sondern so, dass Maschinen verschwinden können. Auch wir haben sowas wie Self Storage und können von vorne herein sagen, dass wir Maschinen haben, die darauf ausgelegt sind, dass sie relativ gut skalieren können und dass sie resilient sind und dass Sachen weg sein können. Auch wir verändern uns. Und wir fangen an, schneller zu werden. Was für uns interessant werden wird, ist, dass wir damit aufhören, alle vier Jahre oder jedes Jahr ein Deployment zu machen, sondern damit anfangen, kontinuierlich unsere Infrastruktur zu erweitern. Ich glaube, dass ist es, was wir lernen, was wir quasi von den Entwicklern geklaut haben.

JAXenter: Würdest du mir zustimmen, dass…

Erkan Yanar: Nein. (lachend)

JAXenter: …dass Kultur der Schlüssel ist für die erfolgreiche Umsetzung von DevOps?

Kultur ist so ein blödes Buzzword, das man nutzt, um keine Strukturen ändern zu müssen.

Erkan Yanar: Ist es. Aber ich bin ja auch Soziologe und ich finde, dass Kultur auch immer im Kontext steht. Wenn man sagt, dass die Kultur sich ändern soll, müssen sich auch immer die Strukturen ändern. Kultur ist ja nur ein Buzzword. Du musst das Blaming ändern, du musst Leuten die Möglichkeit geben, Fehler zu machen. Da sind wir wieder beim Blaming, dass die Leute, die die Strukturen ändern, nicht nur DevOps schreien, sondern den Leuten auch DevOps ermöglichen. Da ist Kultur so ein blödes Buzzword, womit man sich vor der Verantwortung drückt, Strukturen zu ändern. Wir alle reproduzieren uns in Strukturen und wir alle gewöhnen uns an Strukturen. Wenn du Operations-Leute hast, die 20 Jahre lang gelernt haben, wie sie nicht arbeiten sollen und dann sagst „neue Kultur“, dann klappt das nicht. Du musst die Rahmenbedingungen ändern. Deswegen bin ich für Strukturen. Und dann kommt die Kultur auch noch.

JAXenter: Kommen wir zum Schluss noch einmal zurück zu den Containern. Wir machen uns natürlich im Moment viele Gedanken darüber, was die die Zukunft der Container-Technologie in petto hat. Hast du da vielleicht einen kleinen Ausblick für uns?

Erkan Yanar: Noch sehr viele Kriege. Nein, wir sind in der Findungsphase. Die Container-Technik ist ja neu und wir finden auf der Linux-Seite sehr viele Möglichkeiten zur Implementierung. Die Grundidee ist ja immer dieselbe. Was die Windows-Leute machen, weiß ich gar nicht. Und wir kriegen mehr Fragen jetzt, die wir beantwortet haben wollen. Wie es ist, States zu haben etwa – ich weiß nicht, welche Antworten es da gibt. Aber ich habe das dumme Gefühl, dass in Zukunft ein Großteil unserer Infrastruktur containerisiert sein wird.

Wie auch immer: Was uns die Zukunft bringen wird? Es ist ein riesiger Markt und wir werden sehr viel Beef kriegen. Das Technische ist die eine Seite, aber wir werden auch sehr viele Konflikte mitkriegen, bei denen verschiedene Gruppen um die Vorherrschaft kämpfen werden, weil viel Geld im Spiel ist. Das werden wir auf jeden Fall mitbekommen. Da bin ich voll dabei. Technisch ist eigentlich alles relativ entspannt. Wir werden technisch in Linux neue Namespaces kriegen, wir werden höhere Abstraktionsgrade bekommen, aber das ist nicht so aufregend, wie die Kriege.

JAXenter: Vielen Dank für das Interview.

1481884892707_6V0B1113Erkan Yanar beschäftigt sich seit dem letzten Jahrtausend mit Linux. Er ist freiberuflicher Consultant mit den Schwerpunkten MySQL, Containervirtualisierung, DevOps und OpenStack. Wenn er nicht bei einem Kunden ist, veröffentlicht er in Fachzeitschriften oder hält Vorträge auf Konferenzen.
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Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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