Software made in Asia

Indien – Wunderland der IT-Dienstleistungen?

Stefan Papp

Manche himmeln Indien als Programmierernirwana an, andere sehen die Qualität indischer Codierleistungen eher kritisch. Wie man auch immer zu „Software made in Asia“ steht, in der Praxis schlitterten schon viele Firmen beim Offshoring-Versuch nach Fernost in erhebliche Mehrkosten, statt wie erhofft die Ausgaben zu reduzieren.

Spätestens seit dem legendärem Ausspruch von Gerhard Schröder, er wolle indische Software-Entwickler über eine Greencard nach Deutschland locken, spukt in den Köpfen vieler Europäer die Idee des indischen „IT-Supergurus“ herum. Eine regelrechte Programmiermaschine soll er sein, zum Bruchteil des Preises seines westlichen Kollegen codet er Zeilen, deren komplexen Inhalt man erst einmal verstehen lernen muss. Viele europäische Entwickler haben mittlerweile Erfahrungen mit Indien gesammelt, manche davon raten vehement davon ab, allzu schnell Geld ins Offshoring zu investieren. Die Begründung – sie haben den kryptischen Inhalt vieler Codezeilen verstanden.

Bangalore, Indien

Nach einem mehrstündigen Flug von Europa betritt man den staubigen Boden des indischen Silicon Valley. Der erste Blick auf den doch eher kleinen und unspektakulären Flughafen mag einen erwartungsfrohen „Asien-Neuling“ vielleicht ein wenig enttäuschen. Statt mit einer hochmodernen Magnetschwebeband, wie in Shanghai, wird man gleich nach dem Verlassen des Flughafens mit der indischen Realität konfrontiert. Mit Rufen wie „Hello Sir! Need Taxi?“, „Autoriksha, very cheap, Sir“ werden Ankömmlinge von lokalen Dienstleistern umringt, die sich für ihre Beharrlichkeit viele Rupies mehr als üblich erhoffen.

Andere Länder, andere Sitten

In Europa gehört es zum Usus einer Firma, die Abholung und Rückfahrt wichtiger Gäste von und zum Flughafen zu organisieren und auch die Kosten dafür zu übernehmen. Indische Unternehmen gehen oft einen Schritt weiter – sie stellen ein Auto samt Fahrer gleich für den gesamten Aufenthalt. Der erste Grund für diese Großzügigkeit liegt darin, dass der Fahrer im Monat kaum mehr als die Taxifahrt in Europa kostet. Den zweiten erkennt man vielleicht, sobald man es sich am Rücksitz eines Tata Indicars, dem Volksauto Indiens, gemütlich gemacht hat. Denn wirft man während der Stoßzeit einen Blick auf das ausufernde Verkehrschaos, beginnen manche Besucher schwere Zweifel zu plagen, ob sie ohne die Hilfe eines Chauffeurs je dort ankommen würden, wo sie ursprünglich hin wollten.

Während man in China in manchen Städten komfortabel mit dem Auto oder der U-Bahn auf neu ausgebauten Strecken zum Business District entlang rast, wo ein paar Monate zuvor noch „Häuser samt Bewohner dem technischen Fortschritt im Weg standen“, müssen sich indische Stadtverwaltungen eher den Vorwurf gefallen lassen, dem Problem der ausufernden Staus ein wenig zu passiv entgegenzuwirken. Von einer Besserung durch die zaghaften Bemühungen, die Situation mit kleinen Umfahrungen an manchen Kreuzungen unter Kontrolle zu bringen, merkt man aber kaum etwas, wenn man sich stundenlang im Schritttempo zwischen hupenden Autos, lärmenden Rikshas und bemalten Kühen auf der Straße hindurchquält.

Vorbei an Armut, Elend und Schmutz erscheint die Ankunft in einem der vielen IT-Zentren manchmal wie der Eintritt vom „klassischen ins moderne Indien“. An allen Sicherheitskontrollen vorbei, die gerüchteweise auch pakistanische Terroristen abhalten sollen, findet man sich in einem der vielen IT-Zentren meistens in einem modernen „All-in-One“-Gebäudekomplex wieder, der neben ausreichend Platz für Büros auch Kaufhäuser, Friseure, Restaurants, Reisebüros, Fitnesscenter und vieles andere bietet. Dass aber auch „im modernen Indien“ Tradition und Arbeit nicht ganz getrennt werden können, wird einem „über das dritte Auge“ bewusst. Denn vor allem die weiblichen Mitarbeiter im traditionellen Sari tragen auch bei der Arbeit den traditionellen roten Punkt auf der Stirn. Auch so manche Sai-Baba-Halskette oder Ganesha-Statue am Arbeitsplatz erinnert daran, dass man sich an einem Ort befindet, an dem doch vieles anders als im fernen Europa ist.

Einen Zusammenstoß der Kulturen vermeiden

Die meisten Unternehmen wissen bereits, wie gefährlich es sein kann, zwei Kulturen „unvorbereitet aufeinander loszulassen“. Darum bereiten sie ihre Mitarbeiter in interkulturellen Trainings gezielt auf die Arbeit in Indien vor. Es gibt zahlreiche Dienstleister, die hierfür einen ausgezeichneten Service bieten und im Normalfall auch Trainer bereitstellen, die über viele Jahre sowohl in Indien als auch in Europa gelebt und beide Seiten verinnerlicht haben. In diesen Workshops wird auch immer wieder erwähnt, dass viele Missverständnisse schon allein durch den Umstand entstehen, wie über Probleme gesprochen wird. Während manche Europäer gerne direkt und selbstbewusst betonen, was sie sich erwarten und auch kein Blatt vor dem Mund nehmen und sagen, was ihnen weniger gefällt, wird selbst konstruktive Kritik, die offen ausgesprochen wird, in weiten Teilen Asiens schlecht aufgenommen. Im schlimmsten Fall werden selbst gut gemeinte Anmerkungen als Beleidigung wahrgenommen und es gibt zahlreiche Geschichten über indische Mitarbeiter, die nach nur einer etwas harschen Kritik gekündigt haben.

Ein Europäer muss also damit umgehen lernen, dass es in Indien andere Wege gibt, zu garantieren, dass die Mitarbeiter die richtigen Probleme mit dem entsprechenden Eifer bearbeiten und dass fachliche Probleme oft nicht gemeldet werden. Wie schwierig es manchmal sein kann, herauszufinden, ob eine Arbeit auch erledigt werden kann, mag das Beispiel mit den drei Formen des Ja andeuten. Ein Ja kann in Indien bedeuten:

  • „Ja, ich höre“ – ich höre dir zu, was du sagst. Dass bedeutet aber noch lange nicht, dass ich dich verstehe und ich tun kann, was du von mir willst.
  • „Ja, ich verstehe“ – ich höre dir zwar zu und verstehe, was du sagst. Ob ich das allerdings umsetzen kann, weiß ich noch nicht.
  • „Ja, ich mache“ – Ich höre dir zu, ich verstehe was du sagst und ich kann es auch umsetzen.

Welches Ja gemeint ist, erfordert eine gewisse Menschenkenntnis. Manche Kenner der indischen Kultur argumentieren, dass man es ganz leicht daran erkennt, wie manche Inder den Kopf beim Ja nach links und rechts drehen und wie sie dabei lächeln.

Ein weiteres oft geschildertes, daraus resultierendes Problem vieler Europäer mit Indern ist die berühmte Suche nach dem Experten. Auf die Frage, „Wer von Euch ist Spezialist für ADO.NET 2.0?“ wird vielleicht jeder der Befragten im .NET-Team zögerlich aufzeigen. Auf die Frage „Wer kennt sich mit ASP.NET aus und könnte eine komplexe Webseite entwerfen?“ wird vielleicht auch jeder Entwickler zögernd die Hand heben, sofern er schon einmal davon gehört hat.

Während manche Europäer aufgrund eines manchmal vielleicht etwas überhöhten Vertrauens in die eigene Person wirklich fest davon überzeugt sein könnten, jedem noch so komplexen Problem ohne Weiteres gewachsen zu sein, liegt es bei manchen Indern vielleicht mehr an der Angst das Gesicht zu verlieren, dass sie nicht zugeben wollen, sich in einem Fachgebiet nicht auszukennen.

Kommunikation ist das A und O, um in Indien erfolgreich zu sein – denn indische Angestellte erwarten tendenziell auch detailgenaue Angaben, was zu tun ist. Der Chef hat nach einem Auftrag eine Art Holschuld. Es wird von ihm erwartet, dass er die Erfüllung der Aufgabe genau kontrolliert. Manche begründen übrigens damit auch, dass Indien mehr Stärken in klassischen IT-Dienstleistungen wie der Betreuung von Callcentern hat als in der eigenständigen Entwicklung von Software hat.

Ein relativ oft unterschätzter Bereich ist übrigens die Kommunikationstechnik. Bisweilen verstehen die Europäer ihre indischen Kollegen, deren Akzent manchmal unweigerlich an „Apu Nahasapeemapetilon“ aus der TV-Serie „Die Simpsons“ erinnern lässt, nur schlecht. Besonders bei Telefonkonferenzen können diese Probleme Projekte zum Scheitern bringen. Allerdings gibt es zahlreiche Softwaretools am Markt, die unterstützend bei Telefonkonferenzen eingesetzt werden können, die in der Praxis in vielen Unternehmen aber leider oft fehlen.

Die berühmten Kosten

Es ist schwierig pauschal zu sagen, inwieweit sich ein Outsourcing in Richtung Indien im Schnitt auszahlt. Da recht viele Inder geführt werden wollen und Eigenständigkeit nicht Jedermanns Stärke in Fernost ist, ist es sicherlich notwendig, auch dafür zu sorgen, dass Personal in Europa vorhanden ist, das die Entwickler betreut. Oft bedeutet das, dass die europäischen Entwickler zwar vielleicht die Tische räumen, aber dafür andere ihren Platz einnehmen, die die indischen Entwickler zu betreuen haben. Natürlich kostet ein indischer Mitarbeiter im Schnitt weniger als ein Software-Entwickler in Europa, wobei viele mittlerweile auch argumentieren, dass Indien nicht mehr so billig ist, wie es einmal war und die Veteranen in Indien sich auch schon an Gehälter auf einem europäischen Niveau gewöhnt haben. Ein oft übersehenes Problem ist die hohe Mitarbeiterfluktuation in Indien. Einerseits wechseln Inder im Schnitt häufiger die Firma als in Europa. Andererseits werden Mitarbeiter, die ein paar Aufgaben einmal erfolgreich gelöst haben, schnell zum Experten gekürt und „wichtigeren Aufgaben“ zugewiesen. Dass die Einschulung des Nachfolgers Geld kostet, wird hierbei vielleicht manchmal zu wenig bedacht. Vor allem, wenn absehbar ist, dass diese Person sich der Aufgabe auch nur für eine begrenzte Zeit widmen wird.

Fazit

Im Lonely-Planet-Reiseführer gibt es ein Zitat zu Indien, das möglicherweise auch auf die Software-Entwicklung mit den fernöstlichen Kollegen umgemünzt werden kann: „Pehaps the one thing that encapsulates India is, that it is a place to expect the unexpected.“ Und vermutlich gibt es viele europäische Entwickler, die diese Abwechslung schätzen und immer wieder mit Freude die Herausforderungen eines multinationalen Projekts in Angriff nehmen würden. Bringt doch diese Art von Projekten die Möglichkeit in ferne Länder zu reisen, neue Denkweisen und Kulturen kennen zu lernen, statt tagtäglich am selben Arbeitsplatz zu versauern. Andere lieben es wiederum, tagtäglich in immer denselben Monitor zu starren, in der Gewissheit, nicht mit einem Kollegen aus Fernost telefonieren zu müssen und sich auch auf ein Rindersteak in der Kantine freuen zu können. Schon allein der Gedanke, erneut mit indischen Software-Entwicklern zusammenarbeiten zu müssen, würde manchem, der ein derartiges Projekt hinter sich hat, den Schweiß auf die Stirn treiben.

In jedem Fall ist ein Offshoring nach Indien teurer und schwieriger als oft angenommen. Der etwas naive Glaube, „die Inder können alles und das deutlich billiger“, hat viele Firmen schon in erhebliche Kosten gestürzt. Sollte daher bei Ihnen der Entschluss gereift sein, ein Software-Projekt nach Indien auszulagern, sollte alles gut vorbereitet werden.

Stefan Papp ist der technische Leiter der Hagenberg Software. Er programmiert seit Jahren vorwiegend mit C++ und C#. Fünf Monate hat er in Indien gearbeitet und einen Monat in China. Insgesamt hat er über ein Jahr Auslandserfahrung. Sie erreichen ihn unter papp[at]hagenberg-software.at.
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