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34 Milliarden US-Dollar für Red Hat

Aus rot wird blau: IBM kauft Red Hat

Dominik Mohilo

© Shutterstock / Natalia Rezanova

Erneutes Milliardeninvestment in der IT-Branche: Mit einem Rekordangebot für das Open-Source-Unternehmen Red Hat hat Softwareriese IBM die Entwicklerwelt erschüttert. Dies ist ein wichtiger strategischer Schritt für „Big Blue“, das sich dadurch ein besseres Standing auf dem Hybrid-Cloud-Markt erhofft.

Es ist noch gar nicht so lange her, seit wir über den Kauf von GitHub durch Microsoft berichteten. Dabei ging es weniger um die 7,5 Milliarden US-Dollar, die man in Redmond für die Open-Source-Plattform lockermachte. Es ging vor allem um die Frage, ob dieser Deal zum Nachteil für die Open-Source-Welt gereichen würde. Die Furcht, dass GitHub zu einem rein kommerziellen Portal, bestehend aus Premium- oder Gold-Angeboten, mutieren könnte, war (bislang) unbegründet: Microsoft hat GitHub gekauft und das zarte Open-Source-Pflänzchen nicht weiter angerührt. GitHub ist aber auch – genau wie das von Microsoft gekaufte LinkedIn – eher ein soziales Netzwerk, auf dem Projekte gehostet und Kollaborationen zwischen Entwicklern möglich sind.

Der schnöde Mammon

Nun sind Übernahmen von IT-Unternehmen an der Tagesordnung. Dabei werden oft auch große Summen bezahlt, so etwa von Oracle 9,3 Milliarden US-Dollar für den Cloud-Finanzdienstleister NetSuite oder von Dell 67 Milliarden US-Dollar für EMC (inkl. Mehrheitsanteile von VMware und Pivotal). Ganz so tief wie Dell muss IBM für Red Hat allerdings nicht in die Tasche greifen: 34.000.000.000 US-Dollar bezahlt „Big Blue“ für die Open-Source-Experten aus Raleigh.

Damit ist der Kauf von Red Hat durch IBM immer noch die zweitteuerste Übernahme in der Geschichte der Tech-Branche und die größte Investition von IBM überhaupt. Diese könnte sich aber durchaus lohnen, wenn man sich ansieht, was genau IBM da eigentlich alles gekauft hat. Witziger Zufall am Rande: Bereits vor sechs Jahren kaufte IBM die Cloud-Testplattform Green Hat.

Ist Open Source in Gefahr?

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Es geht um die Cloud

Was man der gemeinsamen Pressemitteilung der beiden Unternehmen entnehmen kann, ist, dass es bei dem Kauf in erster Linie um die geringen Cloud-Kapazitäten von IBM geht. Liest man heute über neue Cloud-Technologien oder -Innovationen, fällt in den meisten Artikeln einer der drei großen Namen: Amazon, Google, Microsoft. IBM taucht in solchen Listen allenfalls in einem Nebensatz auf.

IBM wirkte zuletzt in Sachen Cloud abgehängt durch die Konkurrenz, was allerdings kein essentielles Problem darstellen müsste, wäre man erfolgreicher in anderen innovativen Feldern wie dem Machine Learning (Stichwort Watson) oder der Blockchain. Ob IBM sich bei diesen zukunftsweisenden Technologien durch die frühe Investition einen besseren Startplatz sichern kann, steht noch in den Sternen. Blockchain und Machine Learning sind aber noch zu wenig Mainstream, eher Nische – und werden es vielleicht auch bleiben. Die Cloud allerdings ist in der Mitte der IT-Welt angekommen und IBM könnte durch die Akquisition von Red Hat die im Moment recht stabile Situation noch einmal massiv in Bewegung bringen.

The acquisition of Red Hat is a game-changer. It changes everything about the cloud market. IBM will become the world’s #1 hybrid cloud provider, offering companies the only open cloud solution that will unlock the full value of the cloud for their businesses.

Ginni Rometty, CEO bei IBM

Das erklärte Ziel ist es also, die Hybrid-Cloud-Sparte im Sturm zu erobern. Dass man sich seitens IBM gerade an der Stelle ausbreiten will, ist keine große Überraschung. Ließe sich doch so das erfolgreiche Geschäft mit Unternehmensservern noch besser mit den Private- und Hybrid-Cloud-Angeboten von IBM und Red Hat verbinden.

Red Hat bleibt Red Hat

Jim Whitehurst, CEO von Red Hat, erhofft sich hingegen, dass der Kauf durch IBM die Ziele und Pläne, die man bei Red Hat hat, schneller und effektiver vorantreiben wird. IBM soll als eine Art Katalysator dienen, Red Hat aber praktisch als eigenständiger Teil weiter Bestand haben. „Mit IBM im Rücken können wir zukünftig im größeren Maßstab und schneller tun, was wir auch heute bereits tun“, sagt Whitehurst in seiner persönlichen Mitteilung auf dem Red Hat Blog.

Offenbar gibt es konkrete Pläne, Red Hat in seiner Gesamtheit als mehr oder weniger eigenständige „Abteilung“ dem Hybrid-Cloud-Team beitreten zu lassen, Whitehurst selbst wird einen Posten im oberen Management von IBM bekommen und direkt der CEO Ginni Rometty unterstellt sein. Damit möchte man die Unternehmenskultur und -strategie trotz der Übernahme erhalten – vielleicht erhofft sich IBM ja sogar, dass ein wenig des Company Spirits von Red Hat auch auf die eigenen IT-Abteilungen abfärbt.

Importantly, Red Hat is still Red Hat. When the transaction closes, as I noted above, we will be a distinct unit within IBM and I will report directly to Ginni. Our unwavering commitment to open source innovation remains unchanged.

Jim Whitehurst, CEO bei Red Hat

Doch so ganz unvereinbar sind die jeweiligen Unternehmensgrundsätze nicht, wenn man in die Geschichtsbücher blickt. IBM hat in Sachen Open Soruce durchaus einiges Engagement vorzuweisen, so ist in etwa die Entwicklungsumgebung Eclipse IDE ursprünglich hinter den Türen des IT-Giganten entstanden. Aber IBM hat sich auch in Sachen Linux (ebenfalls ein wichtiger Teil des Red-Hat-Pakets) verdient gemacht und ist im Java-Umfeld durch Projekte wie MicroProfile, OpenJ9 und Jakarta EE durch seinen Open-Source-Enthusiasmus aufgefallen. Mit Google wurde an Istio gearbeitet.

Die Zukunft ist Open Source

Natürlich brennt nach dieser Ankündigung die Luft in den sozialen Netzwerken. Viele Mitglieder der Community sind verunsichert oder haben ganz andere Ideen, was hinter dem Milliarden-Deal stecken könnte. Joseph Jacks hat dazu eine interessante These:

Es geht also vielleicht nicht (nur) um den Cloud-Markt, sondern vielleicht auch einfach generell um die Zukunft des Traditionsunternehmens IBM. IBM ist, genau wie Microsoft, bislang wenig in Sachen Open Source in Erscheinung getreten. Amazon und Google stehen zwar häufig in der Kritik, haben aber den Open-Source-Gedanken ganz anders verinnerlicht. Sind also die Akquisitionen von GitHub durch Microsoft bzw. Red Hat durch IBM getrieben von dem Wunsch, die Unternehmen für die kommende Dekade wieder relevanter zu machen? Es sieht fast so aus.

Nach Sacha Labourey, CEO von CloudBees, sieht die Sachlage für IBM noch dramatischer aus: Für ihn ist dies IBMs letzte Chance, auch in Zukunft noch eine Rolle zu spielen, eine „Alles oder Nichts“-Wette quasi, bei der IBM sein ganzes Dasein auf die Public Cloud setzt. Dass Red Hat in diesem Jahr wohl unter den Hammer kommen würde, war für ihn hingegen weniger überraschend, als der letztendliche Käufer.

Red Hats Geschäftsmodell, so Labourey, hat seine Ursprünge in den Anfangsjahren der Open-Source-Bewegung und ist nach dem heutigen Stand der Dinge nicht mehr rentabel: Da sämtliche Angebote quelloffen zur Verfügung stehen, kann die Konkurrenz ähnliche Produkte bei deutlich niedrigeren Kosten anbieten. Das Kerngeschäft von Red Hat (Linux und Middleware) haben wenig Wachstumspotential und das modernere Produktportfolio konnte Red Hat nicht vollständig tragen.

Die Übernahme von Red Hat durch IBM ist also, so könnte das Fazit aus dem Megadeal lauten, der Rettungsring für beide Unternehmen – das eine ein wenig verstaubt, das andere seiner Zeit vielleicht ein wenig voraus. Gemeinsam könnten sie bald im Cloud-Segment sehr stark sein…

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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