Automatisierte Anwendungsentwicklung in der Cloud im Fokus

IBM Innovate 2014

Michael Wagner
© shutterstock.com/Christos Georghiou

Schnelle Anwendungsentwicklung, automatisierte Tests und ferngesteuert Installation sind Voraussetzungen für die schnelle Weiterentwicklung von Clouddiensten – so die Erkenntnis der Konferenz Innovate 2014. Für die Cloudplattform BlueMix stellt IBM diverse Neuerungen vor, mit denen die Fähigkeiten der Rational-Entwicklungswerkzeuge in die Cloud übertragen und automatisiert werden.

Ganz im Zeichen von DevOps, dem Zusammenwachsen der Praktiken von Entwicklung (Development) und Betrieb (Operations) stand die IBM-Konferenz Innovate 2014, die Anfang Juni in Orlando, Florida, stattfand. Neben den Innovationen der Rational-Produkte zur Beschleunigung der Anwendungsentwicklung, der Automatisierung von Tests und der schnelleren Einführung in die Produktion drehte sich die Veranstaltung vor allem um „BlueMix“, eine Plattform as a Service, die alle diese Techniken in einer einheitlichen, leicht zu bedienenden Umgebung vereinigen soll. Neben vier neuen Diensten, einigen Prototypen und einer Integration mit der Cognitive-Computing-Plattform Watson stellte IBM auch erste Anwenderberichte zu BlueMix vor.

Schnelle Anwendungsentwicklung in der Cloud

BlueMix basiert auf dem Open-Source-Framework Cloud Foundry, dessen unterstützender Foundation neben den Initiatoren VMware und EMC schon vor Längerem auch IBM beigetreten ist. BlueMix wird auf Basis der Infrastructure-as-a-Service-Cloud Softlayer, der gleichnamigen Tochter, implementiert und befindet sich noch im bislang frei zur Verfügung gestellten Beta-Status. Für Ende Juni kündigte IBM die allgemeine Verfügbarkeit an (siehe Kasten), und für den Herbst die Öffnung der BlueMix Cloud für Services von Dritten.

BlueMix bietet verschiedenen Services für Mobile-Anwendungen, Cloudanwendungen sowie deren Anbindung an Legacy-Systeme, zu denen sich anlässlich der Innovate 2014 vier weitere gesellen: AppScan, Embedded Reporting, Workflow und eine „Continous Delivery Pipeline“. Außerdem sind mit „Mobile Quality Assurance“ und „Mobile Test Virtualization“ Testservices für mobile Anwendungen in Vorbereitung und mit „RapidApp“ eine schnelle Anwendungsentwicklungsumgebung.

Mit dem AppScan-Service stellt IBM die schon als Rational-Produkt bekannte „Security by Design“-Lösung als integralen Dienst aus der Cloud zur Verfügung. Mobile Anwendungen und Webanwendungen, die mit BlueMix erstellt wurden, können mittels AppScan auf typische sicherheitsrelevante Programmierfehler untersucht werden. Das Werkzeug weist auf bekannte Sicherheitslücken hin und macht, soweit möglich, Vorschläge für deren Behebung. Der Embedded-Reporting-Dienst stellt die aus der Cognos-Produktfamilie bekannte Rave Engine für die Aufbereitung von Online-Reports, mit der sich auch anspruchsvolle grafische Layouts realisieren lassen, nun auch aus der Cloud zur Verfügung. Der Workflow-Dienst ermöglicht die Zusammenstellung von komplexen Workflows per Drag and Drop aus vorgefertigten JavaScript-Bausteinen, die um eigene Codefragmente ergänzt werden können.

Abb. 1: Mit BlueMix ermöglicht IBM die Automatisierung der Weiterentwicklung von Cloud-Diensten (Quelle: IBM)

Die Continous Delivery Pipeline ermöglicht eine Automatisierung der Compilierungs-, Test- und Deployment-Vorgänge auf Basis von plattformspezifischen Patterns. Es wird unter anderem die SoftLayer Cloud unterstützt, die BlueMix zugrunde liegt und auf dem Open-Source-Standard OpenStack basiert. Es können aber auch eigene Konfigurationen automatisiert werden. Mithilfe des Urban-Code-Deployment-Werkzeuges ist eine Verteilung von Code in Legacy-Umgebungen wie CICS, IMS, SAP und z/OS möglich. Werden alle automatisierten Testfälle fehlerlos durchlaufen, ist ein vollautomatisches Deployment in Produktionsumgebungen möglich. BlueMix realisiert so die Automatisierung von Test und Deployment von Cloudanwendungen sowie deren Anbindung an Legacy-Backend-Systeme und ermöglicht es, schnell auf Marktveränderungen zu reagieren.

Virtualisierung von SAP-Umgebungen

Parallel zur Innovate wurde gemeinsam von IBM und SAP die Zertifizierung von SAP-Diensten in der Cloudinfrastruktur der IBM-Tochter SoftLayer bekanntgegeben. Durch die „Managed Cloud Services for SAP“ werden neben der SAP-HANA-One-Technologie über die SAP-Business-Suite-Software auch SAP-BusinessObjects-Lösungen unterstützt. Die Clouddienste für SAP stehen in 40 Rechenzentren auf fünf Kontinenten weltweit für Entwicklung, Test und Produktionszwecke zur Verfügung. Passend dazu erfolgte auf der Innovate die Ankündigung des „Rational Integration Tester for SAP“ (RITS) und des „Rational Test Virtualization Server for SAP“ (RTVS). Beide Produkte ermöglichen eine Entkoppelung von Anwendungen und SAP-Umgebungen, um z. B. die Testautomatisierung von mobilen Anwendungen und Cloudanwendungen ohne Belastung von SAP-Produktionsumgebungen durchführen zu können.

Testvirtualisierung für mobile Anwendungen

Weitere BlueMix-Dienste in Vorbereitung sind der „Mobile Quality Assurance“-(MQA-)Service und der noch in Alpha-Stadium befindliche „Mobile Test Virtualization“-Service. Letzterer erlaubt die Automatisierung der Tests mobiler Anwendungen auf Basis von Geräteemulatoren in der Cloud und schließt dabei auch eine „Chaos Monkey“ genannte Phase zufälliger Eingaben ein. Für Android-Geräte ist dies bereits heute möglich, für iOS-Geräte ist dieser Service in Vorbereitung.

Für die Sammlung und Auswertung der Ergebnisse von Feldtests dient der „Mobile Quality Assurance“-(MQA-)Service. Die zu testenden Anwendungen werden so instrumentiert, dass im Fehlerfall automatische Metadaten über das eingesetzte Mobilgerät gesammelt und zusammen mit einem optionalen Kommentar des Benutzers und ggf. einem Screenshot der Anwendung an das Entwicklerteam geschickt werden. Mit „RapidApps“ steht schließlich eine schnelle Anwendungsentwicklungsumgebung für BlueMix zur Verfügung, die es ermöglicht, unter anderem durch Drag and Drop von JavaScript-Komponenten und manuelle Erweiterungen der Scripte mobile Anwendungen und korrespondierende Cloudanwendungen zu bauen.

Mit Watson in die BlueMix-Cloud

Ein echte Überraschung auf der Innovate war die Bekanntgabe der Gewinner der „Watson Mobile Developer Challenge“. Seit dem Mobile World Congress in Barcelona im Februar hatten über 400 Kandidaten und zuletzt 25 Finalisten mit der Cognitive-Computing-Plattform Watson eigenständige Lösungen entwickeln können. Die drei Gewinner GeniMD, Majestyk Apps und Red Ant werden nun von IBM bei der Vermarktung der entwickelten Produkte unterstützt.

Anlässlich der Preisverleihung demonstrierte IBM die Integration der Watson-Technologie in die BlueMix-Cloud. Über die einfache Frage-und-Antwort-Schnittstelle ist es gleichzeitig möglich, die kognitiven Fähigkeiten von Watson mit speziellem Wissen zu trainieren und dabei auch Analogieschlüsse auf Basis des gelernten Materials zu erfragen. Die Hauptarbeit in der Nutzung von Watson liegt daher in der Selektion und Aufbereitung von geeignetem Trainingsmaterial. Die Schnittstelle selbst lässt sich dagegen über diverse Standards wie REST schnell implementieren.

Aufmacherbild: A cloud computing internet concept with information flowing to and from the cloud von Shutterstock / Urheberrecht:Christos Georghiou

[ header = Seite 2: Erste BlueMix-Anwender ]

Erste BlueMix-Anwender

Auch schon ohne Watson im Hintergrund erfreut sich die BlueMix-Cloud nach Angaben von IBM hoher Akzeptanz und Nachfrage durch die Anwender. Als Beleg dafür berichteten die fünf Anwender BART, GE Capital, FIMC, MyMenu und aPersona über ihre Erfahrungen als Beta-Tester der BlueMix Cloud Services. Zum Teil griffen sie aber auch noch auf die herkömmlichen DevOps-Werkzeuge von Rational zurück, um die jeweiligen Entwicklungsprojekte zu stemmen.

BART, das Bay-Area-Rapid-Transit-System aus San Francisco, immerhin der fünftgrößte öffentliche Verkehrsbetrieb der USA, nutzt BlueMix und DevOps für die Entwicklung von mobilen Anwendungen, deren Unterstützung durch die Cloud und deren Anbindung an Backend-Systeme. Die Lösung wird genutzt, um die eigene Verkehrsinfrastruktur wie Züge, Stationen oder Gleisnetze besser zu managen und in Zukunft in Echtzeit auch mobil überwachen zu können. Dem Entwicklungspartner Synchrony System gelang nach Angaben von BART durch Kombination der BlueMix-Plattform mit IBM-DevOps-Produkten die Verkürzung der Entwicklungszeit der mobilen Anwendung von sechs Monaten auf 15 Tage.

GE Capital, der Finanzdienstleister von General Electric, baute eine eigene Entwicklungsplattform mit BlueMix- und DevOps-Techniken einschließlich des Echtzeit-Reportings von Entwicklungsdaten, um die Erweiterung der eigenen Webseite und auch um Anwendungen für Predictive Analytics durch kontinuierliches Feedback aus der Nutzergemeinde zu beschleunigen. Die Weiterentwicklung der GECapitalBank.com gelang in Wochen bis Monaten statt der ursprünglich prognostizierten Monaten bis Jahren.

FIMC, einem Versicherungsdienstleister aus New York, gelang mithilfe von BlueMix die schnelle Entwicklung von mobilen Anwendungen und deren Verbindung zu Backend-Systemen. Durch die Unterstützung von schneller Roadside Assistance und der Beschleunigung von Schadensmeldungen gelang in Kombination mit der Einbindung von sozialen Medien eine Steigerung der Vertragsverlängerungsrate um 30 %.

Das Start-up MyMenu aus Austin, Texas nutzt BlueMix Cloud Services, um seine App für Restaurantsuche und Bestellservice sowie deren Bewertungsfunktionen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Das Start-up aPersona erweitert die BlueMix-Cloud um einen innovativen Identifizierungsdienst, der eine benutzerindividuelle Multifaktor-Authentifizierung implementiert.

Innovation bei DevOps-Werkzeugen

Neben dem Wirbel um die BlueMix-Cloud traten die Innovationen der regulären DevOps-Entwicklungswerkzeuge von Rational fast in den Hintergrund. Aus der Fülle von kleineren Neuerungen zu den DevOps-Produkten von IBM Rational sind im Folgenden die wichtigsten kurz zusammengefasst.

Der Rational System Architect (RSA) wartete mit einer Integration von EAM mit PPM, CLM und Continous Engineering auf. Es werden zusätzliche Referenzmodelle unterstützt, und die Reporting-Fähigkeit für Entscheidungsunterstützung und Metriken wurde verbessert. Die Überprüfung von Regulationsanforderungen wird nun ebenso schon auf der Modellebene ermöglicht wie die Berücksichtigung von Ausfallsicherheit bei der Auslegung von Systemen schon in der Planungsphase.

Bei Rational Team Concert (RTC aka Jazz) wurde die Anpassungsfähigkeit der Prozessgestaltung weiter vorangetrieben. So kann die Prozessteuerung nun über frei definierte Anwenderschlüsselwörter erfolgen, um einen regelgesteuerten Workflow des Entwicklungsprozesses festzulegen. Rollendefinitionen erfolgen nun mit Vererbung von Rechten feiner als Operationen, und mit Verhaltensdefinitionen (Behavior) werden die Werkzeuge vor/nach jeder Operation gesteuert. Die Konfigurationen von Teambereichen wurden ebenso erweitert wie die Vererbungsmöglichkeiten zwischen Master-Projekten und Unterprojekten, die Unterstützung für Kanban-Entwicklungsprozesse und die Unterstützung für multiple Projekte einschließlich CLM.

Rational Performance Tester (RPT) kann nun wesentlich mehr typische Benutzerinteraktionen simulieren, wie etwa Mouse Hovers, die zu Serveraktivitäten führen, und verbessert damit die Simulation des Nutzerverhaltens deutlich. Ein automatischer Vergleich von Response Data mit Systemaufrufen und die Unterstützung von globalen Sequenznummern ermöglichen eine schnellere Analyse der Fehler von Webanwendungen, die nun auch auf einzelne Seitenelemente heruntergebrochen werden kann. Analog werden nun auch SAP-GUI-Anwendungen und ihre Korrelationen mit dem SAP Web Dynpro Framework in der Fehleranalyse unterstützt.

Die Vielzahl weiterer einzelner Verbesserungen der inzwischen fast unüberschaubaren Vielfalt von Rational-Produkten würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Mit der zunehmenden Verfügbarkeit der Funktionalität der Rational-DevOps-Werkzeuge in der BlueMix-Umgebung hat IBM aber einen deutlichen Weg in Richtung Automatisierung der Anwendungsentwicklung in der Cloud eingeschlagen.

BlueMix Verfügbar

In der Zwischenzeit hat IBM BlueMix veröffentlicht und um weitere Services wie Sicherheitsdienste und zusätzliche Entwicklungswerkzeuge ergänzt. Von den dreißig Services die BlueMix derzeit bietet sind sechzehn kostenlos. Das Lizenzmodell für die übrigen Dienste ist verbrauchsorientiert, wie zum Beispiel für CPU-Leistung, Speicherplatz oder Transaktionen. Dadurch sind die Preise für BlueMix-Anwendungen aber auch schwer vergleichbar mit anderen Cloud-Angeboten, da konkrete Preis von der Anwendungsarchitektur und der Nutzung der Dienste zur Laufzeit abhängt. Ein flaches „per User Pricing“ wie bei anderen Angeboten gibt es derzeit nicht.

Geschrieben von
Michael Wagner
Michael Wagner
Dr. Michael P. Wagner ist als Managementberater und Publizist in Moosham bei München tätig.
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
400
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: