Aus dem Entwicklernähkästchen - Teil 2

Elfmal Kryptonit: Das waren die Hypes des Tech-Jahres 2018

Hartmut Schlosser

© Shutterstock /  Aniwhite

Aus dem Entwicklernähkästchen plaudern IT-Profis aller Couleur über Tops und Flops des Technologiejahrs 2018. Im zweiten Teil unserer Serie kommentieren die Experten die Hypes des Jahres 2018.

Dein Kryptonit: Welcher Hype in der Tech-Szene ging dir 2018 besonders auf den Geist?

loewenstein_bernhard_sw1-170x190Softwaretechnisch würde ich hier Microservices auf Spring-Boot-Basis nennen. Bitte nicht falsch verstehen! Systeme mit Spring und Spring Boot zu bauen ist eine coole Sache und macht Spaß, und es gibt definitiv diverse Anwendungsfälle, wo sich Microservices gewinnbringend einsetzen lassen. Nur scheint es derzeit so, als würden über Nacht alle Erfahrungen aus den letzten Jahrzehnten nichts mehr wert sein. Da opfern manche Unternehmen ihre zentrale Datenhaltung oder geben den Grundsatz auf, dass man die Zahl der verschiedenen eingesetzten Technologien möglichst gering halten sollte. Irgendwann kommt der Boom-erang (sic!) zurück – und dann wird es für manche Unternehmen das große Erwachen geben!

Hardwaretechnisch ging mir der erneute Hype um Elektroautos ziemlich auf den Geist. Man verkauft uns permanent das Märchen, dass der Strom direkt aus der Steckdose kommt und ohne jegliche Nebenwirkung erzeugt werden kann.

Ansonsten finde ich noch nervig, dass immer mehr Unternehmen glauben, die Time-to-Market noch mehr reduzieren zu müssen – und dies dann massiv auf Kosten der Qualität geht. Meine Stammbank hat eine Internet-Banking-Applikation online geschalten, in der monatelang Bugs in Standardaktionen zu finden waren. Ich wollte dann bei einer anderen Bank ein Konto eröffnen. Bei der Video-Identifikation war ich dort aber scheinbar der erste Kunde, denn da hat nichts funktioniert. Die Dame am Ende des Videokanals korrigierte wohl live die Programmierfehler, denn beim Auftreten eines Problems fing sie wie wild in die Tastatur zu hämmern an, und forderte mich danach immer wieder zum Webseiten-Reload auf – plötzlich ging es weiter bzw. war die Oberfläche geringfügig verändert. So ging es bis zum Versand des TAN-Codes per SMS. Dort war dann endgültig Schluss, da sie dieses Problem nicht mehr selbst beseitigen konnte, sondern weiterleiten musste. Ich frage mich echt, was in Produktmanagern vorgeht, die solche Produkte freigeben?

Bernhard Löwenstein – Inhaber von Lion Enterprises

 

Viele Teams, mit denen ich zu tun habe, übertreiben es mit den Microservices und bauen „Nanoservices“. Aus jeder noch so kleinen Funktion wird ein Service und aus Funktionsaufrufen werden Service-Calls. Dass solche Systeme weder stabil noch performant sind, versteht sich von selbst. Das Konzept der Microservices hat eine Menge Vorteile. Durch übertrieben kleine Strukturen kommt es aber ungerechtfertigt in Verruf.
Rainer Stropek – software architects / www.IT-Visions.de

 

Mein Vorteil ist, dass ich als Toolhersteller (jOOQ) mich nicht allzu sehr um Technologien und Architekturen kümmern muss. Somit sind mir z.B. NoSQL, Blockchain, Microservices, AI/ML/etc. ziemlich egal. (Wobei AI und wie es sonst so genannt wird wirklich zu Recht gehyped wird)

Am meisten nervte mich aber der Blockchain Hype. Ich sehe viele Unternehmer in der nicht-IT Welt, die auch von nichts anderem mehr labern als wie sie ihr Unternehmen „auf die Blockchain“ bringen müssen. Dabei hat die Blockchain ja nicht mal im „Kernanwendungsfall“ bewiesen, dass sie was taugt.

Mit der Blockchain ist es etwa so wie mit Sex in Teenagerjahren. Alle sprechen darüber, niemand weiß wirklich, wie es geht, alle denken, dass alle andere es tun, drum tun alle so, als würden sie es selber tun.
Lukas Eder – Gründer Data Geekery, der Firma hinter jOOQ

 

Der Kauf von GitHub durch Microsoft und die Reaktionen darauf gingen mir persönlich ziemlich auf den Geist! Ständig habe ich Anfragen von verängstigten Entwicklern bekommen, weil deren Chef gesagt hat: “Hey wir müssen wechseln, zu Gitlab oder wohin auch immer!” Aber ich verstehe die Angst nicht: Hey Leute, GIT ist ein verteiltes Versionsverwaltungssystem! Der gesamte Quellcode und die gesamte Historie liegen als vollständige Kopie auf dem Rechner eines jeden Developers. GitHub ist nur einfach ein weiterer Platz, wo das Repository liegt, einer von vielen. Wenn GitHub plötzlich Geld kostet, dann pushe es woanders hin! Ich sehe den Kauf von GitHub durch Microsoft eher positiv: Ich denke, die langfristige Verfügbarkeit dieser Infrastruktur ist bei einem Partner wie Microsoft besser aufgehoben als bei einer kleinen Firma, deren Namen nicht mal jemand kennt.
Uwe Schindler – Entwickler bei SD DataSolutions und PMC-Mitglied Apache Lucene

 

Die ominösen Versuche einiger Firmen, die Blockchain als Hype zu etablieren, ging mir gehörig auf den Sack. Ich habe schlicht Angst um unsere Umwelt, wenn sich diese Technik weiter verbreitet, solange wir keine Antworten auf den Energieverbrauch haben. Dann natürlich der darauf aufsetzende Crypto-Currency-Rausch. Der Doge Coin zeigt, was für Verwirrungen da herrschten und vielleicht immer noch herrschen.

Darüber hinaus fand ich es sehr spannend zu sehen, dass „Beware of Microservices“-Artikel und -Talks plötzlich wie Pilze aus dem Boden geschossen kamen. Warum müssen Entwickler jedem Hype hinterher rennen, statt Architektur und Technologie vom konkreten Fall abhängig zu machen?
Joachim Arrasz – Software- und Systemarchitekt bei synyx, Leiter der CodeClinic

 

Da fällt mir jetzt nix dazu ein. Offenbar bin ich in der glücklichen Lage, mich mit Technologien zu beschäftigen, die mir definitiv nicht auf den Geist gehen, sondern mich faszinieren.

Markus Ehrenmüller-Jensen – Data Platform MVP und Professor für Datenbanken und Projekt-Engineering an der HTL Leonding

 

Das war sicherlich „Blockchain“. Ich finde das Thema zwar aus technischer Sicht durchaus interessant, aber bei den meisten vorgeschlagenen bzw. beworbenen Nutzungsmöglichkeiten konnte ich dann doch nur mit dem Kopf schütteln. Ich bin gespannt, wann ich das erste Mal einen Anwendungsfall kennenlerne, der mich wirklich überzeugt.
Manuel Mauky – Software-Entwickler bei der Saxonia Systems AG

 

Kein besonderer Hype, sondern eher die verschiedenen Blog-Artikel nach dem Muster „Tech A vs. Tech B“. Zu oft wird ein Gewinner gesucht, anstatt klar und fundiert Empfehlungen für spezifische Use Cases und Szenarien zu finden. Tech A ist selten für jeden das Richtige. Und daraus folgt auch nicht zwingend, dass es Tech B sein muss. Vielleicht sind es am Ende sogar Tech A _und_ Tech B 🙂
Tobias Gesellchen -Softwareentwickler bei der Europace AG

 

thomas_kruseDer Teil rund um Blockchain, der Hype ist.
Thomas Kruse – Architekt bei der trion development GmbH und Leiter der Java Usergroup Münster.
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Der Hype um Künstliche Intelligenz und was viele dafür halten, ist teilweise schwer zu ertragen. Da wird in bestehende Software einfach eine „KI eingepflanzt“ und fertig ist der Hype. Es gibt da ein bestimmtes Zitat von Dan Ariely zum Thema Big Data aus dem Jahr 2013, das ich in dem Zusammenhang gerne etwas anpasse:

„Artificial Intelligence is like teenage sex: everyone talks about it, nobody really knows how to do it, everyone thinks everyone else is doing it, so everyone claims they are doing it…“
Ralf Eggert – Geschäftsführer der Travello GmbH, Zend-Framework-Experte und Alexa Champion.

 

AI, Blockchain und Serverless. Allen drei Themen ist gemein, dass sie zwar durchaus Potenzial haben und für einige Anwendungsfälle interessant sind – aber unter’m Strich viel zu viel in sie hineininterpretiert wurde. Vor allem bei AI fällt auf, dass eine gewisse unkritische Technologie-Gläubigkeit herrscht: Zu viele Menschen denken bei AI an eine Art „Magie“ und verstehen nicht, dass auch ein neuronales Netzwerk nur eine mathematische Funktion ist, wenn auch zugegebenermaßen eine sehr komplexe. Allen Fortschritten in der AI zum Trotz, die im Wesentlichen übrigens lediglich auf einer deutlich gestiegenen Rechenleistung beruhen, verstehen wir nach wie vor nicht einmal ansatzweise, was Intelligenz tatsächlich ist – geschweige denn, wie man sie künstlich hervorbringen könnte.

Eine ähnliche unkritische Haltung erlebe ich häufig beim Thema „Blockchain“: Diese Technologie wird so oft als die Zukunftstechnologie der Menschheit schlechthin beschrieben, die angeblich auf „magische Weise“ alle gesellschaftlichen Probleme lösen wird. Dass es sich bei einer Blockchain letztlich um ein relativ einfaches Konstrukt handelt, nämlich eine verteilte Datenbank mit Konsens-Verfahren, wird dabei gerne übersehen.

Last but not least das Thema „Serverless“, bei dem oft suggeriert wird, dass man keine Server mehr bräuchte: Das ist völliger Quatsch, denn natürlich läuft Cloud-Software nach wie vor auf Servern – nur muss man sich eben nicht mehr dezidiert um die Server kümmern. Alle drei sind wie gesagt spannende Themen, aber man sollte ihnen mit einer gewissen Skepsis und einem gewissen Abstand begegnen.

Golo Roden – Microsoft MVP und Gründer von the native web.

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Content-Stratege, IT-Redakteur, Storyteller – als Online-Teamlead bei S&S Media ist Hartmut Schlosser immer auf der Suche nach der Geschichte hinter der News. SEO und KPIs isst er zum Frühstück. Satt machen ihn kreative Aktionen, die den Leser bewegen. @hschlosser
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