Interview mit Björn Müller

Hype Frameworks fürs Frontend: „Differenziere in deiner Anwendung die langfristigen und die spontanen Bereiche“

Florian Roos

Björn Müller

Immer gleich dem neuesten Trend, dem aktuellen Hype folgen? Das ist problematisch, sagt Björn Müller, Experte für Oberflächentechnologien und -architekturen in Geschäftsanwendungen. Im Interview zur JAX 2019 sprachen wir mit ihm darüber, wie man sich davor schützen kann, einem leeren Hype aufzusitzen und wie man solche erkennt.

Wer Björn Müller einmal live erleben möchte, der hat auf der diesjährigen JAX, die vom 6. bis 10. Mai in Mainz stattfindet, die Gelegenheit dazu. Die JAX ist die Konferenz für moderne Java- und Web-Entwicklung, für Software-Architektur und innovative Infrastruktur. Bekannte Experten vermitteln hier ihr Erfahrungswissen – verständlich, praxisnah und erfolgsorientiert. Ein besonderer Fokus liegt auf Java Core- und Enterprise-Technologien, Microservices, dem Spring-Ökosystem, JavaScript, Continuous Delivery und DevOps. Björn Müller spricht in seiner Session Web-UI-Entwicklung – Hype-Survival-Guide für Geschäftsanwendungen über die Probleme, die es mit sich bringen kann, wenn man seine Anwendung auf einem Framework aufbaut, dessen Halbwertszeit zu gering ist.

JAXenter: Weshalb siehst du regelmäßige Wechsel der Frontend-Technologie als illusorisch an?

Björn Müller: In den Kernbereichen von Anwendungen sind die Investitionen einfach zu hoch, die ein Wechsel einer Frontend-Technologie mit sich bringt. Und die Benutzer (z.B. Sachbearbeiter) sind auch nicht gerade freudig überrascht, wenn sich wegen eines Technologiewechsels die Dialoge ändern. Anders sieht es in anderen Bereichen der Anwendung aus, z.B. bei Self-Service-Anwendungen oder Bereichen mit starkem Endkundenbezug: hier denkt man spontaner und Design-getriebener – und kann deswegen auch einfacher Technologiewechsel durchführen.

Ob ein UI Framework langfristig hält oder nicht, das kann man am Anfang nie genau wissen.

JAXenter: Wie kann man es vermeiden, einem (leeren) Hype aufzusitzen und damit auf ein nicht mehr aktuelles oder betreutes Framework angewiesen zu sein?

Björn Müller: Ob ein UI Framework langfristig hält oder nicht, das kann man am Anfang nie genau wissen – die Liste von auch großen Framework-Namen, die inzwischen auf „depreacted“ stehen, ist einfach zu lang. Somit gilt: einerseits schauen, welche Rolle die Langfristigkeit in der Architektur des Frameworks spielt, und andererseits schauen, welche Kompatibilitätshistorie der Anbieter so hat.

JAXenter: Mit welcher Strategie kann man seine Anwendung resistent gegenüber Hypes machen? Worauf muss man achten?

Björn Müller: Das Zauberwort heißt: saubere Schnittstellenbildung – und das klingt erst einmal banal. Wie schaffe ich es, möglichst viel Code nicht in direkte Abhängigkeit zu einem UI Framework zu schreiben? Eine ganz zentrale Schnittstellenfrage ist die Entscheidung, ob man eine „Client-centric“- oder eine „Server-centric“-UI-Architektur hat. Beide haben Vor- und Nachteile, aus Sicht einer Langfrisikeit ist die „Server-centric“-Architektur aber unschlagbar – bei ihr ist der gesamte Client eine Art Rendering-Engine, die über Schnittstellen entkoppelt ist. In unserer eigenen Historie waren wir über diese Abkopplung in der Lage, komplexe Anwendungen ohne Änderung und nur durch Austausch des Renderers von Java-Swing nach HTML umzustellen.

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JAXenter: Deine Session auf der JAX wird mit Beispielanwendungen gespickt sein, kannst du uns vllt. einen kleinen Vorgeschmack geben?

Björn Müller: Eine ganze Menge von Beispielen werden gezeigt: ein Produktionsplanungssystem mit grafischem Leitstand, ein SAP-Cloud-basiertes System im Bereich der Zutrittskontrolle, grafische Modellierungssysteme im Bereich der Geschäftsmodellierung – und weitere… In den Beispielen wird auch konkret unser Übergang von Java-Swing nach HTML gezeigt.

Der Hype, auf dem du heute deine Entwicklung startest, wird kein Hype mehr sein, wenn du mit deiner Anwendung Geld verdienen willst.

JAXenter: Wie sieht das Take-away aus, mit dem Zuhörer aus deiner Session herausgehen sollten?

Björn Müller: Ich denke, das ist die Message: Differenziere in deiner Anwendung die „langfristigen“ und die „spontanen“ Bereiche! Und denke in den langfristigen Bereichen durchaus anders – und löse dich da von einem Hype-Denken! Denn eines ist sicher: der Hype, auf dem du heute deine Entwicklung startest, wird mit großer Wahrscheinlichkeit kein Hype mehr sein, wenn du mit deiner Anwendung Geld verdienen willst…

JAXenter: Bitte beende diese drei Sätze:

Björn Müller:

  • Die große Problematik an Hype-Frameworks besteht in… der Tatsache, dass Deine Anwendung – hoffentlich! – wesentlich länger lebt als der Hype.
  • Anwendungen, die vor dem Problem eines gehypten und nicht lange unterstützten Frontend-Frameworks standen, sind… beispielsweise Entwicklungen, die auf AngularJS gestartet haben und dann schmerzvoll auf Angular 2 umgezogen sind.
  • Der am wenigsten gerechtfertigte Framework-Hype war… uuuh, das will ich hier nicht beantworten: ein Hype hat immer eine Rechtfertigung – und sei es das Marketing des Herstellers! 😉

JAXenter: Vielen Dank für das Interview!

Björn Müller ist seit 2001 im Bereich Oberflächentechnologien und -architekturen für Geschäftsanwendungen tätig, im selben Jahr hat er auch die Casabac Technologies GmbH gegründet, die seit 2005 Bestandteil der Software AG ist. 2007 gründete er die CaptainCasa-Community und entwickelte das Client-Framework Enterprise Client. Im Jahr 2016 entwickelte er die RISC-HTML-Methode als langfristig stabile Grundlage für anspruchsvolle Web-UI-Entwicklungen.
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Florian Roos
Florian Roos
Florian Roos ist Redakteur für Software & Support Media. Er hat Politikwissenschaft an der Technischen Universität Darmstadt studiert und erste redaktionelle Erfahrungen in den Bereichen Games und Consumer-Hardware gesammelt.
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2 Kommentare auf "Hype Frameworks fürs Frontend: „Differenziere in deiner Anwendung die langfristigen und die spontanen Bereiche“"

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„In den Beispielen wird auch konkret unser Übergang von Java-Swing nach HTML gezeigt.“

Auch HTML5 ist gewissermaßen ein Hype und reicht noch immer nicht an alteingesessene UI-Frameworks wie JavaFX oder QT ran. Heute glauben einige sogar, eine HTML5 Anwendung mit Browser, Node und Electron sei eine vollwertige Desktop Applikation.

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