Customer First statt Cloud First

Hybride IT-Strategie: Agil auf Cloud und Mainframe arbeiten

Thomas Keisel

© Shutterstock / Fernando Madeira

Viele Entwickler und Systemarchitekten begeistern sich für neue Technologien und Methoden. Doch dabei gilt es auch immer, das Unternehmen und seine Anwender im Blick zu behalten. Da in der Realität keine Lösung für alle Anforderungen optimal ist, empfiehlt sich oftmals eine Zwei-Plattform-IT, die zum Beispiel aus flexiblen Cloud-Lösungen und zuverlässigen Mainframe-Prozessen besteht.

„Cloud First“ und „KI-Powered“, so lauten aktuelle Schlagworte. Diese gibt es nicht zu Unrecht. Zuallererst sollten aber die Anforderungen und Spezifika des Unternehmens im Mittelpunkt stehen. Die zentrale Fragestellung muss deshalb lauten: Was braucht das Unternehmen? Dies führt zum Begriff „Customer First“. Denn neue Lösungen können nur dann erfolgreich sein und für das Unternehmen Mehrwert schaffen, wenn der Nutzer sie auch akzeptiert und einsetzt. Ihn interessieren aber nur selten die Entwicklungsprozesse oder Plattformen für die Anwendungen, sondern Stabilität, Verfügbarkeit und Performance.

Komplette „Cloudisierung“ ist nicht entscheidend

Die Migration in die Cloud bringt zweifellos höhere Flexibilität und entlastet IT-Verantwortliche. Aber eine vollständige Cloudisierung ist nicht der Schlüssel für eine erfolgreiche digitale Transformation. Vielmehr sind es die Mitarbeiter und die gesamten Unternehmensstrukturen, die im Mittelpunkt einer zukunftsfähigen Transformation der Unternehmensleistungen und Services stehen. Denn die Mitarbeiter liefern, in passenden Teamstrukturen, Ideen und stoßen Innovationen an.

Auf dem Weg von Ideen über Prototypen hin zu Lösungen für den Betrieb geht es dann darum, einen Kompromiss zwischen schneller Entwicklung und hoher Qualität zu finden. Wichtig ist es, das Ziel, die richtigen Produkte und Services für die Kunden zu generieren, nicht aus den Augen zu verlieren. Die Konzentration auf den Kunden kann auch bedingen, dass es sinnvoll ist, in modernen IT-Systemen einen herkömmlichen, sozusagen ruhenden Wert zu erhalten. Der Mainframe ist ein solcher Stabilitätsfaktor, dessen Leistungsfähigkeit neben der Cloud genutzt werden kann, um eine hybride IT-Umgebung zu schaffen.

Zwei IT-Plattformen, aber einheitliche agile Prozesse

Ob Ihre mobile Banking-App die Kontodaten von einem Großrechner abruft oder auf einer in der Cloud gehosteten App zur Verfügung stellt, wissen die Endkunden nicht – und es interessiert sie überwiegend auch nicht. Ihnen geht es darum, dass Produkte und Dienstleistungen qualitativ hochwertig sind, mit größter Geschwindigkeit geliefert werden und den Alltag erleichtern.

Zwar sind einige IT-Plattformen besser als andere geeignet, die verschiedenen Komponenten solcher Wertschöpfungsprozesse zu verwalten, aber keine einzige Plattform erfüllt alle Anforderungen. Im Falle des Mainframes hat sich in der Vergangenheit oftmals gezeigt, dass der Versuch, geschäftskritische Workloads in die Cloud zu migrieren, scheitern kann. Hohe Kosten und Jahre erfolgloser Arbeit können so auflaufen, während gleichzeitig die Stabilität und Sicherheit geschäftskritischer Anwendungen gefährdet wird.

Das sind wichtige Gründe, die für eine Zwei-Plattform-IT sprechen. Diese kann allerdings nur dann effektiv und eine echte Alternative zu einer reinen Cloud-Strategie sein, wenn beide Plattformen mit den gleichen Agile- und DevOps-Prozessen betrieben werden. Denn kein Unternehmen kann sich unterschiedliche Vorgehensweisen und Geschwindigkeiten in der IT leisten. Entwicklungen und Innovationen müssen – unabhängig von der Plattform – gleich schnell umsetzbar sein. Die Vorstellung, dass man auf dem Mainframe nicht agil arbeiten kann, trifft heute nicht mehr zu.

Denn bei der Software-Entwicklung geht es nicht mehr darum, ob die zugrunde liegende Hardware modern genug ist. Stattdessen müssen die Kultur, Prozesse und Werkzeuge rund um die Plattform eine höhere Geschwindigkeit, Qualität und Effizienz bei der Entwicklung und Bereitstellung ermöglichen. Zahlreiche Studien zeigen, dass Mainframe-Teams, die Agile/DevOps und Continuous Integration/Continuous Delivery einsetzen, ihre wichtigsten Herausforderungen in diesem Bereich meistern, indem sie Silos auflösen, iterativ arbeiten und hochwertigen Code herstellen.

Unternehmen können Mainframe und Cloud problemlos miteinander nutzen, um von den Stärken beider Plattformen zu profitieren. Die „Zwei-Plattform-IT“ bietet einen integrierten Ansatz, bei dem geschäftskritische Prozesse auf dem Mainframe und allgemeine Workloads auf XaaS-Ressourcen von Cloud-Anbietern laufen.

Dadurch werden wirtschaftliche Zwänge und die Komplexität der verteilten Serverinfrastruktur beseitigt. So können sich Unternehmen auf innovative Anwendungen konzentrieren, die Mainframe und Cloud über APIs integriert nutzen und sich plattformübergreifend mit DevOps-Tools bearbeiten lassen.

Mehr Geschwindigkeit und Vereinfachungen

Ohne die Notwendigkeit, Server und Anwendungen zu aktualisieren – darum kümmern sich die Cloud-Service-Provider – und auch weil Mainframe-Wartung und Upgrades durch die Continuous-Delivery-Initiative von IBM viel schneller als je zuvor laufen, beschleunigt sich die Systemwartung generell deutlich. Laut einer Studie von Dr. Howard Rubin erzielen Mainframe-lastige Unternehmen rund 14 Prozent mehr Kosteneinsparungen als Server-lastige Unternehmen. Darüber hinaus verringert die Migration von Commodity-Services von internen Servern in die Cloud den Platzbedarf des Rechenzentrums. Damit verbundene Kosten wie für Serverhardware und -software, Kühlung, Strom und 24/7-Betrieb, die für die Wartung einer x86-Umgebung erforderlich sind, reduzieren sich.

Entwickler und IT-Teams befähigen

Da weniger interne Soft- und Hardware gewartet werden muss, haben IT-Mitarbeiter die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Die bisherigen IT-Teams, die die Rechenzentrumsinfrastruktur unterstützen, können einen Teil ihrer Arbeitszeit nun für andere Tätigkeiten nutzen, zum Beispiel um neue Strategien für Infrastrukturen zu entwickeln, die Kundenwünsche schneller und flexibler erfüllen. „Back to Code“-Initiativen und andere Programme helfen den IT-Professionals dabei, ihr Wissen aufzufrischen oder neue Fähigkeiten zu erlernen, die sich direkt für die Produktentwicklung und Innovation auszahlen.

Dabei ist es entscheidend, die Mitarbeiter bei diesem Prozess mitzunehmen und sie bei der Verkleinerung des unternehmenseigenen Rechenzentrums und der Umverteilung von Zuständigkeiten nicht alleine stehen zu lassen. Sie müssen direkt spüren, dass sie weiter benötigt werden. Sonst laufen die Unternehmen Gefahr, Mitarbeiter zu verlieren oder wertvolle Potenziale bleiben ungenutzt.

Keine Plattform allein ist ein Allheilmittel für die Probleme, mit denen große Unternehmen in der digitalen Wirtschaft konfrontiert sind – weder der Mainframe noch die Cloud. Die Zusammenführung dieser beiden Plattformen ist jedoch oft der beste Ansatz, wenn es um Investitionen in zuverlässige, verfügbare und sichere Technologien geht, die genutzt werden können, um die Qualität, Geschwindigkeit und Effizienz von kundenorientierten Innovationen zu steigern.

Cloud First ist nicht das digitale Mantra, nach dem Unternehmen suchen sollten. Das Motto „Kundenanforderungen zuerst“, und eine Zwei-Plattformen-IT kann Unternehmen besser helfen, Innovationen voranzutreiben und Ressourcen optimal auszuschöpfen.

Verwandte Themen:

Geschrieben von
Thomas Keisel

Vice President für Zentral- und Osteuropa bei Compuware Mainframe Solutions

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
4000
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: