HTML5: Das mobile Web wird erwachsen

Ortung per Geolocation

Ein weiteres wichtiges Feature, das ebenfalls in einer separaten Spezifikation behandelt wird, ist die standardisierte Geolocation API. Vor allem bei mobilen Webapplikationen macht es oft Sinn, dass die Anwendung die aktuelle Position des Nutzers kennt. Anstatt den Benutzer die Adresse oder Postleitzahl eingeben zu lassen, kann nun die Applikation auf die Positionsdaten zugreifen, die mithilfe eines integrierten GPS-Moduls oder über die Cell-ID bzw. den WLAN Access Point ermittelt werden. Als Entwickler kann man über die API auf einfache Weise Länge und Breite der aktuellen geografischen Position des Geräts in JavaScript abfragen. Aus Datenschutzgründen wird bei den meisten Implementierungen, zum Beispiel bei iOS oder Android, der Benutzer beim Aufruf der API gefragt, ob er die Ortsinformationen an die Webapplikation weitergeben möchte oder nicht.

Auch das App Caching ist bei mobilen Anwendungen durchaus von Bedeutung. In HTML 5 lässt sich mithilfe einer so genannten Cache Manifest-Datei festlegen, dass der Browser Dateien nicht erneut herunterlädt, solange der Inhalt der Manifest-Datei nicht aktualisiert wird. Hierdurch kann vor allem bei Netzwerken mit hoher Latenzzeit der Start der mobilen Webanwendung erheblich beschleunigt werden, vor allem, wenn man alle statischen JavaScript-, CSS- und Bild-Dateien in die Manifest-Datei einträgt, sodass sie nur ein einziges Mal beim ersten Starten der Webapplikation heruntergeladen werden müssen.

Zahlreiche andere, neue Funktionen wie Forms, die eine lokale Validierung der eingegebenen Daten ermöglichen, ohne dass diese erst an den Server übermittelt werden müssen, sind bei der Entwicklung von mobilen Webapplikationen ebenfalls äußerst nützlich. Aber natürlich bieten auch die Elemente Canvas und Video ganz neue Möglichkeiten, um Grafiken und Videos in die Webseite einzubinden, ohne dass Plug-ins wie Flash oder Silverlight vorhanden sein müssen (was auf mobilen Geräten oft nicht der Fall ist). Gerade auf dem iPhone bzw. iPad, wo Apple bewusst kein Flash unterstützt, wird mit HTML 5 eine standardisierte Möglichkeit bereit gestellt, Videos in die Webseite einzubinden.

WebKit gibt den Ton an

Wie bereits gesagt, ist der HTML-5-Standard noch nicht endgültig verabschiedet. Laut W3C-Zeitplan soll er zwar W3C Recommendation-Status bis Ende 2010 erhalten, in der Praxis wird sich aber die Fertigstellung noch wesentlich länger hinauszögern. Viele mobile Browser, vor allem jene, die auf der WebKit Engine basieren, unterstützen allerdings schon einen Großteil der Funktionalitäten und APIs von HTML 5. Da sich die Spezifikation allerdings bis zur endgültigen Verabschiedung noch ändern kann, ist nicht sichergestellt, dass Webapplikationen, die man jetzt entwickelt, auch auf zukünftigen, standardkonformen HTML-5-Browsern noch ordnungsgemäß funktionieren. Ein weiteres Problem ist, dass auf mobilen Endgeräten im Vergleich zum Desktop wesentlich mehr unterschiedliche Webbrowser vorhanden sind, die nicht wirklich miteinander kompatibel sind.

Die Tatsache, dass immer mehr Plattformen die WebKit Engine als Standard für ihre Webbrowser einsetzen, macht das Ganze allerdings inzwischen etwas einfacher. So kommt neben zahlreichen weiteren, mobilen Plattformen sowohl bei iOS, Android, Symbian sowie seit der Version 6 auch bei Blackberry OS WebKit als Browser-Engine zum Einsatz. Die Tatsache, dass die verschiedensten Versionen von WebKit auf aktuellen Geräten verwendet werden, stellt allerdings weiterhin ein Problem für den Entwickler dar.

Bisher war die Nutzung von Gerätefunktionalitäten wie der Kamera oder der Zugriff auf das lokale Adressbuch in Webapplikationen entweder gar nicht oder nur durch den Einsatz proprietärer APIs möglich. Entsprechende Device APIs, die für Widget-Plattformen im Rahmen verschiedener Initiativen wie JIL, BONDI und WAC spezifiziert werden, schaffen hier Abhilfe. Durch das Konzept von Web-Widget, bei dem Webapplikationen als installierbares Paket heruntergeladen, installiert und lokal ausgeführt werden, wird der Übergang zwischen nativen und Webanwendungen immer fließender. Auch in diesem Bereich tut sich noch sehr viel und es ist zurzeit eine Konsolidierung verschiedener Initiativen zu beobachten, die sich der WAC (Wholesale Applications Community) anschließen. Für Geräte, die noch über keinen HTML-5-fähigen Browser verfügen oder keine spezifischen Device-APIs bereit stellen, bieten Application-Frameworks wie Phone Gap, QuickConnect, RhoMobile, Titanium Mobile oder andere eine interessante Brückenlösung, um mithilfe von HTML native Applikationen zu entwickeln.

Fazit

Mobile Webapplikationen werden immer leistungsfähiger und können dank zahlreicher APIs auf ähnlich viele Gerätefunktionalitäten wie native Applikationen zugreifen. Auch immer schnellere Datenverbindungen und Flatrates fördern die Verbreitung von mobilen Webapplikationen. Trotz allem ist der Kampf zwischen Web und Native noch lange nicht beendet. Vermutlich werden auf lange Sicht beide Technologien ihren Markt finden und sich gegenseitig ergänzen. Man sollte aber berücksichtigen, dass viele Anwender von Webinhalten gewohnt sind, dass diese kostenlos bereit gestellt werden. Bei mobilen Apps, die über einen App Store bereit gestellt werden, ist die Hemmschwelle für einen kostenpflichtigen Download wesentlich niedriger. Dies mag zum einen mit der unkomplizierten Abwicklung beispielsweise über den iTunes-Account zusammenhängen, ist aber sicher auch eine Mentalitätsfrage. Während viele mit kostenlosen Webinhalten aufgewachsen sind, gab es bei den App Stores von Anfang an auch kostenpflichtige Angebote, die von Benutzern akzeptiert werden. Aber auch Webapplikationen werden in Form von Widgets inzwischen in App Stores bereit gestellt, sodass man auch hierüber als Entwickler Einnahmen erzielen kann.

Kay Glahn ist unabhängiger IT-Berater mit den Schwerpunkten mobile Applications und Services. Er berät internationale Kunden bei der Umsetzung von Projekten im Mobile-Bereich.
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