Gretchenfrage 2.0: Sind Sie Architekt oder Entwickler?

Architekt werden?

Wer über den Tellerrand schauen möchte, erschließt sich dagegen auch Themen, die weit ab von seinem Standbein, seiner Komfortzone liegen. Ein mitunter schwieriger Start, da die Verknüpfungspunkte fehlen (Abb. 3). Wer gezielt so vorgeht, baut solides Basiswissen auf, ohne in den vielen einzelnen Bereichen den schwarzen Gürtel zu erhalten. Das schaffen nur die Leute, die sich hier jeweils spezialisieren.

Sind Architekten also Generalisten? Gernot Starke bezeichnet Softwarearchitekten in einer schönen Metapher [2] als Zehnkämpfer der IT, und knüpft so an die Generalisten der Leichtathletik an.

Abb. 3: Architekten-T?

Man könnte nun schnell auf die Idee kommen, dass ein Architekt, um in einem Projekt effektiv zu wirken, nach dem T-Modell kein Standbein bräuchte und dabei auf die im Team vorhandenen Spezialisten/Entwickler verweisen. Das ist nach meiner Erfahrung sehr schwierig, wenn nicht sogar falsch.

Tatsächlich ist es so, dass jemand, der in keinem Gebiet fundierte Kenntnisse und Erfahrung vorweisen kann, nur schwer akzeptiert wird. Er kann kaum seine Entscheidungen durchsetzen, denn von jemandem, der sich lange nicht mehr die Hände schmutzig gemacht hat, lassen sich andere Mitglieder kaum sagen, wie sie ihre Software entwickeln werden.

Scott W. Ambler beschreibt in einem Essay [3] den „Generalizing Specialist“ als Hansdampf in allen Gassen, der jedoch in einigen wenigen Bereichen exzellent ist („jack-of-all-trades and master of a few“). Er führt aus, dass Projektteams idealerweise aus solchen Teammitgliedern bestehen, unter anderem, weil es die Kommunikation untereinander drastisch erleichtert.

Ziel eines Architekten ist es aber nicht, fünf Spezialisten nachzueifern. Er muss auch übergreifend verstehen. Dies ist wichtig, um dauerhafte Architekturentscheidungen treffen und dafür die Verantwortung übernehmen zu können. Wie sind die Gesamtprioritäten zu bewerten?

Bin ich (schon) Architekt?

Bei einem meiner früheren Arbeitgeber, der die Rollen Architekt und Spezialist explizit trennte, musste man eine signifikante Anzahl an Jahren als Spezialist nachweisen, um in die Rolle des Architekten wechseln zu dürfen. Tatsächlich gibt es keinen bestimmten Moment, ab dem man Architekt ist, keinen diskreten Zustandsübergang. Die Rollen schließen sich nicht einmal aus.

Letztens stellte sich ein Teilnehmer in einem meiner Trainings vor mit „ich habe schon lange als Entwickler gearbeitet, aber im Bereich Architektur stehe ich noch völlig am Anfang“. Kann man durch klassische Ausbildung in Form von Präsenzseminaren überhaupt zum Architekt werden? Tatsächlich gibt es bestimmte Techniken und Fertigkeiten, die in Schulungen vermittelt werden können. Zum Beispiel, wie man methodisch vorgehen kann, um eine Architektur aus Anforderungen herzuleiten, angemessen zu dokumentieren und kritisch zu bewerten. Praxiserfahrung lässt sich aber nur sehr begrenzt auf diese Weise vermitteln, obwohl der Erfahrungsaustausch der Teilnehmer untereinander regelmäßig als sehr wertvoll wahrgenommen wird. Der reiche Erfahrungsschatz des Trainers kann ein Seminar lebendig machen. Er ist notwendig, um Methodiken und Techniken authentisch zu vermitteln und auch vorher, bei Ausarbeitung des Seminars, um wichtige und notwendige Seminarbestandteile überhaupt zu erkennen und aufzubereiten. Nichtsdestotrotz muss man Erfahrungen vor allem selbst machen, denn probieren geht über studieren.

Was macht einen guten Softwarearchitekten aus? Neben der Fähigkeit zu entscheiden ist die Fähigkeit zu integrieren sicherlich ein wichtiger Erfolgsfaktor. Wie schaffe ich Akzeptanz? Wie integriere ich verschiedene Sichten, Anforderungen, Technologien? Wie verteile ich Wissen? Meiner Meinung nach gehören zu einem guten Architekten neben kommunikativen Fertigkeiten, praktischer Erfahrung und breitem technologischen und methodischen Wissen vor allem eine bewusste und kontinuierliche eigene Reflexion, mit dem Wunsch nach Verbesserung und Wachstum. Denn genauso wenig, wie es einen bestimmten Punkt gibt, ab dem man ein fertig ausgebildeter Architekt ist, gibt es eine Garantie dafür, dass man automatisch ein guter Architekt bleibt.

Die eigentliche Gretchenfrage [4] ist also nicht „Sind Sie Architekt oder Entwickler?“, sondern „Wie halten Sie es mit Ihrer Weiterentwicklung?“ Ganz gleich, wo Sie stehen – Arbeiten Sie bewusst an Ihrem T!

Stefan Zörner (Stefan.Zoerner[at]oose.de) arbeitet als Anwendungsarchitekt, Berater, Trainer und Coach bei der oose Innovative Informatik GmbH in Hamburg. Darüber hinaus ist er Committer im Directory Project der Apache Software Foundation.
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