Glosse: Enterprise 2.0 entlarvt - JAXenter

Glosse: Enterprise 2.0 entlarvt

Alexander Richter

Nachdem sich schon dieses rätselhafte Web 2.0 als totaler Reinfall entpuppt hat (oder wer redet heute noch davon?), ist es an der Zeit, endlich einmal die Unternehmensversion des Web 2.0 – „Enterprise 2.0″ genannt – genauer unter die Lupe zu nehmen. In diesem Beitrag wollen wir uns kritisch mit einigen Schlagworten rund um Enterprise 2.0 auseinandersetzen. Wir sind gespannt, was am Ende von der ganzen Schaumschlägerei noch übrigbleibt.

Schon wieder ein neuer Hype …

Es war im Jahr 2006. Das Internet hatte sich gerade so von der ersten großen Blase und ihrem zwangsläufigen Platzen erholt. Nicht genug damit, dass bereits zwei Jahre zuvor ein neues Schlagwort auf den Plan getreten war, mit dem immer noch die Meisten nichts anfangen konnten: Web 2.0. Da war ein unbelehrbarer Harvard-Professor namens Andrew McAfee der Meinung, dass gerade dieses vielbesungene Web 2.0 auch Unternehmen helfen könnte, die interne und externe Zusammenarbeit zu verbessern. Und so kreierte er das Wort „Enterprise 2.0″ als Synonym für den „Einsatz von Social Software innerhalb von Unternehmen oder zwischen Unternehmen und ihren Partnern oder Kunden“ [McAfee 2006]. Dieser McAfee und eine zunehmend größere Enterprise-2.0-Fangemeinde bildeten sich doch tatsächlich ein, dass eine Softwaregattung, die im Internet gerade erst eine größere Nutzergemeinde gefunden hatte, auch in einem Unternehmensintranet funktionieren könnte. Nur weil sie einfach zu bedienen war … und intuitiv … und der Großteil der Software nichts kostete. Doch von solchen Floskeln lassen wir uns natürlich nicht hinters Licht führen. Im Folgenden werden wir Ihnen helfen, den ganzen Rummel um Enterprise 2.0 zu entzaubern. Sie werden sehen: Sie brauchen Enterprise 2.0 in ihrem Unternehmen gar nicht.

Enterprise 2.0 = Simplicity

Besonders häufig reiten McAfee & Co. ja auf dieser „Simplicity“ herum und schreiben unermüdlich, man könne die Wichtigkeit einfach zu nutzender Anwendungssysteme nicht oft genug betonen. Simplicity, Einfachheit, wie das schon klingt. In welcher Welt leben diese Leute eigentlich? Als ob heutzutage irgendetwas noch einfach wäre. Wer kennt denn im Jahr schon noch alle Funktionen seines Handys? Gibt es noch irgendjemand der sich im Mobilfunk-Tarifdschungel noch nicht verirrt hat? Nein?! Na also! Wir sind zunehmend komplizierte Vorgänge gewohnt. Wir brauchen kein System, das uns seine Nutzung so einfach wie möglich macht. Bevor man ein System einsetzt, dessen Nutzung möglichst einfach ist, sollte man lieber ein System entwickeln, das auch möglichst effizient am Arbeitsprozess des Mitarbeiters ausgerichtet ist. Für komplizierte Systeme gibt es schließlich Schulungen. SAP R/3 hat sich am Ende doch auch durchgesetzt. Nur ein einfacher Geist braucht ein einfaches System.

Enterprise 2.0 = Usability

Genauso wenig wie ein einfaches System, braucht man im Unternehmensalltag ein System, das man mit Spaß bedienen kann. Was bringt es, wenn die Nutzungsschwelle sinkt und eine größere Nutzergruppe einen besseren Zugang zum System findet. Die Mitarbeiter sollen sich besser mal zusammenreißen und sich mit dem System, das schon da ist, richtig auseinandersetzen. Dafür werden sie schließlich bezahlt. Die, die dazu keine Courage haben, sind in der Regel doch sowieso die, die mit dem neuen System womöglich auch noch Privates erledigen wollen. Das wäre noch schöner. Firmen wie IBM, Google und Microsoft werden schon noch sehen, was sie davon haben, dass sie ihren Mitarbeitern so viele Freiheiten und Eigenverantwortung geben. Sowas hat noch nie funktioniert. Wenn man jemand den kleinen Finger gibt …

Enterprise 2.0 = Nutzerzentriertheit & „Participation“

Wie im Web 2.0 soll auch bei Enterprise 2.0 der Nutzer im Vordergrund stehen. Das ist doch schon ein Widerspruch an sich. Wie soll denn so ein System funktionieren, in dem jeder Nutzer denkt, alles würde sich um ihn drehen? Kopernikus lässt grüßen. Jeder Mitarbeiter sollte schließlich wissen, dass er nur ein kleines Rädchen in einem System ist und eigentlich jederzeit ersetzbar. Es ist ein völliger Irrglaube, dass die Motivation eines Mitarbeiters zunimmt, weil er glaubt, einen wichtigen Beitrag zu leisten. Ebenso wenig ist es notwendig, dass jeder Nutzer seinen Teil zu einem System beitragen kann. Wenn er unbedingt „partizipieren“ muss, dann soll er einen Zugang beim IT-Admin beantragen, der ist für sowas da. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder alles ändern könnte. Quantität ist auch nicht gleich Qualität. Diese ganzen Studien, die zeigen, dass die Einträge bei Wikipedia die gleiche oder sogar eine höhere Qualität haben als die in einer echten Enzyklopädie, werden sich früher oder später als gefälscht herausstellen. Gerade Blogger sind in der Regel nichts Anderes als unwissende Egozentriker, sieht man doch im Internet und dazu gab es auch genügend Zeitungsberichte. Und warum sollte ein Journalist über Blogger etwas Anderes schreiben als die Wahrheit. Ein Journalist hat schließlich per Definition recht.

Enterprise 2.0 = Webtop

Als Vorteil von Enterprise 2.0 wird auch gepriesen, dass man die Anwendungen von überall mit einem Browser bedienen kann. Im Privaten sind Webanwendungen, die man von überall nutzen kann, vielleicht noch hilfreich. Aber in einem Unternehmen sind solche Möglichkeiten nur abschreckend. Kein Mensch will von einem anderen PC auf sein Informationssilo zugreifen als von seinem Büro. Eine Idee kann man sich auch merken und am nächsten Tag noch dort eintragen. Es interessiert sich in der Regel sowieso keiner dafür. Also lassen wir die Anwendungen dort, wo sie hingehören: Offline. Dann brauchen wir uns auch keine Sorgen um den Datenschutz zu machen. Und eine Lösung für Probleme wie redundante Daten findet sich bestimmt demnächst auch. Denn: Nicht immer ist die einfachste Lösung auch die beste.

Enterprise 2.0 = Offenere Unternehmenskultur & Bottom Up

In Unternehmen gibt es nicht ohne Grund klare Hierarchien. Wie wäre es, wenn es keinen Chef des Chefchef (also den Vorgesetzten, des Vorgesetzten eines Vorgesetzten) mehr gäbe. Jeder würde tun, was ihm gefällt, das Chaos wäre vorprogrammiert. Wie vermessen ist es da von diesen Enterprise-2.0-Predigern zu behaupten, dass sich die Organisationskultur zusammen mit der Einführung der Software langsam verändern würde. Was soll es dem Unternehmen bringen, Mitarbeiter aus niedrigeren Ebenen in die Prozesse mit einzubeziehen? Natürlich hätte jeder gerne mehr Mitspracherecht – aber es kann eben nicht nur Häuptlinge geben.

Geschrieben von
Alexander Richter
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.