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Freiheit versus Sicherheit?

GitHub entfacht Diskussion um Open Code of Conduct

Michael Thomas

© Shutterstock.com/Cherries

Am selben Tag, an dem die Arbeitsgruppe TODO den „Open Code of Conduct, einen Muster-Verhaltenskodex für Open-Source-Communities, veröffentlichte, gab GitHub bekannt, diesen für all seine quelloffenen Projekte zu übernehmen – der Startschuss für eine facettenreiche und meinungsstarke Diskussion.

Open Code of Conduct versus Stack Overflow

Ein Post auf dem Blog „Vermie Speaks“ beispielsweise stellt die These auf, dass sich der Open Code of Conduct und die wohl bekanntesten Q&A-Seite Stack Overflow – die bei manchen in dem Ruf steht, nicht unbedingt der warhmerzigste Ort auf Erden zu sein – gelinde gesagt etwas beißen könnten. Wie der Autor weiter ausführt, stimmen der Open Code of Conduct und das offizielle Regelwerk von Stackoverflow zwar in einigen zentralen Punkten, wie etwa der Ächtung diskriminierenden Verhaltens sowie der Aufforderung an die Community, ein einladendes und respektvolles Umfeld zu erhalten, überein. Im Großen und Ganzen seien ihre Philosophien jedoch unvereinbar. Denn wo Stack Overflow sein Regelwerk eher lax sehe und davon ausgehe, dass seine Mitglieder schon wissen, wie man sich zu verhalten hat, nehme der Open Code of Conduct seine Regeln bitter ernst.

Oder anders ausgedrückt: Stack Overflow gibt sich, so der Autor, eher apolitisch, während der Open Code of Conduct eine klare und offensive Haltung zu der auch politisch relevanten  Frage des sozialen Verhaltens einnimmt, wobei er einen progressiven bzw. liberalen (im amerkianischen Sprachgebrauch gemeint) Ansatz widerspiegelt.

Absolute Freiheit …

Es ist ein alter Hut: Geht es um Politik, sind Kritik und hitzige Diskussionen nicht weit. So finden sich im zugehörigen Reddit-Thread neben vielen positiven Kommentaren auch zahlreiche ablehnende Meinungsäußerungen, die GitHub u. a. vorwerfen, ein Sammelbecken von Social Justice Warriors zu sein, die in der Organisation vieler Open-Source-Projekte anzutreffende Meritokratie eher geringzuschätzen und sich als (feministische) Verhaltens-, Sprach- und Gedankenpolizei zu gerieren. Einigen stößt auch sauer auf, dass der Verhaltenskodex vorsieht, Community-Mitglieder auch im Hinblick auf ihre technischen Fähigkeiten absolut gleich zu behandeln.

Letzteres treibt auch den Blogger Shawn M um, der seine Kritik an GitHub ausführlicher beschreibt. Obwohl er den meisten Verhaltensregeln durchaus zustimmt, bereiten auch ihm die Forderung des Open Code of Conduct, das unterschiedliche Level der technischen Fähigkeiten der Community-Mitglieder zu respektieren, sowie der Fokus, der auf die Vermeidung von Witzen und Sprachmustern, die andere verletzen oder beleidigen könnten, gelegt wird, Bauchschmerzen. Denn seiner Ansicht nach ist es eine bewusst getroffene Wahl, beleidigt zu sein oder sich angegriffen zu fühlen. Subjektive Empfindungen, so Shawn M weiter, dürften deshalb nie als Maßgabe für Verhaltensregeln sein, da man beispielsweise als Sprecher nie wissen könne, welche Botschaft beim Gegenüber ankommt; vielmehr müsse man immer die Absicht hinter einer Äußerung erforschen. Richtlinien wie die des Open Code of Conduct würden, so Shawn M weiter, nur zu einem Klima führen, in der Menschen mit abweichender Meinung Angst davor haben, ihre Ansichten kund zu tun. Das Internet sei dazu da, abweichende Gedanken kennenzulernen und nicht vor ihnen beschützt zu werden. Und letztere würden beispielsweise eben auch plakative Äußerungen wie „Haskell ist nutzlos“ einschließen.

… oder mehr Sicherheit?

Der Programmierer DJ Madeira wiederum kann einer derartigen Position eher wenig abgewinnen. Seine Empfehlung: Sollte man bei der Lektüre des Open Code of Conduct ein diffuses Gefühl verspüren, angeklagt zu werden, ohne tatsächlich etwas getan zu haben, dann sollte man dieses Gefühl auf- und annehmen und niemals wieder vergessen. Denn dies, so Madeira weiter, sei genau das Gefühl, das Mitgliedern diskriminierter bzw. unterprivilegierter Gruppen tagtäglich vermittelt werde. Wenn man der Ansicht sei, dass Aussagen wie „wir respektieren Diversity bei den technischen Fähigkeiten explizit“ oder die Forderung, auf diskriminierende Witze und Aussagen zu verzichten, einer Community den Spaßfaktor rauben, so sei das ein Anzeichen dafür, dass man privilegiert ist.

Was zwar nicht schlimm sei, jedoch immer im Hinterkopf behalten werden solle. Denn nur so sei letztendlich zu begreifen, welchen Drahtseilakt weniger privilegierte Menschen im Rahmen ihrer Kommunikation vollführen müssen, um nicht als dumm, unfähig oder gar als Fake-Kommentator abgestempelt zu werden. Der Open Code of Conduct will Madeiras Ansicht zufolge dafür sorgen, ein sichereres Umfeld für eben jene Personen zu schaffen. Die Abwehrreaktionen mancher User sei unter dem Blickwinkel zu betrachten, dass in den meisten Internet-Communities für lange Zeit deutlich mehr Wert auf Freiheit als auf Sicherheit gelegt worden sei. Mit dem Open Code of Conduct würden, so Madeira weiter, die Extrempositionen Freiheit und Sicherheit, die sich gegenseitig ausschließen, nun einen gewissen Ausgleich erfahren. Oder anders ausgedrückt: Es werde etwas Freiheit gegen etwas mehr Sicherheit eingetauscht.

Fazit

Absolute Freiheit auf der einen Seite, mehr Sicherheit auf der anderen Seite. Ein Thema, das insbesondere in den letzten Jahren auch im allgemeinen politischen Diskurs immer wieder Tagesthema war und ist und bei dem die Meinungen weit auseinandergehen. Entsprechend unterschiedlich fallen, wie die verschiedenen Statements zeigen, auch die Ansichten bei der Frage aus, ob es im Bereich der Open-Source-Communities etwas zu suchen hat. Wie ist die Ansicht unserer Leser? Ist Diversität im Bereich der Programmierung als relevant oder irrelevant einzustufen? Ist eine strengere Verhaltensregulierung in den Open-Source-Communities eher positiv oder negativ zu bewerten? Oder ist ein Kompromiss, ein Ausgleich der Extrempositionen die beste Lösung? Wir sind gespannt auf Ihre Meinungen!

Aufmacherbild: person balancing on beam scale between words Yes and No von Shutterstock.com / Urheberrecht: Cherries

Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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