Geschäftsausrichtung und moderne Entwicklungsverfahren

Softwareentwicklung als Lernprozess

In einem strategischen Projekt werden neue Geschäftsideen entwickelt, die notwendige IT-Infrastruktur bereitgestellt und im realen Einsatz erprobt. Aus dieser Erprobung ergeben sich wiederum neue Ideen für die Weiterentwicklung der Geschäftsstrategie und ihrer operativen Umsetzung. Dies kann zu einer völligen Verschiebung des Marktes führen, wie die Eroberung der ursprünglich für Geschäftsleute gedachten Mobiltelefone durch die Jugendkultur. Solche Änderungen können sich aber auch in sehr kleinen Details ergeben, wie Änderungen an der Bedienung der Software. Das bedeutet, dass die Entwicklung strategischer Individualsoftware ein iterativer Vorgang ist: Die neue Idee wird umgesetzt, erprobt und das Feedback aus dieser Erprobung wird in der nächsten Runde eingearbeitet, ein Vorgang, der sich immer wiederholt. Dies entspricht einem Lernprozess auf allen Ebenen:

  • Bei der Geschäftsstrategie: Durch die Umsetzung der Geschäftsstrategie in der Praxis werden Annahmen überprüft und Reaktionen von Kunden und Mitbewerbern getestet, auf die entsprechend reagiert wird.
  • Bei den Geschäftsprozessen: Der erste Einsatz neuer Geschäftsprozesse legt meist deutliches Optimierungspotenzial frei, die Prozesse müssen entsprechend verändert werden, um optimal zu funktionieren.
  • Bei den Anforderungen an die Software: Erste Anforderungssammlungen an ein Softwaresystem gleichen oft eher einem Wunschzettel als der wirtschaftlichsten Lösung für das Geschäftsproblem. Sobald erste Versionen im Einsatz sind, ändern sich normalerweise die Prioritäten und Anforderungen, weil die Anwender neues Potenzial entdecken oder bemerken, dass manche Anforderungen Lösungen für Probleme waren, die sich mit der neuen Arbeitsweise gar nicht mehr stellen.
  • Bei der technischen Umsetzung der Software: Die Innovationszyklen von Entwicklungswerkzeugen liegen heute zum Teil schon bei einem Jahr, also unterhalb der Laufzeit typischer Projekte. Die Entwicklungsteams müssen sich daher beständig in neue Technologien einarbeiten und lernen, ob und wie Neuerungen sinnvoll einsetzbar sind.
  • Bei Einsatz und Betrieb der Software: Der Einsatz der Software im realen Betrieb wartet immer wieder mit Überraschungen auf, wie nicht vorhersehbarem statistischem Verhalten der Anwender oder unerwartete Engpässe innerhalb des Systems. Solche Konstellationen vollständig im Vorfeld aufzudecken und abzufangen, ist meist nur dort wirtschaftlich und geboten, wo Menschenleben auf dem Spiel stehen. In üblichen Systemen bleibt hier ein Restrisiko.

Die Länge einer Iteration entspricht der Länge eines Lernzyklus. Und sie entspricht der kürzesten Zeitspanne, innerhalb derer das Projekt reagieren kann, ohne in einen Krisenmodus zu stürzen, in dem nur noch auf Zuruf gearbeitet wird. Waren vor zehn Jahren noch Inkrementlängen von drei bis sechs Monaten innovativ, so beherrschen richtig aufgestellte Entwicklungsteams heute wöchentliche Iterationen, können also jede Woche produktionsfähigen, qualitätsgesicherten Code bereitstellen.

Ob dieser Code auch tatsächlich in Produktion geht, hängt dann von den Einführungs- und Schulungskosten ab. Oft findet man Szenarien, in denen zwei, vier, oder sechs Produktionsstarts pro Jahr vorgesehen sind. Die wöchentlichen Iterationen mit ihrer Forderung nach produktionsfähigem Code stellen sicher, dass diese Einführungstermine auch wirklich eingehalten werden.

Üblich ist es auch, mehrere Iterationen zu Inkrementen zu sammen zu fassen, zum Beispiel zu monatlichen Planungszyklen. Diese Maßnahme erlaubt eine gewisse Planungsstabilität über mehrere Iterationen aufrecht zu erhalten und damit die aus Sicht des Unternehmens richtige Balance zwischen Planbarkeit und Flexibilität zu ermöglichen. Aus unternehmerischer Sicht neu ist dabei, dass die Softwareentwicklung hier nicht mehr als limitierender Faktor auftritt, sondern mit der geschäftlich sinnvollen Flexibilität reagieren kann.

Weil das Ergebnis jeder Iteration ausgeliefert werden kann, sind auch jederzeit Zwischenauslieferungen möglich, wenn dies wirtschaftlich sinnvoll ist, beispielsweise um auf einen unerwarteten Zug der Konkurrenz schnell zu reagieren.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.