Über Geld spricht man nicht – oder doch? #talkpay

Gehälter und Hashtags: Tweets gegen die Lohnungleichheit

Natali Vlatko

© Shutterstock.com/Dooder

Offen über das eigene Gehalt zu sprechen stellt vielerorts immer noch ein streng eingehaltenes Tabu dar. Ein Mitglied der Tech-Community hat nun eine Bewegung gestartet, um dieses ungeschriebene Gesetz aufzubrechen. Ziel ist es, das mangelnde Wissen und die raubtierhafte Natur von Technologieunternehmen in Lohnfragen aufzudecken.

Die Idee der Programmiererin Lauren Voswinkel, ihre Berufsbezeichnung, Erfahrung und Entlohnung unter dem Hashtag #talkpay öffentlich zu machen, fiel mit dem diesjährigen Tag der Arbeit zusammen. Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, einen Dialog über Lohnungleichheit, die Voswinkel als „oft diskutiertes Thema“ bezeichnet, ins Rollen zu bringen.

Vor allem Startup-Mitarbeiter griffen die Idee schon bald auf und mittlerweile finden sich im entsprechenden Twitter-Feed zahlreiche Artikel und Statistiken. In ihrem Kommentar legt Voswinkel ihr Augenmerk vor allem auf Minderheiten innerhalb der größeren, sich um Geschlecht und ethnische Herkunft drehenden Diskussion: Mitglieder der Transgender-Community, Latinos und Afroamerikaner stellen nur einige der zahlreichen Gruppen dar, die in der Technologiebranche von Lohnungleichheit betroffen sind.

Economists are quick to blame many of these discrepancies on a failure to negotiate for higher wages, however, many minorities feel a keen pressure not to ask for too much lest they be labeled as pushy or greedy. The fact that white men are typically lauded for their negotiation abilities while the same skills on display for minorities is labeled as a form of insubordination is telling.

Passenderweise wurde der Artikel auf Model View Culture, einem Portal das sich dem Ziel verschrieben hat, die Leistungen verschiedenster Communities im Technologiebereich sichtbar zu machen und den Einsatz von Technologie zur Förderung der sozialen Gerechtigkeit zu erforschen, veröffentlicht.

Seit Veröffentlichung des Artikels erfährt die Bewegung zwar Unterstützung, in gleichem Maße wurde ihr jedoch auch mit zahlreichen Bedenken begegnet – vor allem gesetzliche und vertragliche Konsequenzen, die eine Veröffentlichung des eigenen Gehalts mit sich bringen können, hindern viele an einer Teilnahme.

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Es ist eine verzwickte Gemengelage: Das Tabu, offen über den eigenen Verdienst zu sprechen einerseits, vertragliche Auflagen andererseits erschweren es zusammengenommen, sich ein Bild darüber zu machen, welche Fähigkeiten und Erfahrungen in monetärer Hinsicht besonders wertvoll sind.

Für Voswinkel liegt die Lösung auf der Hand: „Um die Ungleichheit wirklich anzugehen, müssen Gehaltsdiskussionen alltäglich werden.“ Dadurch, so Voswinkel weiter, würde es Arbeitgebern unmöglich werden, Menschen in vergleichbaren Positionen und mit vergleichbaren Tätigkeiten ein teils signifikant unterschiedliches Gehalt zu zahlen – unabhängig von Geschlecht oder ethnischer Herkunft. „Diskriminierende Praktiken können einer offen Kontrolle nicht standhalten. Unglücklicherweise wurden die vergangenen 40 Jahre dazu genutzt, ein Umfeld zu schaffen, in dem offene Diskussionen mit einem sozialen Tabu belegt sind.“

Ein Blick auf die Statistik

Obwohl nicht direkt in die #talkpay-Diskussion involviert, stellte Paul Roland Lambert (Produktmanager bei Twitter) einige Daten zusammen, die die Entlohnung von Produktmanagern und Softwareentwicklern von Facebook und Google vergleichen. Seine Daten entstammen den Offenlegungspflichten, die mit dem Visa-Sponsoring einhergehen, wobei das H-1B-Visum das Standard-Arbeitsvisum der Vereinigten Staaten für Mitarbeiter in Technologieunternehmen darstellt.

Nachdem er Statistiken aus drei Jahren zu einem einzigen Datensatz zusammengestellt hatte konnte Lambert zeigen, dass Top-Entwickler immer noch recht unangefochten dastehen, wenn es um eine höhere Gehaltsstufe geht. Abgesehen von zu erwartenden Fehlern bei der Datenkonsolidierung schloss Lambert daraus, dass das Verhältnis von Entwicklern zu Produktmanager in beiden Unternehmen recht ähnlich ist: Bei Google kommen auf einen Produktmanager 35 Entwickler, bei Facebook 40 Entwickler pro Produktmanager.

Lamberts Untersuchung zeigt, dass die Gehälter von ausländischen (d. h. nicht-US-amerikanischen) Produktmanagern und Entwicklern vor dem Hintergrund eines „vorherrschenden Lohns“ – also der, den die amerikanische Regierung als Durchschnittslohn für eine bestimmte Position, Dauer der Betriebszugehörigkeit oder einen Standort annimmt – gesehen werden. „Die Unternehmen dürfen bei der Entlohnung nicht unter dieser Vorgabe liegen. Die Bezahlung muss größer oder gleich dem „vorherrschenden Lohn“ sein. Dieser stellt somit einen Untergrenze dar, die für einheimische Arbeitnehmer nicht besteht.

Obwohl das Wort „Ausländer“ Hoffnungen schürt, dass die Großverdiener (bis zu 275,100 US-Dollar) in Lamberts Überblick aus unterschiedlichen Minderheiten stammen, erscheint dies bei einem Vergleich mit den Ergebnissen einer kürzlich erstellten, weltweiten Arbeitnehmer-Statistik von Schlüsselunternehmen der Technologiebranche als unwahrscheinlich. Der Anteil „76% männlich, 61 % weiß“ ist genau der Knackpunkt, den #talkpay beabsichtigt anzugehen.

Den enthüllenden Schritt machen

Mancherorts wird dem Anstoß, Gehalt, Berufsbezeichnung und Erfahrung offenzulegen vorgeworfen, das Problem der Lohnungleichheit übermäßig zu vereinfachen. Viele Kommentare drehen sich darum, was die Bewegung vermissen lässt:

#talkpay 1

Der User @hossafy merkt außerdem an, dass weder die geleisteten Arbeitsstunden, noch die Qualifikation des Arbeitnehmers, der Schwierigkeitsgrad des Jobs oder das Verhandlungsgeschick in eine derart vereinfachte Aussage einfließen. Allerdings ist das Verhandlungsgeschick auch Voswinkel zufolge ein kontroverses Thema:

When given an initial offer that vastly undercuts what they were willing to spend, companies jump on these offers without saying much, and will even bounce back with an offer that further undercuts the person’s worth, making them think they had asked too much in the first place.

Viele Frauen nutzen #talkpay, um sich in Bezug auf ihre Erfahrungen mit Gehaltsverhandlungen und die Hilfe, die sie von männlichen Freunden oder Kollegen benötigen, um wettbewerbsfähiger zu werden, zu Wort zu melden.

#talkpay 2

Diese Art von Erfahrungen werfen ein Schlaglicht auf die offensichtlichen Vorurteile, die sich in Lohnabweichungen ausdrücken. Als einen möglichen Weg, dies zu bekämpfen macht Voswinkel den kontroversen Vorschlag, in Bezug auf frühere Gehälter zu lügen. Da es in den Vereinigten Staaten den Arbeitgebern gesetzlich untersagt ist, Dritten gegenüber Auskunft über Gehälter zu geben, empfiehlt Voswinkel, die Wahrheit so lange zu verbiegen bis man bekommt was einem zusteht:

“Talk with your friends about salaries to get an understanding of what you SHOULD be making, and lie about your past until you get to that point.”

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Die Offenherzigkeit, mit der über das Thema Geld gesprochen wird, ist natürlich auch ein Stück weit davon abhängig, in welchem Land man lebt und arbeitet. Norwegen beispielsweise hebt das Thema Transparenz auf eine völlig neue Stufe: Hier sind die Gehälter sämtlicher Arbeitnehmer öffentlich zugänglich. Die Einkommenstransparenz wurde in der Vergangenheit häufig als Möglichkeit herangezogen, die Lohnungleichheit zu reduzieren und den Arbeitsmarkt effizienter zu machen. Auch hier nimmt Norwegen wieder eine Führungsrolle ein: So sind dort die Steuerdaten eines jeden Bürgers öffentlich einsehbar.

Lösungen wie diese dürften von manchen als radikal bezeichnet werden, doch genau das sollte die Lohndiskussion im Technologiebereich Voswinkel zufolge auch sein:

To truly begin to eradicate pay inequality, we need a radical discussion. So let’s talk about pay.

Folgen Sie der Diskussion auf Twitter via #talkpay.

Aufmacherbild: Money von Shutterstock.com / Urheberrecht: Dooder

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Geschrieben von
Natali Vlatko
An Australian who now calls Berlin home, via a two year love affair with Singapore. Natali is an Editorial Assistant for JAXenter.com (S&S Media Group) and will forever be into RPGs, animated gifs and Bitcoin.
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