Dice stellt Rückgang der Gehaltserhöhungen fest

Sinkende Gehälter in der IT-Branche? Job Market Report 2017 malt schwarz

Ann-Cathrin Klose

© Shutterstock.com / Visual Generation

Flacht der positive Gehaltstrend in der IT-Branche ab? Dies scheint der Dice Job Market Report 2017 zu implizieren. Die Schlussfolgerung könnte jedoch voreilig gezogen worden sein. Besteht Grund zur Sorge oder nicht?

Der Dice Job Market Report 2017 ist da und prognostiziert eine zwar weiter steigende, insgesamt aber abflachende Gehaltsentwicklung für die IT-Branche. Bereits auf dem Cover des Reports wird dieses Studienergebnis mit einem nach unten gerichteten Pfeil angedeutet. Während im Vorjahr 59 Prozent der befragten festangestellten IT-Profis ein Gehaltsplus aus ihren Gehaltsverhandlung mitnehmen konnten, traf dies im aktuellen Report nur noch auf 52 Prozent der Befragten zu. Darauf stützt das IT-Job-Portal seine Schlussfolgerung. Auch die Zusatzleistungen wie Weihnachtsgeld und zur Verfügung gestellte Firmenwagen und Geräte für die Arbeit sollen im aktuellen Untersuchungszeitraum spärlicher von den Arbeitgebern verteilt worden sein, so die Studie des Unternehmens.

In zwei Grafiken wurde diese Entwicklung festgehalten. Einerseits wurde die Gehaltsentwicklung der Reports der Jahre 2016 und 2017 gegenüber gestellt, andererseits die Zahl derjenigen Befragungsteilnehmer, die Zusatzleistungen erhielten. Der dargestellte Trend scheint klar zu sein: Die rosigen Zeiten für Angestellte in der IT-Branche könnten langsam auf ihr Ende zugehen – oder im Jahr 2016 zumindest einen Dämpfer erhalten haben. (Bitte beachten: Die Darstellung der beiden Grafiken ist nicht einheitlich gehalten. In der Gehaltsentwicklung wurden die Daten des Jahres 2017 in hellem Rot dargestellt, in der Übersicht sind in Rot aber die Daten des Vorjahres repräsentiert.)

© Dice Job Market Report 2017

© Dice Job Market Report 2017: Gehalts- und Honorarentwicklung

Hat diese Entwicklung aber wirklich so stattgefunden? Denn die kleine Nachlässigkeit in der Grafikgestaltung ist nicht die einzige Schwäche des Dice-Reports. So ist zum einen die geringe Stichprobengröße zu beachten, zum anderen sollte auch ein Blick auf deren Zusammensetzung geworfen werden. Für den Report 2016 wird eine Teilnehmerzahl von 320 befragten IT-Experten angegeben; für 2017 findet sich eine Zahl von 290 IT-Profis und 150 Recruitern. Die Zahl der IT-Profis muss jedoch noch einmal unterteilt werden in Freelancer und Festangestellte.

Fragliche Vergleichbarkeit

Bei einem Anteil von 59 Prozent festangestellten IT-Experten im Report 2017 entspricht die Größe der Stichprobe also einer Personenzahl von etwa 172 und korrespondierenden 118 Freelancern. Diese untergliedern sich noch einmal stark in verschiedene Berufsgruppen und nach ihrer Erfahrung und ihrem derzeitigen beruflichen Status. Die Studien stellen also jeweils durchaus einen Querschnitt durch die Szene dar, der Einblick in verschiedenste berufliche Sektoren der IT-Branche gibt.

© Dice Job Market Report 2017: Zusatzleistungen

© Dice Job Market Report 2017: Zusatzleistungen

Vergleichbar sind die Zahlen jedoch nur eingeschränkt. Für Freelancer ist festzuhalten, dass im Report 2016 ganze 42 Prozent der Befragten über 20 und mehr Jahre Berufserfahrung verfügten, während der Anteil der Berufsanfänger sehr gering war. Im Report 2017 finden sich hingegen 42 Prozent Berufsanfänger. Bei einer so kleinen Stichprobe kann somit davon ausgegangen werden, dass die größte einzelne Teilnehmergruppe des Vorjahres, beurteilt an ihrer Berufserfahrung, in diesem Jahr kaum noch repräsentiert ist.

Unterschiedliche Stichproben

Das findet sich auch in den Studienergebnissen wieder: Während 39 Prozent der für den Report 2016 befragten Freelancer einen Stundenlohn von 61 bis 90 Euro erzielen konnten, kommt derselbe Anteil an Befragten (42 Prozent) im diesjährigen Report nur auf einen bis 30 Euro Stundenlohn. Interessant ist ebenfalls die größere Streuung des Gehalts. Nur drei Prozent der Freelancer im Dice Report erhielten im Vorjahr mehr als 150€ pro Stunde; im neuen Report sind es acht Prozent. Im Mittelfeld, mit einem Lohn von 31 bis 120€ pro Stunde, lagen im Vorjahr über 70 Prozent der Befragten, in diesem Jahr nur knapp über 50 Prozent. Ob der Durchschnitt der Szene in einer der Untersuchungen erfasst wurde, kann also nicht mit Sicherheit festgestellt werden.

Auch darüber hinaus haben sich Fehler in die publizierte Studie eingeschlichen. So im Abschnitt der IT-Profis die demographischen Daten zur regionalen Verteilung der Freelancer abgebildet; ob die Daten zum Geschlecht und der Aufteilung auf den öffentlichen und privaten Sektor der Befragten dem jeweiligen Ausschnitt der Studienteilnehmer entspricht, bleibt fraglich. Tatsächlich scheinen die Daten, die hier zu den Festangestellten darstellt wurden, eher denen der Vorjahresuntersuchung der Freelancer zu entsprechen – die mangelhafte Vergleichbarkeit der Stichproben macht eine Beurteilung jedoch unmöglich.

Geringe Bindung an den Arbeitgeber?

Interessant ist dennoch, dass im Dice Job Market Report 2017 nur 22 Prozent der festangestellten IT-Profis angaben, mit ihrer derzeitigen Beschäftigungssituation so zufrieden zu sein, dass sie kein Interesse an einem Jobwechsel haben. Aktiv nach einer neuen Stelle suchen wollen jedoch auch nur 26 Prozent. Mehr als die Hälfte der Befragten wäre allerdings durchaus offen für neue und interessante Angebote. Die wichtigste Motivation für einen Arbeitgeberwechsel stellt die Suche nach einer neuen Herausforderung dar (35 Prozent), gefolgt von finanziellen Überlegungen (22 Prozent). Das Team bildet für 35 Prozent der Befragten den wichtigsten Grund dafür, ihren gegenwärtigen Arbeitsplatz behalten zu wollen.
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Um die Daten von Dice in einen Kontext zu stellen, können Daten des Branchenverbands Bitkom herangezogen werden. Der Mittelstandsbericht 2017 der Bitkom zeigt, dass die Chancen für Jobwechsler gut stehen, wenn sie eine entsprechende Qualifikation aufweisen. Immerhin hat der Mittelstand der deutschen IT-Branche (Unternehmen mit 10 bis 499 Angestellten) im Jahr 2016 18.243 neue Stellen geschaffen, so der Report. Im November 2016 berichtete die Bitkom außerdem von 51.000 unbesetzten Stellen in der gesamten ITK-Branche, über alle Unternehmensgrößen hinweg gesehen. 17.400 der gemeldeten offenen Stellen entfielen dabei auf Software- und IT-Dienstleister. Die Zahl freier Stellen ist das Ergebnis einer Erhebung des Branchenverbands aus dem Herbst 2016, für die 1.534 Geschäftsführer von ITK-Unternehmen ab drei Mitarbeitern befragt wurden. 70 Prozent der befragten Unternehmen beklagte in dieser Untersuchung einen Fachkräftemangel.

Nicht repräsentative Stichprobe?

Ein solcher Fachkräftemangel steht erneut im Widerspruch zu den sinkenden Chancen auf eine Gehaltserhöhung, die der Dice Report benennt. Neben der mangelhaften Vergleichbarkeit zum Vorjahr könnte hier auch die Zusammensetzung der von Dice erfassten Stichprobe relevant gewesen sein. 60 Prozent der von der Bitkom befragten Unternehmen suchten im Herbst 2016 Softwareentwickler, während die Nachfrage nach Administratoren und Anwendungsbetreuern bei Anwenderunternehmen leicht zurückging (von 42 auf 37 Prozent). Die Annahme, dass Angestellte in Berufen, die eine besonders hohe Nachfrage aufweisen, die besten Chancen auf eine Gehaltserhöhung haben, kann nun dem Entwickler-Anteil von 16 Prozent in der Dice-Studie gegenüber gestellt werden. Mit 30 Prozent waren hier die Administratoren und Support-Mitarbeiter am stärksten repräsentiert, deren Jobchancen zwar immer noch als sehr gut beurteilt werden müssen, jedoch eher gesunken sind.

Zur Gehaltsentwicklung insgesamt kann außerdem das entsprechende Datenblatt der Bitkom [Link zum PDF-Download] herangezogen werden. Dies stellt eine Steigerung des Bruttoverdienstes in der IT-Dienstleistungsbranche von drei Prozent fest. Verglichen wurde dazu das Quartal 3.2016 mit dem Vorjahr. Dieser Befund widerspricht den Ergebnissen der Dice-Studie jedoch nicht vollständig; immerhin wurde im Job Report 2017 nur ein Rückgang der Gehaltserhöhungen um wenige Prozent festgestellt. Es relativiert den von der Dice Studie festgestellten Trend jedoch erneut, sodass insgesamt die Vermutung nahe liegt, dass auch hier der verdoppelte Anteil von Berufsanfängern von 2016 auf 2017 eine wichtige Rolle gespielt haben könnte.

Geschrieben von
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose
Ann-Cathrin Klose studiert allgemeine Sprachwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Februar 2015 verstärkt sie als redaktionelle Mitarbeiterin die Redaktion bei Software & Support Media. Zuvor war sie als freie Autorin tätig und hat erste redaktionelle Erfahrungen bei einer Tageszeitung gesammelt.
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