Gegensätzlichkeit als Chance

Agile Verfahren

Da das Wort „agil“ inzwischen in durchaus verschiedenen Varianten verwendet wird, ist es hilfreich, zwischen zwei etablierten Begriffen zu unterscheiden:

  • Agile Softwareentwicklung bezieht sich auf die Gestaltung des eigentlichen Entwicklungsprozesses im Sinne agiler Prinzipien. Hierunter fallen die bekannten Ausprägungen wie Scrum, eXtreme Programming (XP) oder die Chrystal-Methodiken.
  • Agiles Projektmanagement bezieht sich auf die Gestaltung des Gesamtprojektablaufs, also auf die Anpassung von Prozessmustern an die konkreten Erfordernisse des IT-Projekts. Agiles Projektmanagement kann auch in IT-Projekten eingesetzt werden, in denen nicht Softwareentwicklung durch ein Entwicklungsteam im Mittelpunkt steht, also etwa bei der Einführung von Standardsoftware.

Leider finden sich in der internationalen Literatur zur agilen Softwareentwicklung wenig spezifische Aussagen zum Umgang mit Qualität. Alistair Cockburns Klassiker „Agile Softwareentwicklung“ etwa hat keinen einzigen Eintrag zum Stichwort „Qualität“ im Register verzeichnet – und Kent Becks „Extreme Programming – Das Manifest“ ebenfalls nicht. Aus den gewählten Formulierungen wird implizit klar, dass die Autoren eher darauf setzen, dass Qualität von selbst entsteht, wenn erfahrene Softwerker gut zusammenarbeiten. Wenn, dann sind es eher die Vertreter/innen des Agilen Projektmanagements wie Christiane Gernert oder Jutta Eckstein, die auch die Zusammenwirkung mit einem Qualitätsmanagementsystem betrachten.

Auch wenn in die agilen Verfahren bereits von ihren Ansätzen her die Qualitätsorientierung integriert ist, so bedeutet der Verzicht auf ein explizites und bewusstes Qualitätsmanagement doch eine wesentliche Einschränkung:

  • Ohne explizite Qualitätssteuerung setzt sich der subjektive Qualitätsbegriff der Beteiligten durch – und ein typischer Softwareentwickler neigt dazu, z. B. Belange des Betriebs dabei niedriger zu gewichten.
  • Bei Qualität gibt es nicht nur die Entscheidung für mehr oder weniger, sondern auch für die eine oder andere Art von Qualität: Beispielsweise wurde eine Zeit lang gern JavaScript eingesetzt, um Websites interaktiver und benutzerfreundlicher zu gestalten. Wegen fortlaufender Änderungen an JavaScript in neuen Browserversionen musste die Software dann aber immer wieder angepasst werden. Deswegen galt dann in vielen Unternehmen der Verzicht auf JavaScript als Qualitätsmerkmal. Aktuell hat sich der Trend wieder gedreht, und mit dem Ajax-Konzept steht wieder Interaktivität im Vordergrund.
  • Eine nur implizite Qualitätsorientierung ist nur innerhalb eines Projekts wirksam und trägt wenig zum Fortschritt der Gesamtorganisation bei.

Nicht zu unrecht steht daher gerade das Management den agilen Verfahren häufig skeptisch gegenüber, ihre Leistung für die Organisationsentwicklung ist in der bisherigen Form zu wenig greifbar, auch wenn die konkreten Projekterfolge sehr wohl für die agilen Methoden sprechen.

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