Geek's Guide to the Working Life - Teil 11

Geeks und ihre Smartphones

Pavlo Baron

Das Zehnfingersystem ist nicht leicht zu erlernen. Stunden und Stunden von Übung muss man investieren, um schnell tippen zu können. Aber es gibt inzwischen eine App, mit der man das Zehnfingersystem auf dem iPhone ganz leicht üben kann. Und diese App ist so genial, einfach und cool, dass man sie nur mit dem Daumen bedient.

Wenn 50 Menschen völlig schweigend und ziemlich regungslos in einem Raum verteilt herumstehen, dann handelt es sich wahrscheinlich um eine Geek-Party. Die Raumbeleuchtung ist auf ein Minimum reduziert, dadurch wirken aber die Gesichter umso gespenstischer im Lichte der einzigen, direkt auf sie gerichteten Lichtquellen – der Smartphones in den Händen der Party-Löwen. Jeder der hier Anwesenden ist natürlich mit einem dicken Rucksack beladen, was seine Mobilität zusätzlich extrem einschränkt. Die Hälse sind dabei ausgestreckt, die Köpfe leicht gesenkt, die Bäuche etwas nach vorne gesteckt, dadurch die Rücken auch unter dem Gewicht der Rucksäcke gekrümmt, sodass die Körper insgesamt leicht zusammengesackt wirken. Die Knie leicht gebeugt. Die Körperhaltung vermittelt insgesamt den Eindruck außerordentlicher Ruhe und Entspannung, nur der Daumen der primären Hand flitzt sehr unruhig über den Bildschirm des Smartphones. Täte er das nicht, könnte man sich durchaus die Frage nach der Leblosigkeit des Protagonisten stellen.

Und das wirklich interessante dabei ist, dass die Party wirklich stattfindet, obgleich für einen Außenstehenden auf eine leicht unorthodoxe Art und Weise. Denn irgendwo im Hintergrund des Raumes befindet sich eine Twitterwall, auf der die neuesten Tweets nahezu in Echtzeit auftauchen und auf der ein wachsames Auge bzw. ein Szenenkenner verfolgen könnte, dass sich die Menschen in dem Raum untereinander durchaus austauschen, ja sogar sich gegenseitig mit knappen, zielgerichteten, wiederverwendbaren Insiderwitzen versorgen. Das physische Lächeln in den Gesichtern in der Welt diesseits der Twitterwall ist optional, in den Tweets werden sie jedoch ordentlich mit den dazugehörigen Smileys markiert. Die Party findet also statt, unterstützt bzw. enabled von einer Auslese kleiner Apps auf den Smartphones der so ausgelassen feiernden Geeks.

Geeks lieben ihre Smartphones. Nimmt man einem Geek zu Experimentierzwecken dessen Smartphone weg und stellt ihn mitten auf der Straße in einer Großstadt hin, so muss man mit einigen alternativen oder u.U. gar einander ergänzenden, unorthodoxen Lösungen des Problems rechnen:

  • Der Geek versucht, ganz schnell ein neues Smartphone zu akquirieren – der Verlust des Letzten ist lediglich der irreversible Trigger. Nachdem dieser Schritt bei den meisten ohnehin zur vierwöchentlichen Routine gehört, wirkt er nur für den Außenstehenden völlig unorthodox
  • Der Geek packt sofort sein Laptop aus, welches man ihm im Rahmen des Experiments nicht weggenommen hat – man lese die Experimentbeschreibung weiter oben nochmals genauer. Dann sucht er die nächste Steckdose und ein öffentliches, ungeschütztes WLAN – diese Kombination ist in der Regel alle 100 m anzutreffen. Nun ist er online, d.h. der Notarzt kann seinen Mantel schon mal wieder in den Schrank hängen. Nach den ersten 10 Minuten hört der Geek auch wieder auf, mit dem Daumen über den Bildschirm seines Laptops zu kratzen und bedient dieses ab da für den Außenstehenden völlig orthodox
  • Der Geek packt sein Geschäftssmartphone aus und macht unverändert weiter – auch davon steht in der Experimentbeschreibung kein Wort, denn es war scheinbar nur von dessen eigenem Smartphone die Rede. Die Präsenz zweier Smartphones wirkt auf den Außenstehenden in jedem Fall leicht unorthodox. Gut für ihn, dass er nichts von dem dritten Smartphone weiß

Und nach jeder dieser Lösungen gleich als Erstes folgende Apps bemühen (ungefähr in dieser oder ähnlicher Reihenfolge):

  • Twitter: eine Runde sarkastischer Aufregung darüber, was mir im Rahmen des Experiments angetan wurde
  • Facebook: ähnlich, aber etwas persönlicher
  • Maps: wo bin ich hier, zum Teufel noch mal (obwohl man sich höchstens 100 m bewegt hat – wenn überhaupt)?
  • Qype: ich brauche Kaffee
  • IMDb: den Film da drüben im Schaufenster habe ich noch nie gesehen. Was sind denn die Bewertungen?
  • Telefon: ups, falsch gedrückt. Ach so, ich kann mit dem Ding direkt wählen? Das ist ja ein cooles Feature
  • Shazam: hey, dieser Song ist richtig cool. Was ist das für einer?
  • Goggles: Wahnsinn, das Ding hat ja echt erkannt, dass ich gerade meine Cola-Flasche fotografiert habe. Da steht’s: „Coca-Cola“. Was Google so alles Tolles macht

Und wenn auf einer Geek-Veranstaltung ein Geek auftaucht, dessen Kopfhörerkabel nicht weiß ist, reagieren die anderen Kollegen immer nach einem der folgenden Muster:

  • Sie umgehen ihn weiträumig (selbst wenn die Räume wie Konservendosen zugepackt sind) und beobachten ihn interessiert aus der Ferne: was mag er wohl als nächstes machen? Vielleicht beißt er
  • Sie gehen davon aus, dass er die weißen Kopfhörer gegen irgendwelche sündhaft teuren Alternativteile eingetauscht hat, das Smartphone aber immer noch das gleiche ist
  • Während ein paar der Geeks ihn am Bistrotisch in ein Mitleidsgespräch verwickeln und ihn so vom Verkriechen in eine dunkle Ecke abhalten, holt ein anderer Kaffee und Kuchen für ihn, und anschließend wollen alle seine ganze traurige Lebensgeschichte hören
  • Sie gehen davon aus, dass er nun doch mit einem Android-Teil unterwegs ist, und an der Twitterwall bricht ein Flammenkrieg aus

Na, was darf Euch denn der Ober-Geek mit dem weißen Bart und behornten Mitarbeitern zu Weihnachten in die löchrige alte Socke werfen? Lasst mich raten, was das wohl werden wird.

Pavlo Baron ist Speaker auf verschiedenen Konferenzen und Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“ sowie zahlreicher Artikel. Twitter: @pavlobaron
Geschrieben von
Pavlo Baron
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.