Kapitel 13

Geek’s Guide to the Working Life: Die Prozesse

Pavlo Baron

Wie die Bahn jedes Mal pünktlich zum 01.12. völlig unerwartet vom Wintereinbruch überrascht wird und nahezu komplett den Dienst einstellt, so kommt es auch jedes Mal bei den üppig gefeierten IT-Prozesseinführungen: Kaum wird das Ding, noch etwas klebrig vom Festschampus, für offiziell bzw. verbindlich erklärt, gerät es sofort in Schieflage und rollt unaufhaltsam, praktisch mit Lichtgeschwindigkeit in Richtung Realität, die immer als Magnet für theoretische, im Labor entstandene Prozessbausteine und hirngesponnene Wunschvorstellungen fungiert. Immer!

Kennt ihr eigentlich das 2+n der IT-Prozesse? Nein? Eigenartig, denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ihr es selbst in der Firma habt. Es gibt z. B. einen IT-Prozess, der in den Köpfen der Verantwortlichen auf C-Ebene existiert. Sie wollen wirklich glauben, dass dieser Prozess auch in der Tat in dieser Form gelebt wird, und deswegen lassen sie ihn aufschreiben. In der Regel mit Unterstützung der extra dafür ausgebildeten Berater.

Was allerdings beim Aufschreiben manchmal herauskommt, ist die n-fache Potenz des tatsächlich Erforderlichen. Das geschriebene Wort füllt jede ausgelassene Lücke mit Standardfloskeln und 08/15-Bausteinen aus. Und wenn zudem auch noch das beauftragte Budget zuneige geht, müssen die besagten Berater dann ganz schnell die Vormakulatur mit Salz bestreuen, damit die Tinte pünktlich zum vorgezogenen Auftragsende trocknet. Unterschrift drunter, Sektflasche köpfen, fertig.

So, und an dieser Stelle kommt das n der IT-Prozesse ins Spiel. Das sind nämlich die Variationen, Interpretationen und Forks des Idealprozesses sowie dessen gänzlich blutfremde Eigenwüchse, die den ITlern das Erledigen ihrer Arbeit ermöglichen. Na ja, irgendwo im Großen und Ganzen wird irgendwie ähnlich gearbeitet. Und ja, die Sicherheit wird natürlich beachtet. Die 2+n-Prozesse koexistieren friedlich. Die C-Ebene sieht den Papierprozess. Die ITler wissen auch um dessen Existenz, und erledigen trotzdem ihre Aufgaben.

Der Schmöker dient also nicht nur dem Zwecke, dass man ihn bei lästigen Auditor-Fragen laut und demonstrativ unter eindrucksvollem Staubaufwirbeln auf den Tisch knallen kann, sondern auch als Metaschicht zwischen der C- und der I-Ebene.

Was ich damit sagen will: Flüsse kann man nicht umbiegen, so auch die menschliche Eigendynamik. Beide suchen sich ihren Weg, um auszubrechen. Die ersteren sorgen für hohe Frequenz des Wortes „Versicherung“ in der Berichterstattung. Die letztere sorgt dafür, dass Arbeit erledigt wird.

Was anderes: Dass der IT-Prozess und der Gerichtsprozess nicht nur linguistisch extrem nah beieinander liegen, ist kein Zufall. Manch ein IT-Projekt, das ein aus seiner eigenen Sicht mit allen Wassern gewaschenes beauftragendes Häuschen einem aus dessen Sicht extrem kundenorientierten externen Dienstleister widerwillig in die Hand drückt, hat von vornherein eine solche gegenseitige Vertrauensaura, dass man bereits beim Beobachten des Aktes der Vertragsunterzeichnung an das lange Prozessieren um jeden Cent denkt, welches garantiert auf den durchaus optionalen Projektabschluss folgen wird. Die dicke des Vertragswerks ist dabei direkt proportional zur Anzahl der späteren Verhandlungsstunden.

Dort wie generell auch gilt: In einem Vorbildprojekt ist es extrem wichtig, den Prozess der Zusammenarbeit zwischen allen Parteien so früh, so umfangreich und so lückenfrei wie möglich abzustecken und vielleicht sogar schriftlich festzulegen. Auch, wenn es Monate dauert. Auch, wenn für die eigentliche Projektumsetzung danach nur noch Tage übrig bleiben. Dieses überaus geniale Projektumsetzungsmuster kann übrigens generell in vielen besonders erfolgreichen Projekten beobachtet werden. Die durch die Prozesseinführung sowie die prozessbedingte Bewegungslosigkeit entstehenden, kaum zu erwähnenden Verzüge von einem Monat bis zu fünf Jahren können problemlos auf unglückliche äußere Umstände und die schiere Gier bis hin zur fachlichen Untauglichkeit der externen Dienstleister abgewälzt werden.

Apropos externe Dienstleister: Wenn man von diesen hört, dass das von ihnen aktuell oder in der noch als nennenswert jung zu bezeichnenden Vergangenheit bewirtschaftete Unternehmen keine Prozesse hat, so kann man daraus ableiten, dass das besagte Unternehmen mitten auf dem Weg in den Bankrott ein Mammut-Vorhaben abgewehrt oder gestoppt hat, dessen leidenschaftlicher Umsetzungsbefürworter der besagte Dienstleister war. Oder seine Rechnungen wurden unregelmäßig beglichen. Kommt ganz darauf an, mit wem man redet.

Und zum Schluss noch etwas in eigener Sache: Ich schnappte neulich ein Gesprächsfetzen auf: „Wir machen endlich Scrum“ – „Cool! Wie ist es?“ – „Genau wie vorher, bloß viel agiler. Wir releasen weiterhin alle drei Monate. Unser Scrum Master fragt jetzt viel häufiger nach. Sobald eine Anforderung bei ihm landet, geht er zu einem Entwickler und fragt nach, wie lange er dafür braucht. Danach plant er die Aufgabe für ihn ein. Läuft prima!“

Ich hätte wirklich meine große Klappe, wie üblich, auf das geschriebene Wort vertagen sollen. Doch die Gedanken übernahmen die Zunge und formten die Lippen innerhalb von Nanosekunden, und ich schoss: „Mann, Leute, ich habe Scrum-Butt hautnah erlebt, aber Euer Prozess ist dessen direktes Produkt.“

Liebe Kollegen, wer immer Ihr seid: Es tut mir leid. Es war nicht so gemeint. Euer Murmeln, aus dem ich heraushörte „.was versteht der schon.“ war absolut berechtigt: Wenn ich was davon verstehen würde, würde ich Prozessberatung machen. Mache ich aber nicht, also halte ich lieber meine Klappe.

Pavlo Baron ist Speaker auf verschiedenen Konferenzen und Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“ sowie zahlreicher Artikel. Twitter: @pavlobaron.
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Pavlo Baron
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