Geek’s Guide to the Working Life: die Mathematik - JAXenter
Kapitel 14

Geek’s Guide to the Working Life: die Mathematik

Pavlo Baron

Nachdem ein Fünftklässler in einer Mathematikaufgabe unzählige Elementarfehler gemacht hat, fragt ihn der verärgerte Lehrer: „Wie viel ist 1 + 1?“ Der Schüler antwortet: „10“. Der Lehrer rastet aus: „Falsch!!! Ich will morgen deine Eltern sprechen!“. Am nächsten Tag kommen die Eltern des Fünftklässlers. Der Lehrer fährt sie an: „Ihr Sohn sagt, dass 1 + 1 gleich 10 ist! Sagen Sie, machen Sie mit ihm überhaupt Hausaufgaben?“ Daraufhin schnauft die Mutter den Vater an: „Ich habe dir doch gesagt, sie nutzen hier das Dezimalsystem!“

Wenn ein Geek seinerzeit nicht gut in Mathe aufgepasst hat, wird er es im Berufsleben wahrlich nicht einfach haben. Und das gilt nicht nur für seine unmittelbare Arbeit. Die gesamte Welt der IT sowie deren angrenzende Bereiche sind von Mathematik und von mathematisch geprägter Logik regelrecht durchsetzt. Man muss nur genau hinschauen und mathematisch anmutende Muster erkennen. Wenn man eben seinerzeit gut in Mathe aufgepasst hat.

Mal sehen, ob ihr aufgepasst habt. Starten wir mit einem Aperitif-Beispiel: Aufwandschätzungen. Natürlich macht man sie weit vor Projektbeginn. Natürlich in genauen Manntagen. Natürlich ohne fachliches Verständnis und möglichst ohne Kenntnis der Anforderungen. Und dass die agilen Methoden auf so etwas allergisch reagieren, deutet nur darauf hin, dass deren Anhänger nicht bereit sind, bis zur Monte-Carlo-Simulation zu marschieren und sich stattdessen auf häusliche, ja fast schon kleinkarierte Hobby-Poker-Runden beschränken.

Und wenn man schon mal ein paar hundert derart genau errechnete bzw. prognostizierte Manntage hat, warum sollte man sie nicht auch noch gleich verplanen? Und hierbei hilft einem was? Na, Mathematik natürlich! Eigentlich reicht auch die Grundarithmetik völlig aus, nachdem man sich mit Monte-Carlo etwas verausgabt hat: Man teile die Anzahl der Tage durch die Anzahl der Arbeitstage bis zum geplanten Projektende. Ohne Berücksichtigung der Feiertage natürlich. Was man erhält, ist die Anzahl der benötigten menschlichen Ressourcen. Davon subtrahiere man einfach die Anzahl der bereits bekannten bzw. verfügbaren menschlichen Ressourcen. Ohne Berücksichtigung deren Urlaube und eventueller geplanter und ungeplanter Ausfälle, versteht sich. Was man dann erhält, ist die Anzahl der N.N.s, die man noch besetzen muss. Die Aufgabe ließe sich mühelos in der dritten Klasse lösen. Und das sogar direkt an der Tafel.

Was übrigens auch ganz gut funktioniert und auf mehr oder minder einfachen arithmetischen Berechnungen beruht, ist die Besetzung von N.N.s jedweder Art. Wenn die Geeks dieser Welt glauben, sie haben die Zufallszahlengeneratoren ganz für sich alleine gepachtet, so irren sie sich. Um einen N.N. zu besetzen, ist es erforderlich, mithilfe eines arithmetischen Zufallszahlengenerators auszuwählen, in welchen verfügbaren Slot man welche noch verfügbare menschliche Ressource reinsteckt. Ohne Betrachtung weiterer lästiger Parameter wie Harmonie oder Skills natürlich, denn diese Parameter sind nicht irrational und daher für den arithmetischen Zufallszahlengenerator von tertiärer Bedeutung.

Wenn man allerdings plötzlich in der Situation steckt, in der man ein N.N. mit zwei menschlichen Ressourcen besetzen muss, die je eine Hälfte des Projekts da sind, und das Projekt gerade mal drei Monate dauert, so hilft einem auch hier, wie so oft, die Mathematik aus der Patsche. Dann macht eben der eine bis zur Hälfte mit und wird nahtlos von dem anderen abgelöst! Und der N.N. ist in seiner Gesamtheit mathematisch einwandfrei besetzt. Was würde man bloß ohne Mathematik machen?

Gut, jetzt hat man sämtliche Position im Projekt mathematisch sauber besetzt. Es kann also losgehen. Es ist aber auch kein Geheimnis, dass der Erfolg eines Projekts weniger von der verrichteten Arbeit sondern vielmehr von der Intensität des projektbegleitenden Relationship Managements abhängt. Wer mit wem. Wann. Warum. Ohne Mathe hat man keine Chance, diesen zentralen Bereich der Projektarbeit unter Kontrolle zu halten. Welches Teilgebiet, fragt ihr euch? Klar, mit Arithmetik kommt man hier nicht weit, und Stochastik hilft einem auch nicht wirklich. Hier ist man im Lande der Graphentheorie. Ungerichtete, zyklische Graphen. Mit Sonderlocken für das Zwischenmenschliche mittendrin. Geh und such da den kürzesten Pfad – das ist die Aufgabe. Was soll man im Projekt denn sonst noch machen?

Bislang hat uns noch die Boolesche Algebra gefehlt. Aber natürlich hat auch die ihren festen Platz in dieser spontanen Hall of Fame der mathematischen Hilfsmittel. An welcher Stelle? Na da, wo es darum geht, etwas Negatives positiv aussehen zu lassen. Der einfachste boolesche Trick in einem Statusbericht zum Beispiel lautet: Du ver-ODER-st und ver-UND-est irgendwelche Aussagen solange, ohne auch nur eine Pause in deine Rede einzubauen, bis dir am Ende keiner folgen kann und du aus dem eigentlich negativen Resultat per einfaches NICHT etwas Positives machst. Der boolesche Gesamtausdruck ist so komplex und lang, dass keiner eine Wiederholung wagt, und die Mathe hat dich wieder mehr als nur unterstützt.

Was ist? Hat der Leser etwa Zweifel an den Erfolgsaussichten der hier aufgeführten, mathematisch begründeten und logisch astreinen Taktiken? Keine Sorge: Die Erfolgsaussichten sind rein wahrscheinlichkeitstheoretisch gesehen hoch genug: 50:50. Warum? Na, entweder hat man Erfolg, oder man hat keinen. 50:50 eben. Oder habt ihr etwa in Mathe nicht gut aufgepasst?

Pavlo Baron ist Speaker auf verschiedenen Konferenzen und Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“, „Fragile Agile“ und „Erlang/OTP“(in Entstehung) sowie zahlreicher Artikel. Twitter: @pavlobaron
Geschrieben von
Pavlo Baron
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