Geek’s Guide To The Working Life: Der Abschied - JAXenter
Geek’s Guide To The Working Life - Kapitel 17

Geek’s Guide To The Working Life: Der Abschied

Pavlo Baron

Er feiert heute seinen Ausstand. Bald hat er es endlich ausgestanden. Wenn Ergebnisse zu lange ausstanden, hat er nur nach Ausreden gesucht… Er befand sich doch immer im schleichenden Ausstand. Niemand konnte ihn ausstehen.

Ein Dienstagvormittag, irgendwo zwischen 10 und 11 Uhr. Folgende E-Mail erreicht Deinen ohnehin einsamen, leeren, fast schon verstaubten Posteingang, vorbei an zahlreichen wachsamen Spam-Filtern und Regeln:

Von: Maria Polenta

An: Alle Nutzer (Verteiler)

Cc: momo4567@gmx.net; petrapetra28@yahoo.de; .(393 weitere E-Mail-Adressen)

Betreff: Ich bin dann mal weg.

Hallo Ihr lieben!

Mit Tränen in den Augen und schweren Herzens möchte ich mich von Euch allen verabschieden. Aber nach 14 Jahren habe ich mir gedacht, ich wechsele mal in die andere Branche.

Ich kann mich noch erinnern, wie ich als junges Mädchen in das damals noch kleine Team aufgenommen wurde. Meine Ausbildung, mein erster Arbeitsplatz… (Anmerkung des Autors: Hier folgen noch ca. 6000 Zeichen teilweise intimer Erinnerungen mit direkter Ansprache in Richtung irgendwelcher größtenteils unbekannter Personen und deutlich heraus lesbarem Schluchzen zwischen den Zeilen. Rein aus platz- und gesundheitstechnischen Gründen wollen wir diese bewegenden Zeilen der Phantasie des Lesers überlassen)…

Aber jetzt ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Ich habe Euch unter dieser Picasa-Adresse (http://……………) ein paar Bilder (Anmerkung des Autors: Ca. 567 Stück, um genau zu sein) zusammen gestellt, die meine Zeit in dem Team noch besser als meine knappen Worte beschreiben. Wie ich schon sagte, kommen mir die Tränen, wenn ich an… (Anmerkung des Autors: Hier folgen weitere knappe 4500 tränenreiche Zeichen verblüffend detaillierten, wenn auch in keinster Weise endzielgerichteten Textes)…

Ich will mit Euch allen unbedingt in Kontakt bleiben, da Ihr mir alle ans Herz gewachsen seid (Anmerkung des Autors: Ca. 90% der Empfänger dieser E-Mail haben von der Absenderin noch nie im Leben etwas gehört bzw. können sich nur vage an sie erinnern). Hier nochmal meine private Adresse, Telefonnummer, E-Mail-Adressen, Facebook, Twitter, Stayfriends, studiVZ…..

Time to say goodbye. Es fühlt sich an, als würde ich ein großes Stück von meinem Herzen hier zurücklassen… (Anmerkung des Autors: Und wieder ungefähr 3000 Zeichen, größtenteils bestehend aus den Wiederholungen des Textes davor und Erwähnung weiterer unbekannter Personen, Mitarbeiter vergangener Tage und aus recht familiären, flachen Scherzen in Richtung der neuen Vorstände, frei nach dem Motto „jeder neue Mitarbeiter ist besser als der alte“, „haltet den Kurs gerade und die Fahne hoch“ und „früher waren wir hier alle per Du“)…

Aber jetzt bin ich weg. Ich wünsche Euch… (Anmerkung des Autors: Kurze Zusammenfassung des bisher geschriebenen, diesmal nur auf max. 500 Zeichen verteilt)…

Eure Mari bzw. Poli.

PS: heute ist nicht alle Tage, ich komm‘ wieder, keine Frage 😉 *grins*

PPS: ach, fast hätte ich es vergessen. In der Küche im ersten Stock steht ein Kuchen – greift zu, solange der Vorrat reicht!

PPPS: ach ja, und für die engsten Freunde und Kollegen werde ich nächste Woche meine Abschiedsfeier organisieren. Ich schicke dann die Einladung an diesen Verteiler wieder!!

Du: „Wer war das gleich nochmal?“

Dein Kollege: „Keine Ahnung. Aber es gibt Kuchen!“

Ihr zollt der Dame den gebührenden Respekt bzw. erweist ihr die Ehre bzw. stillt letzten Endes Euren Hunger, indem Ihr alle zusammen sehr laut redend und ab und zu auflachend in die Küche stürmt, Euch je ein Stück vom Kuchen holt, ohne dabei den Fluss der fiktiven Unterhaltung auch nur im geringsten zu unterbrechen, dabei alle eventuell anwesenden demonstrativ ignoriert und Euch eventuell sogar noch gleich je einen Kaffee macht. Wichtig dabei ist es, die Wörter „Kuchen“ und „Kaffee“ geschickt in die Unterhaltung einzubauen, damit sie sich zumindest nach einem vagen Bezug zum eigentlichen Anlass der Kuchenspende anhört. Ihr schleicht Euch dann möglichst schnell davon, wobei die letzten Worte der noch öffentlich wahrgenommenen Unterhaltung irgendetwas mit den guten Geruchs- bzw. Geschmackeigenschaften des Kuchens zu tun haben sollten. Fertig.

Wenn es dort aber auch noch ein Schlückchen Sekt gibt, ist es etwas schwieriger, aber auch durchaus in den Griff zu bekommen und zu meistern. Da werden in der Regel Ansprachen gehalten und u.U. Geschenkkörbe verteilt, und man könnte auffallen, also sollte man den allergrößten Wert auf Anonymität legen. Wichtig bei so einem Abschied ist es, eine geschlossene Gruppe zu bilden, die mit den Rücken zum Rest der Veranstaltung eine eigene, meist ziemlich laute und arbeitsbezogene Debatte führt und aus der ab und zu eine schnelle Hand hinaus schließt, um nach Süßigkeiten oder einer weiteren Sektflasche oder einer Tüte Chips zu greifen. Der Rest der Verabschiedung dürfte für Euch von der Konsistenz und der Ergebnisorientierung ziemlich ähnlich zu der Kuchensache verlaufen.

Dann sitzt Du irgendwann danach, also tierisch arbeitsfähig und -willig, in Eurem Büro, als auch schon wieder die nächste E-Mail nach Deiner Aufmerksamkeit schreit und Deine Gedanken zunächst träge über die neuen Filterregeln und Gespräche mit den Admins schweifen lässt. Dann liest Du in etwa Folgendes:

Von: Fritz Huber

An: Alle Nutzer (Verteiler)

Betreff: Servus

Hallo. Auch ich sage hiermit Servus.

Mein letzter Arbeitstag bei der Firma ist angebrochen. Ich möchte mich verabschieden und mich für 3 interessante Monate toller Zusammenarbeit mit Euch bedanken!

Dieser rasante Lebensabschnitt war sehr prägend und ich bin froh ihn hier erlebt haben zu dürfen. Mich ziehts jetzt nacht Süden und da ich in der Branche bleibe, wird sicherlich der eine oder andere Kontakte aufrecht erhalten.

Servus. Huber.

Du: „Was, kein Kuchen?“

Dein Kollege: „Kein Kuchen.“

Dein anderer Kollege: „Knauser.“

Unverschämt irgendwie, aber auch wiederum egal, denn später diese Woche feiert der neue Chef seinen Einstand. Und irgendwann danach feiert der Alte seinen Ausstand. Also, Bier, Grillfleisch etc. am laufenden Band. Und wenn die Woche noch jemand zum Anlass seines oder ihres tränenreichen Abschieds oder öffentlich wirksamen Geburtstags oder eines sonstigen in der Bürowelt üblichen, normalerweise gemeinsam zu feiernden Karrieremeilensteins auch noch einen Kuchen spendiert, muss man die Woche fast gar nicht mehr in die Kantine gehen. Sofern das halt Leute sind, die noch wirklich Firmenwurzeln haben, zu der Familie gehören. Denn wir sind hier doch alle eine Familie, oder?

PPPPS: ach, übrigens, fast hätte ich es vergessen: Ihr kommt doch sicher zu der angekündigten Abschiedsfeier der einen Dame unter ihren engsten 1465 Freunden, nicht wahr? Sicher.

Pavlo Baron ist Speaker auf verschiedenen Konferenzen und Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“, „Fragile Agile“ und „Erlang/OTP“(in Entstehung) sowie zahlreicher Artikel. Twitter: @pavlobaron
Geschrieben von
Pavlo Baron
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