Geek’s Guide To The Working Life - Kapitel 16

Geek’s Guide To The Working Life: Das traute Heim

Pavlo Baron

Domen est omen. Ne, halt, falsch. Domo domini domus est. Ne, auch nicht. Hm, war das vielleicht Domino? Oder doch Do-Re-Mi? Ach, was weiß ich. Könnte ich Latein, wäre ich jetzt vielleicht Arzt, hätte eine schöne helle Praxis, ein paar hübsche Helferinnen in Weiß, und die Kunden alias Patienten würden sich in meinem Wartezimmer stapeln. Aber nein, ich wollte ja unbedingt Knöpfe drücken.

Eine Frage: „Wie geht es dir in diesem Projekt, in dieser Firma? “ Vier Menschen. Vier Antworten. Fünf Standpunkte. Ein paar Parallelen.

Die Antwort von Fritz

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Fritz Wolkendonner von der Firma Watschelbein Consulting GmbH. Wir spezialisieren uns auf IT-Beratung großer Kunden. Nur großer Kunden – kleine Kunden beraten wir nicht. Ich persönlich leite große Projekte. Nur große – kleine Projekte leite ich nicht.

Also, wir haben da diesen Kunden, die Firma Dibedibedab Finanzdienste AG. Und er hat ein wahnsinnig großes Projekt, mit welchem er sich natürlich an uns gewendet hat (Anmerkung des Autors: Natürlich).

Mir wurde die Projektleitung anvertraut. Zu meinen Aufgaben gehört u.a. auch, das Projektteam aufzusetzen und es konstant zu halten. Das Team soll einen gesunden Mix aus internen Mitarbeitern des Kunden, den tschechischen Near-Shore-Entwicklern sowie hiesigen Freelancern darstellen.

Leider sitzt der Kunde in Bremen, und ich bin unserer Nürnberger Filiale zugeordnet. Durch das etwas knappe Budget muss ich den Zug nehmen. Außerdem soll ich nur zweimal die Woche vor Ort sein. Dadurch wurde ich in zwei weitere Großprojekte als Projektleiter geschickt, wo ich dann jeweils einen Tag die Woche vor Ort sein muss – einmal in Dortmund und einmal irgendwo am Bodensee, weiß noch nicht genau, wie das Örtchen heißt.

Freitags muss ich dann nach Nürnberg zurück – das ist unser Heiligtum, da treffen wir uns alle in der Filiale zu einem gemeinsamen Watschelbein-Tag. Wir kümmern uns da ausschließlich um die firmeninternen Themen und das Teaming unter den Kollegen, die sich sonst kaum sehen. Wir erstellen da z.B. Angebote, schreiben Regieberichte, erledigen Hausaufgaben aus den Projekten, die man offline oder per Remote-Zugang erledigen kann. Also, die Zeit ist nur für uns, die Watschelbeiner.

Jedenfalls, muss ich da ab und zu mal mit dem Zug fahren. Jetzt, bei Dibedibedab, da kam ich ins Projekt schon zu dem Zeitpunkt, als das Team eigentlich bereits feststand und auch schon da saß und arbeitete. Ich habe aber sofort die Projektleitung übernommen, gar keine Frage. Da war zwar schon vorher ein anderer Projektleiter auf dem Projekt, der mehr so die fachlich-technische Steuerung des Teams, die Architektur und das Budget innehatte und die Gespräche mit den Anforderern und dem Management führt. Aber alle anderen, rein projektleitungsspezifischen Aufgaben sind unter meiner Kontrolle.

Unser Projektraum ist nicht wirklich optimal. In ihm riecht es auch irgendwie eigenartig, nach irgendwelchen toten Tieren. Die tschechischen Entwickler, mit denen wir zu sechst den 12qm großen Kellerraum teilen, versuchten mir mal die Ursache zu erklären, aber man versteht sie irgendwie so schlecht, und ich glaube, sie wissen es selber nicht so genau. Ihr Lead heißt übrigens Ivan. Er kann als einziger halbwegs Englisch und sogar ein paar Brocken Deutsch.

Die Antwort von Ivan

My name is Ivan from Bulgaria. Im work for this project at Jabadabadu in Germany. We come with five men here to work this project. Weekend I can go home but stay here for its cheaper. In this project I take no. you call it „Schpesen“. We and guys sleep in one cheap room, its cold and 20 meters but cheap. Here in Jabadabadu we work in room all five guys and another developer who not writes code but talking much. In room it stinks with rats. We come here and carpet was all water and all windows was closed, but very hot in room. After three days it is dry but now stinks. Soon Im drive home. I have no office at home land I must stay freelance with taxes reasons to work in project. Here one freelancer guy also have new home.

Die Antwort von Paul

Ja, also diese Rumänen, die programmieren einfach drauf los. Augen zu und durch. Wie oft habe ich ihnen schon gesagt, die sollen Tests schreiben? Ich bin übrigens der Paul. Ich bin der CEO der Paul IT-Beratung. Ja, genau, bin freiberuflich tätig – mein eigener Herr. Keine Fixkosten, kein Personal.

Ich kenne den IT-Leiter von der Klitsche hier schon länger, und der hat gefragt, ob ich frei bin. Ich war da eigentlich in einem anderen Projekt, aber bei dem Tagessatz hier konnte ich schlecht Nein sagen. Inhaltlich ist das Ding langweilig, in ein paar Wochen sind wir durch. Dann habe ich auch in dem anderen Projekt nichts verpasst und kann da weiter machen.

Sie hatten mich am Anfang alleine in den Keller gesetzt, aber dann hat’s angefangen zu regnen, und nach zwei Tagen Dauerregen hat es dort die gesamten Räume überflutet. Also zog ich nach oben und sitze gerade auf dem Platz von einem Internen, der gerade im Urlaub ist. Man zieht aber eh‘ die Tage um, also ist es egal. In den Keller gehe ich jedenfalls nicht – da stinkt’s nach alten Socken. Und sie haben es dort unten eh‘ schon kuschelig genug, nicht wahr?

Das Projekt ist sonst ok, außer, wie gesagt, diesen Anfängern aus Rumänien – das sind doch Rumänen, oder? Genau. Die hören ja gar nicht darauf, was man ihnen sagt. Dann ist da noch dieses Milchbubi von einer Beraterklitsche, der mir ständig irgendetwas über Architektur und Qualität erzählt.

Lustig ist, dass der IT-Leiter mir schon ein paarmal ein Angebot gemacht hat, ob ich nicht fest bei ihm anfangen will. Ich bin doch nicht blöd – ich baue mir gerade ein kleines Häuschen in der Innenstadt, da muss ich doch den Motor am Laufen halten. Dumm ist, dass ich gerade wegen dem Projekt kaum Zeit habe, die Bauarbeiten zu überwachen. Aber egal – bald ist es ja eh‘ vorbei. Vielleicht frage ich mal den einen Internen, der hier immer um Punkt 12 zum Essen und um Punkt 5 nach Hause abdüst – der hat doch eh‘ nichts zu tun, also könnte er glatt meine Baustelle beaufsichtigen.

Die Antwort von Helge

Ich heiße Helge. Bin schon seit acht Jahren bei Dibedibedab. Und mich kotzt es echt an, wie das Management da einfach das Geld zum Fenster rausschmeißt und diese ganzen Slowaken und teuren Freiberufler holt. Wir hätten das Projekt locker selber umsetzen können, mit unseren internen Kapazitäten. Es hätte vielleicht ein halbes Jahr statt, wie sie alle denken, ein paar Wochen gedauert, aber das Ergebnis wäre zumindest sauber und hätte toll in unsere Landschaft hier gepasst. Und wir hätten selber gewusst, wie es implementiert ist. Alles nicht so wild – und so gut sind die Slowaken ja auch wieder nicht. Die grüßen außerdem gar nicht. Und diese Freiberufler sind ja sowieso überbezahlt, aber das weiß man ja wenigstens.

Aber in der Firma gefällt’s mir. Nette Leute und so. Und ich bin ja auch schon so lange hier. Ach, die Externen. Die gehen ja bald sowieso. Wir schmeißen ihre Programme danach weg und schreiben sowieso alles selber neu. Dann wird es auch funktionieren. Sorry, ich muss jetzt echt los. Ein Umzug steht bevor, und ich muss mir einen Fensterplatz sichern. Ich bin ja am längsten in der Firma, also steht mir einer zu. Sollen sie doch die ganzen Externen an die Kopftische setzen. Oder gleich in den versifften Keller…

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Mir ist neulich gesagt worden: „Manches aus dieser Kolumne hätte echt passieren können. Ein paar der Punkte erscheinen schon recht realistisch.“ Ja, genau. Der Rest ist einfach erstunken und erlogen – ich muss ja schließlich circa 5000 Zeichen pro Geschichte vollkriegen. Und ich kann ja kein Latein, sonst könnte ich mich locker darin üben, „Lorem ipsum dolor sit amet, consetetur sadipscing elitr“ in der linken Spalte, Faktor 2,3 bis 3,5 in der mittleren und einen netten, vor allem realistischen Betrag in der rechten zu schreiben. Und die hübschen Helferinnen in Weiß nicht zu vergessen. Aber ich wollte ja unbedingt diese blöden Knöpfe drücken.

Pavlo Baron ist Speaker auf verschiedenen Konferenzen und Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“, „Fragile Agile“ und „Erlang/OTP“(in Entstehung) sowie zahlreicher Artikel. Twitter: @pavlobaron
Geschrieben von
Pavlo Baron
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