Die Interviews

Geek’s Guide to the working Life 9

Pavlo Baron

Ein Morgen. Eine E-Mail vom Kumpel: „Die und die suchen einen Geek. Schick‘ CV“. Eine E-Mail mit angehängtem CV. Je nachdem ein paar Tage später ein Anruf und eine Einladung zum Interview. Je nachdem ein paar weitere Interviews. Je nachdem Zusage und einseitig unterschriebener Vertrag. Je nachdem beidseitig unterschriebener Vertrag, Kündigung und ein paar Monate später ein neuer Job. Je nachdem ein paar Monate bzw. Jahre später: ein Morgen. Eine E-Mail vom Kumpel: „Die und die suchen.“. Der Jobkreislauf eines Geeks. Und immer zwischendurch diese lästigen Interviews. Wenn man aber während des Interviews die Situation schnell begreift und bewährte Handlungsmuster anwendet, erscheint einem das Interview plötzlich viel harmloser als in der schlaflosen Nacht davor. Hier ein paar Beispielssituationen und Handlungsempfehlungen zur Orientierung.

Du sitzt in einem Interview. Gesucht wird ein Entwickler für einen leicht angestaubten Java-Tech-Stack – an sich nichts sonderlich Spektakuläres. Der Interviewer quatscht dich aber über parallele Programmierung, Multiprozessor, Scala, NoSQL, Git usw. aus. Mit einer Begeisterung, die den Ausdruck „feuchte Aussprache“ neu definiert. Aber ohne, dass es laut Annonce irgendwas mit deiner künftigen Aufgabe zu tun hat. Was tust du? Du schließt daraus, dass er in seinem Job technisch total gelangweilt ist und wahrscheinlich nebenbei eine private Spielwiese laufen hat. Und dass du von alledem eh‘ nix zu sehen kriegst. Und dass du im Tagesgeschäft absaufen wirst. Und dass, wenn du seine Fragen korrekt beantworten kannst, in dem Job eh‘ total unterfordert und gelangweilt sein wirst. Und die nehmen dich dann eh‘ nicht. Und wenn du von alledem keine Ahnung hast, werden die dich auch nicht nehmen. So oder so – den Job kannst du vergessen.

Du sitzt in einem Interview. Gesucht wird ein normaler Entwickler – explizit kein Fünfsternekoch. Der Typ dir gegenüber schmeißt dir ein ganz konkretes Problem aus seinem aktuellen Produktionsalltag an den Schädel. Einen Bottleneck, einen OR/M-Framework-Tuning-Kniff, nach dem er selbst schon ewig sucht und nicht findet, irgendein eigenartiges JVM-Verhalten, das nicht einmal seine teuer eingekauften Experten erklären konnten. Sowas in der Art. Und er erwartet unerklärlicherweise, dass du die Sache gleich im Interview für ihn löst oder entscheidend voranbringst. Was tust du? Du fängst erst gar nicht an, über sein Problem nachzudenken, denn du kannst nur verlieren. Und dann steigt sein Frust exponentiell, und er lädt ihn komplett bei dir ab. Stattdessen sagst du, ihr hättet mal in einem Projekt sowas ähnliches gehabt, und ein externer Architekt hätte nach einer Weile eine Lösung dafür gefunden. Du wüsstest aber nicht genau, wie sie aussah. Da schaut er aber dumm, und du hast den Stress von der Backe. Den Job kannst du dir aber wahrscheinlich trotzdem abschminken.

Du sitzt in einem Interview. Die Firma, bei der du vorsprichst, steht in Konkurrenz zu deiner jetzigen Firma. Die fragen dich viel mehr darüber aus, warum du gehst, als darüber, warum du kommst. Was tust du? Du schließt daraus: Sie wollen nur die Interna aus deiner jetzigen Firma wissen, und du bist nur der potenzielle Lieferant. Den Job bekommst du eh‘ nicht. Vielleicht gibt’s den Job nicht einmal. Wahrscheinlich sogar. Also gibst du ihnen ein paar Infos. Du sagst ihnen, deine jetzige Firma plant eine Markteroberung und will die Konkurrenz vernichten. Und die alle haben keine Chance. Sowas in der Art. Du genießt die Schweißperlen auf ihren Stirnen, auch wenn der Spaß nur für ein paar Minuten ist.

Du sitzt in einem Interview. Der Job riecht förmlich danach, dass du viel mit der Datenbank arbeiten musst. Irgendwelche recht banal anmutenden Daten in Screens umwandeln und wieder zurückschieben. In jedem Fall keine besondere Herausforderung bezüglich Algorithmen. Aber dein Freund der Interviewer bohrt dir unzählige Fragen in den Bauch über Algorithmen und Big O. Was tust du? Du schließt daraus: Der ist entweder frisch von der Uni oder hat das Interview gewissenhaft nach den im Web kursierenden Google-Interview-Gerüchten vorbereitet. Oder beides. In jedem Fall steht er total auf Google. Also machst du glatt mit und redest mit aller Begeisterung über irgendwas cooles, Google-mäßiges. Android oder Maps. Und du hast den Job.

Du sitzt in einem Interview. Und wie immer fragen sie dich, wo du in fünf Jahren sein willst. Was tust du? Du lächelst verlegen und antwortest: bei Google.

Du sitzt in einem Interview. Die suchen nachweislich einen Einsteiger, einen Junior. Und fragen dich über Untiefen von Entwurfsmustern aus, ihren Beziehungen zueinander etc. Was tust du? Du schweigst und lässt die selbstverliebt quatschen (keine Sorge, wenn sie dich als Junior sowas fragen, dann werden die anfangen zu quatschen), und irgendwann, wenn du irgendein bekanntes Wort hörst, z. B. „Template“, sagst du: „Mit Word Templates habe ich bereits gearbeitet“. Du achtest ganz besonders darauf, wie schnell das Pattern-Gequatsche verstummt.

Du sitzt in einem Interview. Der Typ dir gegenüber lässt dich von Anfang an spüren bzw. wissen, dass er dich nicht will. Was tust du? Du machst dir einen Spaß aus der Sache und stellst ein paar fiese Fragen über die Firma: Warum die Aktien gefallen sind, was stellt der neue Mehrheitseigentümer wohl mit dem mittleren Management an, ob es wahr ist, dass 300 Mitarbeiter ausgestellt werden etc. Du genießt den Blick in seine Augen. Die Zeit kannst du ja eh‘ bereits als verloren verbuchen.

Guten Tag, Herr Maier, bitte nehmen Sie Platz!

Pavlo Baron ist Enterprise IT Architect in München. Er ist Autor zahlreicher Artikel, Speaker auf verschiedenen Konferenzen und Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“.
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Pavlo Baron
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