Geek’s Guide to the Working Life 8 - JAXenter
Die elektronische Kommunikation

Geek’s Guide to the Working Life 8

Pavlo Baron

Als Geeks die der modernen elektronischen Kommunikation zugrunde liegende Netzwerkphysik, Basistechnologien und Protokolle ausgearbeitet haben, haben sie mit voller Absicht die Bandbreiten, Taktungen sowie Datenfeldgrößen als restlos sparsam und Datenaustauschmuster sowie Synchronisationsverfahren als absolut träge und misstrauisch gestaltet. Alles, damit sich dem Nutzer der lakonische, fast schon asketische Umgang mit Worten und damit – elektronisch gesehen – Bits und Bytes geradezu aufdrängt. Und auch damit die asynchrone Kommunikation, bei der man seinem Kommunikationspartner mit allem Nachdruck aus dem Weg geht, jeder anderen Möglichkeit vorgezogen wird.

Dass es rein technisch gesehen gar nicht notwendig war, es so zu implementieren, dürfte eher weniger bekannt sein. Und dass die Gründe dafür viel mehr in der eigentlichen Natur der Geeks liegen, ist wahrscheinlich überhaupt ein Geheimnis. Bis jetzt. Jetzt wird es gnadenlos gelüftet – anhand einiger Beispiele.

#1: Chat (zwei Entwickler: sw3n – 10 Jahre Erfahrung, amaier1985 – 1 Jahr Erfahrung)
11:10 amaier1985: Du, Swen, Hallo. Hast Du einen Moment Zeit? Ich habe da eine Frage.
11:15 sw3n: was gibts?
11:15 amaier1985 tippt…
11:27 amaier1985: Wenn ich unterhalb von diesem Fenster irgendwas eingebe, Lorem ipsum dolor sit amet, consectetur adipiscing elit. Nullam faucibus, lacus eget lobortis fringilla, metus lectus interdum nisl, vitae gravida lacus tortor at enim. Sed mauris enim, pretium eget molestie eget, sagittis sed felis. Sed vel sapien nec libero egestas sagittis. Phasellus suscipit lorem sed sem posuere id venenatis purus dictum. Vivamus consequat risus vitae mi accumsan aliquam. Nullam mollis lectus vitae mi auctor sit amet hendrerit risus aliquet. Fusce aliquet bibendum massa eget fermentum. Pellentesque habitant morbi tristique senectus et netus et malesuada fames ac turpis egestas. Etiam vitae dolor nec leo euismod porta vel a nisl. Aenean elementum condimentum quam, venenatis iaculis ante fermentum nec.
11:27 sw3n ist offline
#2: E-Mail (DBA an alle Entwickler, vermutlich leicht unter Druck)
Von: Peter Maier
An: devs@myenterprise3000.com
Betreff: krtisch /test dB bald stabil
Die testdatenbank sollte in ca. 20 min wieder gehen, Ursache war das die DB im Archivelogmode läuft und der Cronjob welcher die Logs alle 15 Minuten löscht, deaktiviert war vermutlich wegen den Integratetests, ich hab den wieder aktiviertaktuell läuft der Job.
#3: Gruppenchat (ein häufig genutztes Ventil, gut für einen Lacher zwischendurch, für einen interessanten Link oder Ähnliches)
Anton: http://www.humor-fuer-alle-toll.de/23456 –> LOL!
Peter: ROFL!
Moritz: hehe
Thomas: 🙂
Michael: du, Anton, ich habe hier eine Exception 🙁 – schaust du bitte
Michael: javax.xml.transform.TransformerConfigurationException: javax.xml.transform.TransformerException: org.apache.xml.utils.WrappedRuntimeException: Stream closed javax.xml.transform.TransformerConfigurationException: javax.xml.transform.TransformerConfigurationException: javax.xml.transform.TransformerException: org.apache.xml.utils.WrappedRuntimeException: Stream closed at org.apache.xalan.processor.TransformerFactoryImpl.newTransformer(Transformer FactoryImpl.java:684) at sun.applet.AppletPanel.run(Unknown Source) at java.lang.Thread.run(Unknown Source)
Thomas: wtf?
Moritz: nicht schon wieder
Peter hat die Konversation verlassen
Anton: tl;dr
Moritz: +1
Moritz: http://www.let-us-look-in-the-logs.com 🙂
Michael: Anton, aber in der Config, da steht nur Müll drin, das geht mir langsam zu weit. Keiner räumt da je was auf. Unglaublich, dass das noch funktioniert
Anton ist offline
Moritz hat die Konversation verlassen
Michael: diese Bibliothek ist nur Mist. Warum habt ihr sie überhaupt eingebaut?
Thomas: wtf?
Thomas hat die Konversation verlassen
#4: E-Mail (offensichtlich aus angestautem Frust heraus um morgens geschrieben)
Von: Frank Schmidt
An: Kantine
CC: Alle Mitarbeiter
CC: Vorstandsverteiler
CC: Papst
Betreff: Kantinenessen
Hallo das Essen in der Kantine ist Mist. Bitte stellt einen Automaten mit Süßigkeiten auf
Gruss FS

Und, ist es halbwegs angekommen? Das Geheimnis ist banal und lautet folgendermaßen: Die meisten Geeks sind ziemlich ungeduldig, kurz fokussiert und eigentlich schreibfaul. Je besser der Geek, umso weniger will er tippen, um zum Ergebnis zu kommen. Wer es bezweifelt, hat wohl noch nie etwas gehört von Aliasen, Macros, Autovervollständigung, Automatisierung, Codegenerierung, DRY, KISS, „Less Code“, Netzjargon etc. pp. Zu seinem Glück hat er dann auch nichts gehört vom Code wie:

return a*2.23<73?true:25/u;

Das Schreibverhalten der Geeks hat ja schließlich dazu geführt, dass die modernen elektronischen Kommunikationsmittel so entwickelt wurden wie sie heute sind. Damals hat doch keiner an die Hobbyschriftsteller gedacht, die „Krieg und Frieden“ in die E-Mail packen wollen. Die kamen viel später und übernahmen die Kontrolle. Bloß da war es schon zu spät, ihnen irgendeine neue Technik hin zu basteln, und es wollte auch niemand tun. Also nutzen sie dieselben dünnen Drähtchen und kleinen Speicher, überladen sie bis zum Erbrechen mit ihren Poemen und sonstigen geistigen Ergüssen und beharren darauf, dass man ihnen immer weiter die Bandbreiten und Kapazitäten erhöht, sie in Echtzeit über Sachen konferieren lässt, die diese Welt garantiert nicht bewegen usw. Sie hätten es lernen sollen, sich knapp auszudrücken, stattdessen haben sie dem Netz Übergewicht und Atemnot verpasst. KTHXBYE.

Geschrieben von
Pavlo Baron
Pavlo Baron
  Pavlo Baron ist Enterprise IT Architect in München. Er ist Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“ sowie zahlreicher Artikel. Außerdem spricht er regelmäßig auf Konferenzen und in kleineren Kreisen und gibt so seine Erfahrungen und Beobachtungen weiter.
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