Kapitel 2: Die Bürobeleuchtung

Geek’s Guide to the Working Life 2

Pavlo Baron

Nachdem unser Geek nun die Untiefen der Zeugnissprache kennen gelernt und diese nun problemlos auch ohne einen Babelfisch versteht, ist es an der Zeit, seine offensichtliche Abscheu gegenüber einer für die meisten extrem nützlichen aber für ihn meist sehr lästigen Erfindung vom Office-Planeten zu untersuchen: der Bürobeleuchtung.

Eigentlich ist sich die große Masse der Bevölkerung des Universums restlos darüber einig: Die Geeks stammen vom Maulwurf ab. Warum? Ganz einfach: Wer sonst würde in völliger Dunkelheit, absolut unsichtbar und fast geräuschlos vor sich hin werkeln und am Ende einen großen Haufen Mist zu Tag

e befördern, über den die anderen nur stolpern und den niemand in seinem Vorgarten haben möchte? Eben. Das Problem dabei ist nur, dass diese besagte große Masse der Bevölkerung an sich nicht einmal unfallfrei zwei nebeneinander platzierte Tasten drücken kann, ohne bei einem Vertreter der sog. Supportler anzurufen, einer – oberflächlich gesehen – extrem unterprivilegierten Gattung, die jedoch insgeheim die gesamten Geschicke des Universums lenkt.

Daher kann man dieser großen Masse der Bevölkerung in ihrem Urteil über die Geeks nicht wirklich trauen, was die irdischen Wissenschaftler unmittelbar dazu veranlasst hat, die täglichen Hirnströme und generell die Denkweise eines nachts auf dem Office-Planeten gefangenen Geeks zu analysieren, der dabei erwischt wurde, wie er versucht hat, aus gammelnden Kaffeebechern und leeren Schachteln von Hong Tong’s Nr. 77 eine Himmelstreppe zu bauen, um einem inneren Dead Lock zu entfliehen. Der arme war komplett ausgehungert, da er sich in einer mentalen Endlosschleife befand und seit Tagen auf eine Mutex-Freigabe wartete. Genau dieses Phänomen brachte die Wissenschaftler dazu, den gefangenen Geek freizukaufen und im Labor zu untersuchen, noch bevor er zur Belustigung der großen Masse der Bevölkerung zur Schau gestellt werden konnte.

Was die Wissenschaftler bei ihrer Untersuchung entdeckten, war verblüffend. Nicht, weil die Gedankenabläufe des Geeks so ungewöhnlich wären – ganz und gar nicht. Das verblüffende war die Ähnlichkeit dieser Gedankenzüge mit den Computerprogrammen, die eben von diesen Geeks selbst entwickelt wurden. Während ein allgemeiner Vertreter der großen Masse der Bevölkerung es schaffte, innerhalb einer Sekunde mehrere völlig nutzlose und farbenfreie Gedanken zu haben und sie genauso schnell wieder zu vergessen, dachte der Geek in einer ziemlich klar strukturierten, algorithmischen Sequenz, jedoch recht langsam, aber dauerhaft konstant. Hier zur Demonstration und als Beweis, einer der wenigen erfolgreich extrahierten Gedankenabläufe:

10

Tippe „synchronized {„

20

Sehe gedankenverloren in die Glotze

30

Trommele nachdenklich mit den Fingern

40

Greife zum Kaffeebecher

50

Versuche, den letzten Tropfen herauszuschütteln

60

Stelle fest, da ist nichts drin

70

Stehe auf

80

Laufe zur Tür

90

Schlage ein Bein am Nachbartisch an

100

Fluche leise oder laut (optional, kann auch mit nervösem Kichern alterniert werden)

110

Laufe in die Küche

120

Stelle fest, der Kaffeeautomat blinkt: „Entkalke mich“

130

Ignoriere das Blinken

140

Schenke mir einen neuen Kaffee ein (und hinterlasse leeren Wasserbehälter)

150

Gehe zurück ins Zimmer

160

Schlage das andere Bein am Nachbartisch an

170

Fluche leise oder laut (diesmal nicht optional)

180

Setze mich hin

190

Tippe „if () {„

200

Sehe gedankenverloren in die Glotze

210

Trommele nachdenklich mit den Fingern

220

Greife zum Kaffeebecher

230

Fallen Ihnen irgendwelche Anomalien auf? Nein? Ok, hier etwas Hilfe:

  • Der Prozess erfolgt offensichtlich in völliger Dunkelheit
  • Er wiederholt sich hartnäckig
  • Er ist ziemlich sequenziell, fast wie ein gerichteter azyklischer Graph
  • Nebenläufigkeit findet aufgrund erhöhter Gehirntätigkeit und der Belagerung der restlichen Gehirnkapazität durch den extremen Kaffeedurst nicht statt

Die Wissenschaftler wollten es aber wissen. Mitten in diesem Prozess schalteten sie einfach die Bürobeleuchtung ein, so wie es ein Vorgesetzter getan hätte. Die Reaktion des Geeks auf dieses Ereignis war, sagen wir mal, aufschlussreich. Seine Sinne wurden vollständig gestört, die nun gesteigerte Umgebungswahrnehmung überfüllte seine Register und Schaltkreise – ups, Verzeihung, Hirnzellen und Nerven, was zu dem folgenden, modifizierten Denkprozess führte:

10

Sehe gedankenverloren in die Glotze

20

Trommele nachdenklich mit den Fingern gegen den Tastaturrand

21

(Licht geht an)

30

Erzittere erschrocken

40

Sehe völlig verängstigt um mich herum

50

Versuche die Augen mit der Hand vor Licht zu schützen

60

Schmiere Pizzareste von der Handfläche ins Gesicht

70

Schaue verstört auf die Hand

80

Schaue verstört in die nähere Tischumgebung

90

Registriere die vielen leeren Pizzaschachteln und Bier- oder Cola-Flaschen

100

Lege den Kopf auf die Arme auf dem Tisch

110

(Endlosschleife in diesem Zustand)

Den Wissenschaftlern wurde es Bange um ihr Versuchskaninchen, also schalteten sie das Licht wieder aus. Das Experiment hat eindeutig gezeigt, dass die Geeks massive körperliche und mentale Vorurteile gegenüber der Bürobeleuchtung haben. Sie mussten den armen Geek sogar mit etwas Metallica aus der Endlosschleife heraus hämmern, so schlimm war es.

Und was ist die Moral? Lasst verdammt nochmal das Licht im Geek-Zimmer aus, liebe Chefs!

Geschrieben von
Pavlo Baron
Pavlo Baron
  Pavlo Baron ist Enterprise IT Architect in München. Er ist Autor der Bücher „Pragmatische IT-Architektur“ und „Fragile Agile“ sowie zahlreicher Artikel. Außerdem spricht er regelmäßig auf Konferenzen und in kleineren Kreisen und gibt so seine Erfahrungen und Beobachtungen weiter.
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