Führungskräfte sind Unsicherheitsagenten

Herr Sprenger, wie gehen sie persönlich mit Informationstechnik im Alltag um? Vor Ihnen liegt Ihr PDA, mit dem man vermutlich die Welt regieren könnte.

Sprenger: Ja, das ist so, aber ich fürchte ich nutze weniger als 10 Prozent seiner Möglichkeiten. Und auch, dass man diese Möglichkeiten alle haben muss, überzeugt mich nicht. Das nehme ich einfach in Kauf. Ansonsten gehöre ich eher zur technikaversen Abteilung. Mein Sohn hilft mir weiter, wenn ich überhaupt nicht klar komme. Ich bemühe mich allerdings, den Anschluss nicht zu verlieren, weil ich fürchte mental zu altern, wenn ich aufhöre, mich dafür zu interessieren. Dennoch möchte ich diesen Medien keine Macht über mein Leben geben. Wenn ich mir anschaue, wie viele Menschen E-Mails schicken, statt persönliche Gespräche zu führen, dann ist das eine zivilisatorische Verarmung. Im Rahmen meiner Einflussmöglichkeiten bin ich da auch rigide, etwa: „Wenn du mir etwas Substanzielles zu sagen hast, kannst du mich finden – zumindest telefonisch.“ Denn E-Mail ist totalitär, damit kann man kein Gespräch flechten, da findet kein Dialog statt. Ich kann nicht lauschen, wie der andere auf das von mir Gesagte reagiert, ich beziehe ihn nicht ein, sondern ich werfe ihm einfach etwas monolithisch vor die Füße. Übrigens reagiere ich auch sehr ungehalten, wenn Manager, mit denen ich arbeite, in Meetings gleichzeitig E-Mails checken und im Internet surfen. Nicht nur, dass das pathologisch ist, denn das dauernde Vernetztsein hat ja nahezu alle Manager zu Junkies gemacht. Das ist auch respektlos gegenüber demjenigen, der gerade vorträgt. Zudem hat das den Effekt, dass die Menschen nie da sind, wo sie sind, sondern sich immer gleichzeitig in Parallelwelten aufhalten. Das ist ähnlich beglückend, als wenn man sich einen Abend lang durch alle Fernsehkanäle zappt.

Die entsprechende Kommunikationskultur muss sich demnach erst noch entwickeln?

Sprenger: Ja, der Anstand damit umzugehen, ist einfach noch nicht vorhanden. Das zeigt sich zum Beispiel bei Handys in Zügen oder in Lounges, wo die Leute einfach ungehemmt rumbrüllen, ohne an ihre Umgebung zu denken. Wie diskret doch die Telefonzelle war! Heute ist die ganze Welt eine einzige Telefonzelle, in der jeder jeden mit seinem Wortmüll terrorisiert. Dagegen ist Al Quaida harmlos. Wir müssen aber die Einladung dieser Systeme, sich unanständig zu verhalten, nicht annehmen – wir können sie ausschlagen.

Der angebliche Effektivitätsgewinn dieser Gleichzeitigkeit ist wohl auch eher subjektiv?

Sprenger: Effektiver mag sie sogar sein, aber sie ist garantiert nicht effizienter und auch nicht glücklicher. Wie gesagt, die Leute sind dann immer mit einem Bein woanders. Deshalb fehlt diesen Menschen so etwas wie Konzentration, das Sein im Hier und Jetzt, alles das, was in der Philosophie der Lebensweisheit seit vielen tausend Jahren diskutiert wird. Das wird von diesen Systemen strukturell unterlaufen. Der kluge Umgang damit führt wieder zu meinem Bildungsbegriff zurück. Ohne Bildung rutsche ich auf den Bananenschalen aus, die mir die Informationstechnologie vor die Füße wirft.

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