Forresters Abgesang auf Java: Sackgasse für Java-Enterprise?

Hartmut Schlosser

Java ist in eine Sackgasse bei der Entwicklung von Enterprise-Anwendungen geraten. So titelt Forrester-Analyst Mike Gualtieri in einem aktuellen Blogeintrag, in dem er argumentiert, dass Java historisch zwar zur rechten Zeit gekommen sei, um die Lücke im Bereich der Web-Entwicklung zu schließen. Jetzt habe Java aber seinen Zweck erfüllt, sei im Grunde zu komplex für den Enterprise-Bereich und reif, durch etwas anderes ersetzt zu werden.

Ein überaus schwarzes Bild malt Gualtieri zur aktuellen Situation bei Java an die Wand:

  • Die Anforderungen im Enterprise-Bereich hätten sich in den letzten 20 Jahren stark verändert: Insbesondere die Notwendigkeit schneller Technologie-Anpassungen sei gestiegen.
  • Dieser neuen Innovationsanforderung könne Java nicht gerecht werden: Jede JVM-Programmiersprache sei letztlich auf die Möglichkeiten der Java-Plattform begrenzt, was die nötige Innovationsbeschleunigung verhindere.
  • Die Java-Technologien für die Entwicklung von Oberflächen seien gescheitert: Swing – ein Albtraum, JavaFX – ein Misserfolg, JSF – für Pre-Ajax-UIs konzipiert.
  • Java-Frameworks wie Hibernate, Spring, Struts seien Beweise für die Komplexität der Java-Plattform – Warum sind komplexe Frameworks nötig, um einfache Dinge zu erledigen?

Auch in Oracles neuer Schirmherrschaft über Java sieht Gualtieri kein Signal für eine Veränderung der Situation. Oracles jüngste Ankündigungen seien enttäuschend gewesen und wie schon bei Sun fokussiert auf das Hinzufügen neuer Features, die Steigerung der Performanz und den Gewinn neuer Kunden.

Dabei klopften Alternativen für Java bereits an die Tür – Gualtieri nennt Microsoft Lightswitch, WaveMaker, SharePoint, Compuware Uniface, Progress OpenEdge und die verschiedenen Business-Rules-, BPM-, und Event Processing-Plattformen.

Sein Fazit:

Java Has Served Its Purpose, But Now It Is Time To Move Forward Mike Gualtieri

Reaktionen

Abgesänge auf Java gibt es viele. Dass nun aber ein Forrester-Analyst derart offen die Zukunft Javas in Frage stellt, ist ein Novum. In der langen Kommentar-Liste in dem Forrester-Beitrag werden die Argumente Gualtieris kontrovers diskutiert, wobei einmütige Zustimmung selten ist. Während die Probleme im Java-Ökosystem meist nicht geleugnet werden, sind die Gegenargumente für einen nahenden Java-Tod zahlreich:

Thanks Mike, for a realistic look at application development. Java won’t go away despite its problems, much like SOA, XML or flowcharted BPM. Max Pucher

Business requirements have changed. They’re always changing, why does that mean Java is not useful? A good java programmer can bash out a decent app in a matter of hours if they’ve got the correct tools for the job. Matt Goldspink

Java’s scope is bigger than ruby, php, python, etc. Doc is better, community support is better, OS projects are better. Yes, some day java will fall for a better tech, but not now. Rodrigo Asensio

Die tiefe Verankerunug von Java im Enterprise-Bereich, die große Java-Entwicklerschaft, welche Java und seine Frameworks bestens kennen, die reiche Infrastruktur aus IDEs, Tools, Plug-ins etc., Ansätze wir DSLs und Modeling-Standards, neue JVM-Sprachen wie JRuby, Groovy, Scala und Clojure sind einige weitere angeführte Pluspunkte.

James Sugrue argumentiert auf DZone, dass das Java-Ökosystem auch Rapid Application Development Frameworks wie Sprinig Roo oder Play! enthalte, die Android-Plattform zudem dabei sei, Java im Mobile-Bereich wieder fest zu etablieren, und beispielsweise SpringSource/VMWare zukunftsträchtige Java-basierte Cloud Computing Services anbiete.

Für uns stellt sich hier die Frage, warum Forrester sich mit Spekulationen über die Zukunft Javas, die in keiner Weise durch statistische Daten abgesichert sind, derart weit aus dem Fenster lehnt. Selbst das von Gualtieri präsentierte Datenmaterial zeigt Javas starke Position im Enterprise-Bereich:

Die hastigen Gegenkommentare und Antworten Gualtieris auf die negativen Reaktionen aus der Java-Community muten fast schon nach Schadensbegrenzung an. Oder sehen Sie in dem Forrester-Beitrag vielleicht doch stichhaltige Argumentationsansätze?

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Hartmut Schlosser
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