Interview mit Eric Horesnyi (Teil 4)

FinTech: Wie die Grenze zwischen Finanzwesen und Technologie verschwimmt

Sebastian Meyen

© Shutterstock / Nik Merkulov

Im letzten Teil unseres Interviews mit Eric Horesnyi, Experte für Infrastrukturen im Hochfrequenzhandel und Speaker auf der JAX Finance, setzen wir Blockchain mit der FinTech-Bewegung gleich. Außerdem werfen wir einen Blick auf die Akteure, die vom Verschwimmen der Grenze zwischen Finanzwesen und Technologie betroffen sind – Normalbürger und Entwickler inklusive.

Wir setzen das Gespräch mit unserem JAX Finance Speaker Eric Horesnyi fort. Diesmal geht  in der Zukunft des Bankings um die Menschen, die unmittelbar mit der FinTech-Bewegung zu tun haben, und mit der Vermählung der zwei Giganten Technologie und Finance zurechtkommen.

JAXenter: Blockchain, also die Technologie, die alternativen Währungen wie Bitcoin zugrunde liegt, ist kein Protokoll oder Netzwerk zum Austausch von Werten – es ist selbst ein System zur Herstellung von Wert. Das Internet scheint von einer Schnittstelle, durch die Menschen Dokumente austauschen konnten, zum Internet of Things und jetzt schlussendlich zum Internet of Values fortgeschritten zu sein. Macht diese Aufreihung deiner Meinung nach Sinn?

Eric Horesnyi: Auf jeden Fall. Blockchain verschafft uns Transparenz, Trackability sowie verteilte Skalierbarkeit und Resilienz in einem Ausmaß, das wir uns bei der Erfindung von HTML nicht haben vorstellen können. Indem wir uns einfach auf einen gehashten Code und ein Protokoll einigen und es auf die Transaktionen anwenden, revolutionieren wir die Art und Weise, in der wir bislang Treuhandverantwortungen in unseren Gesellschaften geteilt haben. Das wird gewaltige Auswirkungen aufs Clearing, das Wertpapiergeschäft und das Settlement in der Sicherheiten- und Bezahlindustrie haben. Außerdem wird jede Gemeinschaft von Menschen zukünftig in die Lage sein, ihre eigene Währung zu kreieren, unabhängig von der Haushalts- und Geldpolitik ihrer Regierung.

JAXenter: Was ist Blockchain dann eigentlich? Zerstörerisch oder innovativ, kriminell, brillant oder ganz simpel: die Zukunft der Finanztechnologie?

Technologie an sich ist weder gut noch schlecht.

Eric Horesnyi: Brillant und die Zukunft der finanziellen Transaktionstechnologie – ganz eindeutig. Kriminell: jedenfalls nicht per se. Aber wie jede Technologie seit der Beherrschung des Feuers kann sie missbraucht werden.

JAXenter: Lass uns ein bisschen ins Detail gehen. Sollte die Europäische Kommission strengere Rechnungslegungsvorschriften für den Wechsel von digitalen Währungen einführen, wird das den natürlichen Gang der Dinge in Sachen Kryptowährungen beeinflussen?

Eric Horesnyi: Was die Europäische Kommission möchte, ist mehr Transparenz. Betreibern von Kryptocurrencies sollte es leichter gemacht werden, den Interessen der Bürger gegenüber transparent zu sein. In der Regel sind Aufsichtsbehörden und digital-native Unternehmen aber gut aufeinander abgestimmt. Wir haben bereits über die Auswirkungen von SEPA auf Bezahl-FinTechs geredet: Grenzen abzubauen liegt im Interesse von FinTechs. Diese wiederum stellen Werte für Bürger außerhalb offener Märkte her. Aufsichtsbehörden repräsentieren die Bürger. Und FinTech-Unternehmen als zweckgerichtet handelnde Entrepreneurs arbeiten daran, den Usern bzw. Bürgern Werte bieten zu können. Aktuell befinden sich die Interessen im Einklang und es läuft im Großen und Ganzen recht gut.

Die nächsten zwei Jahre halten fantastische Dinge für FinTech-APIs in ganz Europa bereit.

Die anstehenden Regulierungen werden noch größere Wachstumsmöglichkeiten im FinTech-Bereich eröffnen: PSD2 setzt ab 2017 Banking-APIs voraus und MIFID2 wird noch tiefer auf KYC, Transparenz und die Asymmetrie hinsichtlich des Endes der Informationsausbeutung eingehen. Einige FinTechs stehen schon in den Startlöchern und warten darauf, die in ganz Europa entstehenden Möglichkeiten auszunutzen. Mit Yodlee beispielsweise lassen sich Banking-APIs (oder Linxo in Frankreich) aggregieren und zu eigenen Vorteil einsetzen. Das Gleiche geschieht im Bezug auf Robo Advisors und PFM mit dem Ziel, diejenigen Daten wirksam einzusetzen, die dank PSD2 und transparenten, an MIFID2 angepassten Anlagestrategien verfügbar sind. Die nächsten zwei Jahre halten fantastische Dinge für FinTech-APIs in ganz Europa bereit.

JAXenter: Könnte man zusammenfassend sagen, dass die FinTech-Revolution alle Bereiche der Finanzindustrie – das Geschäft mit Privatkunden, Investmentbanking, Finanzierung und Versicherung – betreffen wird?

Eric Horesnyi: Ja. Und das dürfte nicht nur für die Bürger Vorteile bringen – z. B. günstigere und individuell angepasste Angebote seitens der Finanzindustrie. Die Entwicklung ist auch für die Technologisten spannend und für die gegenwärtigen Player der Branche eine gesunde Herausforderung, um sich neu zu erfinden. Uns erwartet ein großes unternehmerisches Projekt, das unterschiedliche Teams verbinden wird.

JAXenter: Die FinTech-Revolution hat Implikation auf mehreren Ebenen. Eine ist die der Entwickler, die an verschiedenen Stellen in der Finanzindustrie arbeiten. Wie sollten sie sich auf die Veränderungen durch FinTech vorbereiten?

Eric Horesnyi: Vorausgesetzt, sie sind die letzten drei Jahre nicht durchgängig im Urlaub gewesen und haben deswegen die neuesten Best Practices verpasst, sollten Entwickler sowieso bereits dabei sein, sich vorzubereiten. Aber ich bin sicher, auch im anderen Fall sollte es nicht allzu schwer sein, auf den Stand der neuesten Entwicklungen zu kommen. Diese Art von Can-Do-Attitüde herrscht sowieso in Entwicklerkreisen vor und kann einfach auf den in Frage stehenden Sektor übertragen werden. Der mag noch etwas obskur wirken, aber ist eigentlich sehr nützlich und lebensnah, weshalb er unbedingt vereinfacht und transparenter gestaltet werden sollte.

JAXenter: Eric, vielen Dank für deine tollen Ratschläge. Wir freuen uns, dich auf dem FinTech-Tag der im April anstehenden JAX Finance wiederzusehen!

Eric Horesnyi: Ich freue mich darauf!

Interview-Serie zur Technologiezukunft des Bankwesens
mit Eric Horesnyi

Eric Horesnyi war ein Mitgründer von Internet Way (Französischer B2B ISP, an UUnet verkauft) und von Radianz (Global Finance Cloud, an BT verkauft). Er ist Experte für die Infrastruktur von Hochfrequenzhandel und von FinTech, IoT und Cleantech begeistert.

Aufmacherbild: Abstract paint splash background von Shutterstock / Urheberrecht: Nik Merkulov

Geschrieben von
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen
Sebastian Meyen ist Chefredakteur des Java Magazins sowie des Eclipse Magazins. Außerdem trägt er die Verantwortung für Programm und Konzept sämtlicher JAX-Konferenzen weltweit. Er begleitet so die Java-Community journalistisch schon fast seit ihren Anfängen. Bevor er zur Software & Support Media GmbH kam, studierte er Philosophie in Frankfurt.
Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

avatar
400
  Subscribe  
Benachrichtige mich zu: