Faule Programmierer – ein Gewinn für jedes Unternehmen!

Selim Baykara

(c) Shutterstock / EkaterinaP 

Wenn es eine Charaktereigenschaft gibt, die im Allgemeinen nicht sehr hoch geschätzt wird, dann ist das die Faulheit. Faule Leute sind in den Augen der Mehrheit arbeitsscheu, antriebsarm und eine Plage für all diejenigen, die ihrer Arbeit diszipliniert und gewissenhaft nachgehen wollen. Aber stimmt das so auch wirklich? Sind alle Faulenzer rücksichtslose Gammler oder haben sie einfach nur erkannt, dass weniger manchmal mehr ist?

Für diese zweite Sichtweise macht sich Mitesh Patel, Mitarbeiter des Software-Anbieters Raavel, in seinem Blogeintrag „Dear Lazy Developer, Rock On!!!“ stark. Für ihn ist Faulheit nicht zwangsläufig eine Sache, der man sich schämen muss, sondern mitunter sogar eine Art Ehrenauszeichnung für Programmierer – dann nämlich, wenn „Faulheit“ in die Suche nach Einfachheit mündet:

There is nothing wrong with being labelled a lazy developer, I believe it to be a badge of honor. Lazy developers seek clarity and simplicity, which is the hallmark of a well designed solution.

Weniger ist mehr

Die Überlegung ist zunächst einleuchtend: Ein „fauler“ Entwickler sucht nach leicht verständlichen und einfach umzusetzenden Lösungen, denn damit muss er weniger arbeiten als sein Kollege, der Zeilen über Zeilen an hochkompliziertem Code aufschichtet und am Ende in dem Gewirr aus verschiedenen Klassen, Funktionen und Subroutinen den Überblick verliert. Das Gegenteil der so verstandenen „Faulheit“ ist Überfrachtung, neudeutsch „Over-Engineering“:

The opposite of lazy, is over-engineering. I have never seen over-engineered code and said, „wow, I completely understand why you need so many classes, perhaps we can abstract that class even further, because when I hit F3 I am still able to understand what is going on“.

Programmierer – die faulsten Menschen der Welt?

Mit dieser Haltung steht Patel nicht alleine da. In einem Blogbeitrag behauptete Swizek Teller bereits 2011, dass Programmierer die faulsten Menschen der Welt seien. Grund: Im Unterschied zu Vertretern anderer Berufe, die tagaus, tagein immer wieder die gleichen Tätigkeiten verrichteten, seien Entwickler von dem Verlangen getrieben, alle Prozesse so weit als möglich zu automatisieren, d.h. manuelle, repetitive Aufgaben zunehmend aus dem Arbeitsprozess auszuschließen.

In diesem Zusammenhang zitiert Teller den Witz, dass ein Programmier lieber eine Woche damit verbringt, ein Bash Script zu entwerfen, als den Code einfach per Copy Paste zu übernehmen. Damit wird aber deutlich, dass auch die zunehmende Automatisierung ihre Schattenseiten hat. Das Streben nach Vereinfachung führt zu Abstraktion, aber das Ergebnis muss nicht zwangsläufig verständlicher sein. Am Ende hat man Programme, die voller Abstraktionen (also Vereinfachungen) sind und die trotzdem niemand versteht.

Software-Gärtner

Ist Faulheit jetzt also doch schlecht? Vermutlich hängt es zu einem großen Teil damit zusammen, wie man den Beruf Programmierer versteht. Für Chris Aitchson z.B. sind Entwickler nicht so sehr Techniker sondern Gärtner. Damit verbinde sich eine andere Herangehensweise an die Arbeit, denn wer programmiere, sei niemals komplett mit einem Projekt fertig:

Unlike a skyscraper, your garden will grow weeds. If you stop weeding your garden the weeds will eventually smother it, and soon a re-plant will look easier than a pruning. The environment around your garden will also always be changing, and a neglected garden will become harder and harder to keep alive.

Wenn man das so sieht, macht es in gewisser Weise Sinn, ein wenig „faul“ zu sein. Da man, laut Aitchson, als Entwickler sowieso kontinuierlich an einer Sache arbeitet, kann man sich auch auf Methoden verlegen, die Zeit und Mühe sparen.

Letzten Endes kommt es wahrscheinlich aber auch einfach darauf an, was man unter der Bezeichnung „faul“ versteht. Faul im Sinne von „arbeitsscheu“ ist vermutlich in keiner Situation wünschenswert, egal welche Prämisse man zugrunde legt. Wenn man damit aber den Versuch meint, einfache und elegante Lösungen zu finden, ist das eine Sache, der man ohne größerere Bedenken zustimmen kann.

Allerdings bleibt der Verdacht, dass Mitesh Patel das Wort bewusst missverstanden hat.

Aufmacherbild: Three-toed sloth on green branch von Shutterstock / Urheberrecht: EkaterinaP 

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Selim Baykara
Selim Baykara
Selim Baykara studiert Anglistik, Amerikanistik und Soziologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.
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Ralf Baumann
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Gründliches Überlegen bevor man codiert ist keine Faulheit. Wenn man dadurch allerdings mehr Freizeit gewinnen kann, kann man in dieser sehr fleißig sein. 🙂
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