Falsch: Um Agilität einzuführen ist ein umfangreiches Veränderungs-Management notwendig

Ein guter Weg aus meiner Sicht ist es also, nicht „revolutionär“ vorzugehen, sondern eher „evolutionär“. Und man sollte langsam vorgehen, damit man auch jeden auf die Reise mitnimmt, der eigentlich mit will. Allan Shallaway schlägt Kanban als Einführungsmethode für Agilität vor und sagt:

The Lean/Kanban alternative is to first understand your current process and to gradually change it. You do this by creating visibility into it using a Kanban board which represents the value stream. You discuss your policies to make them explicit. You manage your work in progress to do step by step improvements to your work flow.

Visualisiere Deinen Entwicklungsprozess und spreche darüber, was man verbessern könnte. Schaue dabei in den Werkzeugkasten agiler Verfahren. Da findest Du viele Best Practices. Nutze sie aber nur, wenn es Dich verbessert.

Die umfangreicheren Umstellungen, die zum Beispiel Projektvorgehen als Ganzes betreffen, lassen sich besser angehen, wenn schon gewisse Voraussetzungen und Erfahrungen bestehen. Ich halte es daher für ratsam, mit den entwicklungsnahen Praktiken zu beginnen. Dazu gehören Clean Coding, Continuous Integration, automatisierte Tests und testgetriebene Entwicklung, Refactoring und Pair Programming. Alles, was den Feedback-Mechanismus weiter unterstützt, ist gut und verbessert den Prozess. Dazu gehören auch Task-Boards, tägliche Stehmeetings und gemeinsames Arbeiten in einem Raum. Optimal sind dann Fakten, an denen das Management erkennen kann, dass beispielsweise automatisches Testen positiven Einfluss auf die Qualität hat. Also zum Beispiel: Die „Anzahl Hotfixes in Produktion hat seit dem neuen Testverfahren um 40% abgenommen“, und dabei „konnten wir die Anzahl erledigter Aufträge um 15% steigern“.

Umfangreichere Änderungsvorhaben wie Scrum lassen sich dann auf den ersten positiven Erfahrungen mit Agilität besser in ein Unternehmen integrieren. Das Projektvorgehen betrifft ja nicht nur die Anwendungsentwicklung, sondern auch das Linienmanagement, Projektmanagement und den Kunden. Das Thema ist also tendenziell mit mehr Umstellungswiderstand verbunden. Mit den gerade gesammelten Fakten lässt sich möglicherweise mehr bewegen, als mit der bloßen Vermutung, dass ein agiles Verfahren Verbesserung verspricht. Das Prinzip ist glaube ich klar geworden:

Beginne mit kleinen, leicht einzuführenden agilen Praktiken im eigenen Arbeitsumfeld und überzeuge durch Fakten. Dann bringe auch größere Änderungsschritte ins Gespräch.

So, das war erstmal genug zu lesen zum Thema Veränderungsmanagement.

Niklas Schlimm ist seit über 15 Jahren als Software-Entwickler und Architekt in unterschiedlich großen Projekten tätig. Zurzeit arbeitet er als Gruppenleiter eines Architektur-Teams bei der Provinzial Rheinland Versicherung AG. Seine Schwerpunkte dort liegen im Bereich Agile Software-Entwicklung, Java-EE-Architekturen mit Hostanbindung und Application-Lifecycle-Management.
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.