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Geschäftsorientierte Gestaltung von IT-Anwendungslandschaften

Evolution der Integrationsarchitektur

Kornelius Fuhrer und Thomas Havemeister

Infolge unterschiedlicher Integrationsstrategien sind viele IT-Anwendungslandschaften über die Jahre komplexer geworden und können immer weniger Einfluss auf ihr Wettbewerbsumfeld nehmen, da sie die ursprünglichen Ziele nicht mehr erreichen. Im ersten Teil des Artikels wird auf Basis eines praktischen Beispiels erörtert, wie es zu dieser Situation gekommen ist. Im zweiten Teil wird ein vollständig klassifiziertes Referenzmodell für eine serviceorientierte Integrationsarchitektur mit umfassender Geschäftsausrichtung diskutiert und schließlich werden strukturelle Implikationen des Gestaltungsprozesses für die Organisation der IT behandelt.

In Unternehmen beginnt die IT-Unterstützung oftmals mit einem Customer-Relations-Management-(CRM-)System. Mit diesem System werden Kunden- und Vertragsdaten gepflegt, es ist gleichzeitig Produktmodell und Grundlage für die Rechnungsstellung. Eine einfache Webpräsenz dient der Kontaktdatenpflege. Sie enthält ein Content-Management-System und einen Formulardownload für Neuverträge. Die IT-Landschaft wird ergänzt durch weitere Produkte von der Stange aus dem Bereich Finance und Service-Provisioning. Weitere Kaufprodukte folgen in der Regel durch neue Vertriebskanäle oder gesetzliche Vorgaben. Nach einer rasanten Wachstumsperiode ist bei Unternehmen häufig eine ähnliche Symptomatik festzustellen. Durch den starken Zuwachs an Kunden nimmt der Wunsch nach einer höheren Automatisierungsquote zu. Damit nähern wir uns dem in Abbildung 1 dargestellten und ersten Integrationsszenario der Ad-hoc-Integration mit einem sternförmigen Kommunikationsmodell. Dieses stützt sich im Wesentlichen auf Coderedundanz und Schnittstellenvielfalt. Im ersten Schritt wurde die Webpräsenz mit dem ursprünglich statischen Formulardownload um eine Order-Komponente K erweitert, die direkt Aufträge in das CRM einstellen kann. Bestandskunden sollen sich am besten selbst verwalten, also wird neben der Webpräsenz zusätzlich ein Kundenportal bereitgestellt.

Abb. 1: Integrationsszenario: Ad-hoc-Integration mit sternförmigem Kommunikationsmodell
Was passiert jetzt?

Das abstrakte Ziel ist die automatisierte Auftragsannahme und -abwicklung. Es bestehen große Ähnlichkeiten zwischen der Order-Komponente K der Webpräsenz und Orderkomponente K1 im Kundenportal. Daher wird die Komponente um eine Schnittstelle sowie die entsprechende Logik erweitert und beiden Applikationen durch Codeduplikation zur Verfügung gestellt. Mit der Zeit steigt die Komplexität. Monolithen wachsen heran. Der Lebenszyklus beider Applikationen ist stark gekoppelt. Beispielsweise bedeutet eine Bugfixdowntime bei der einen in der Regel auch eine bei der anderen. Ein Portal für Handelsvertreter und Servicemitarbeiter mit ähnlichen Automatisierungsintentionen bekommt seine eigene Order-Komponente, die sich zweckmäßig und autark erweitern lässt. Zur Entlastung des Servicecenters werden externe Dienstleister hinzugenommen, die in Hinblick auf Sicherheit und Vertraulichkeit wiederum eine eigene Applikation erforderlich machen. Technisch wird analog zur Webpräsenz und dem Kundenportal verfahren.

Im selben Zeitraum, in dem Applikationsvarianten mit der Intention zur Automatisierung wie Pilze aus dem Boden sprießen, verändert sich das Geschäft kontinuierlich. Das muss es auch, damit ein Unternehmen am Markt wettbewerbsfähig bleiben kann. Das CRM wird dafür stetig um neue Produkte und Produktkategorien erweitert, was wiederum Anpassungen in den Applikationen nach sich zieht. Hier eine Modifikation und dort eine neue Schnittstelle . – so ein Vorgehen bewirkt ein drastisches Ansteigen der Komplexität und Heterogenität. Diese „Quick and Dirty“- bzw. „Copy/Paste“-Methodik zieht sich dann wie ein roter Faden durch alle Facetten des Entwicklungsprozesses im Unternehmen. Beginnend bei der Anforderungsaufnahme dem Software- und Datendesign über die Anwendungsarchitekturen bis hin zu einer wildwuchsartig entstandenen IT-Anwendungslandschaft. Mittlerweile ist das historisch gewachsene CRM zur „Spinne im Netz“ mutiert. Geblendet durch die vorherrschenden Performance- und Verfügbarkeitsprobleme, treibt das IT-Management die Mission „Skalierbarkeit“ mit höchster Priorität voran. Schließlich gilt es, weiter zu wachsen. In der Regel führt es zu einer Variante des nächsten Integrationsszenarios.

Geschrieben von
Kornelius Fuhrer und Thomas Havemeister
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