Agile/Kolumne

Erzähl doch k(l)eine Geschichten!

Jacob, der Märchenerzähler, war bisher ein Teammitglied wie jedes andere. Einer, der mitentwickelt. Einer wie du und ich. Aber heute bittet er das Team, nach dem Daily Scrum noch kurz zusammen zu bleiben. Dann packt er ein Buch aus und liest vor:

„ … das Product Backlog soll nur Anforderungen und Ergebnisse beinhalten, die direkt dem Erreichen des Projektziels, also der Drachenfalle, dienen. Mit einer Zeichnung kann man keinen Drachen fangen!“ Die Mannschaft musste lachen, aber dieses Beispiel machte ihnen deutlich, was der König meinte, wenn er vom Geschäftswert des Produkts sprach. Mit diesem Kriterium für gute Backlog Items vor Augen kamen König und Team sehr zügig voran. Nur einmal noch gab es eine längere Diskussion. Da die Falle laut Vision einfach zu transportieren sein sollte, schlug das Großväterchen vor, sie mit Rädern zu versehen. „Ihr geht offensichtlich davon aus, dass die Falle so ähnlich aussieht wie die Fallen, die ihr kennt“, stellte der Ritter fest. „Natürlich!“ Das Großväterchen schaute verwundert den König an. „Ist das nicht gewünscht, Euer Hoheit?“ König Schærmæn wollte antworten, aber der Ritter kam ihm zuvor. „Ich würde es zumindest nicht voraussetzen“, begann er.

„Wir haben eine Hexe in unserer Mannschaft. Vielleicht können wir mit ihrer Hilfe einen Trank brauen, der die Drachen anlockt, sie aber nach Verzehr des Tranks lähmt. Oder wir nutzen die Spuk-Erfahrung des Gespensts und konstruieren eine Art Vogelscheuche, die so gruselig ist, dass sie die Drachen erfolgreich vertreibt.“ Die anderen Musketiere schauten den Ritter überrascht an. Mit einem solchen Maß an Kreativität hatten sie nicht gerechnet. Auch der König war erstaunt. Nur allzu gerne hätte er der Mannschaft die Freiheit gewährt, über ganz neue, ungewöhnliche Lösungen nachzudenken. Die Anmerkungen des Ritters ließen erahnen, dass ein auf diese Weise entwickeltes Produkt alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen könnte. Auf der anderen Seite kannte König Schærmæn seine konservative Kundschaft zu gut, als dass er einer ganz innovativen Fallenidee eine erfolgreiche Zukunft vorhersagen könnte“.

Das Team ist ganz erstaunt. Es erwartet eine Erklärung. Aber der Geschichtenerzähler sagt nur „Denkt mal drüber nach“ und setzt sich an seinen Arbeitsplatz.

Später, beim gemeinsamen Mittagessen

Michael: „Was sollte denn diese Sache mit dem Märchen? Sind wir hier im Kindergarten? Das musst du mir mal erklären, Jacob!“

Bevor Jacob antworten kann, meldet sich Ralf zu Wort.
Ralf: „Ich fand es erst peinlich, aber dann ist mir aufgefallen, dass es durchaus Parallelen zu unserem Projekt gibt. Wir haben ja auch eine Hexe, oder Heike?“

Heike: „Frechheit! Ich brau dir gleich mal was! Du wärst dann sicherlich gerne der Ritter, oder?“

Klaus: „Wovon redet ihr? Es klingt gerade so, als hättet ihr ein Märchen gelesen, anstatt meine Anforderungen umzusetzen.“

Ralf: „Gemach, König Klaus! Ihr bleibt unser Kunde, Euer Hoheit!“ (lacht) „Jacob hat tatsächlich aus einem Märchen vorgelesen. Hat aber nur zehn Minuten gedauert. In dem Märchen ging es auch um Produktentwicklung – und darum, dass deren Kunde sich nicht so richtig traut, mal was ganz Neues, Ungewöhnliches zu wagen, weil er glaubt, dass die Kunden das nicht wollen oder akzeptieren.“

Klaus: „Willst du damit andeuten, dass das auch bei uns der Fall ist?“

Heike: „Wenn du mich fragst: ja. Ich finde, wir könnten durchaus innovativer sein.“

Klaus: „Und warum sagt ihr das erst jetzt? Da hättet ihr schon früher mal damit kommen können.“

Ralf: „Hätten wir – wenn wir da schon gewusst hätten, was uns fehlt. Ich hatte nur so ein unbestimmtes Gefühl, ohne es genauer beschreiben zu können. Das Märchen hat mir die Augen geöffnet. Der Wunsch nach mehr Innovation ist kein Vorwurf, Klaus, und es ist auch nicht zu spät. Lasst uns einfach die Lösungen in unserem Kopf ausblenden und ganz neu und anders über unser Produkt nachdenken. Muss das denn immer aussehen wie alle anderen Lösungen vorher?“

Klaus: „Klingt verlockend – aber wie soll das gehen?“

Heike: „Jetzt fällt mir was ein. In dem Märchen waren die Teammitglieder sehr unterschiedliche Typen: ein Ritter, eine Hexe usw. Wir sind da eher homogen und alle aus einer Abteilung. Vielleicht brauchen wie frisches Blut von außen?“

Ralf: „Warum schmunzelst du eigentlich die ganze Zeit, Jacob?“

Jacob: „Och, ich freu mich nur darüber, dass das Märchen anscheinend doch nicht so kindisch ist, wie ihr zunächst dachtet.“

Abb.1

Abb.1: Mit Scrum zur besseren Drachenfalle

Und die Moral von der Geschicht’?

Geschichten schaden nicht. Die Weitergabe von Wissen in Form von Geschichten ist eine uralte Tradition mit weltweiter Verbreitung – von den Traumzeit-Geschichten der australischen Aborigines bis hin zu den isländischen Sagas. Mit einer Geschichte gelingt das Kunststück, den Blickwinkel zu vergrößern und die Herausforderung, die „Episode“, die man eben noch direkt vor Augen hatte, im umgebenden Kontext zu betrachten. Oft wirkt die Episode dann ganz anders. Und nicht selten ergibt sich aus dem neuen Blickwinkel eine Lösungsmöglichkeit, die man nie gesehen hätte, wenn man sich ganz kurzsichtig und isoliert auf die Episode konzentriert hätte.

Geschichten können auch retrospektiv sein. Auch hier kommt es darauf an, das Ganze im Auge zu behalten, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Da es unser Anspruch ist, andere an unseren Erfahrungen teilhaben zu lassen, ist es einen Versuch wert, ausgewählte Retrospektivenergebnisse in Form einer Fabel zu beschreiben und zu erzählen – von Druidenmund zu Druidenohr.

Nicht zuletzt regen Geschichten auch die Fantasie an, und sie sind ein starkes Marketinginstrument. Unser Projekt als Erfolgsgeschichte: Das ist es doch, was wir alle wollen. Warum also nicht eine Geschichte schreiben, die den Erfolg sichtbar macht? Bei all der Geschichtenerzählerei dürfen wir natürlich nicht vergessen, dass wir auch an unserem Projekt arbeiten müssen …

Lesen und lauschen Sie doch wieder einmal Geschichten – und dann erzählen Sie selbst eine.

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