Knigge für Software-Architekten

Erfolgsmuster: Strukturierte Faulheit

Peter Hruschka und Gernot Starke

Erfolgreiche Architekten verwenden (Standard-)Templates, Lösungsmuster und Checklisten, um ihre Produktivität zu steigern und ihre Qualität zu verbessern.

Dialog am Ferienort:

F: „Schatz, hast du die Sonnenmilch eingepackt? “

M: „Klar, hier ist sie. Ich vergesse doch nichts. Soll ich dich eincremen? “

F: „Ja, bitte. Und gib‘ mir doch auch meine Sonnenbrille. “

M: „Oh, die liegt zuhause. “

Warum schreiben viele Menschen für wiederkehrende Situationen des täglichen Lebens Merkzettel? Und warum verlassen sich diese Menschen, wenn es um die Erledigung kritischer Aufgaben in der Konstruktion und Implementierung von IT-Systemen geht, völlig auf ihr (oftmals durch parallele Aufgaben überlastetes) Hirn? Statt diese rhetorische Frage zu beantworten, möchten wir lieber eine Lanze für Vorlagen, Muster und Checklisten brechen.

Vorlagen vermeiden Vergessen

Wir selbst verwenden Vorlagen und Checklisten, um uns an Wesentliches erinnern zu lassen. Wir möchten unseren Kopf für kreative und kommunikative Aufgaben freihalten – denn Erinnern kann Papier erheblich besser als Hirn. Letzteres kann dafür kombinieren, konstruieren und erfinden – das ist in nahezu allen Projekt- und Entwurfssituationen eminent wichtig. Vorlagen und Checklisten nehmen Ihnen niemals das Denken ab, sondern bewahren Sie vor dem trivialen „Fehler-durch-Vergessen“.

Vorlagen bringen Struktur

Gerade für Softwarearchitekturen brauchen Sie sich wirklich nicht jedes Mal überlegen, was Sie dokumentieren sollten. Wie im letzten Heft schon erwähnt, bilden die drei Sichten (Baustein-, Laufzeit- und Verteilungssicht) zusammen mit den übergreifenden technischen Konzepten die Kernpunkte. Rundherum sollten Sie aber auch die Architekturziele festhalten, dazu Ihre Annahmen und Randbedingungen. Würzen Sie das Ganze mit den relevanten Stakeholdern und den zentralen Entwurfsentscheidungen.

Von dieser Sorte gibt Ihnen die Architekturschablone arc42 zwölf Kapitel vor, motiviert, wann und warum diese da sein und mit welchen Ausdrucksmitteln Sie die Kapitel füllen sollten. Wenn Sie in jedem Projekt ein solches standardisiertes Beschreibungsschema verwenden, finden Sie auch in neuen Projekten bestimmte Fakten immer wieder an den gleichen Stellen.

Faulheit geht noch weiter

Wir wollen jedoch keinesfalls zu Formularzombies werden (DeMarco, Tom et al.: „Adrenalinjunkies und Formularzombies“, Carl-Hanser-Verlag, 2007). Das sind Personen, die glauben, mit Formularen jedes Projekt retten zu können. Und wenn noch Schwierigkeiten auftreten, erfinden wir ein neues Formular.

Wir sind einfach zu faul, uns Dinge auswendig zu merken. Deshalb verwenden wir Checklisten, die uns gezielt an bestimmte Punkte erinnern, und die wir keinesfalls sklavisch einhalten.

Wir legen systematische Faulheit an den Tag, insbesondere dokumentieren wir zu Beginn eines Projekts sparsam aber gezielt. Fangen Sie klein an. Sie müssen nicht alle Details beschreiben. Hüten Sie sich vor dem Drang nach Vollständigkeit. Getreu einem Credo der agilen Entwicklung sollten Sie iterativ Dinge verbessern und ergänzen.

Verwenden Sie Checklisten, um sich in der Hektik Ihrer Projekte an wichtige Dinge erinnern zu lassen. Dieses Portal enthält beispielsweise eine Liste mit fast zwanzig unterschiedlichen technischen Aspekten, die uns in Projekten immer wieder begegnen. Ergänzen Sie diese Liste um Ihre eigenen Erfahrungen oder Schwerpunkte – und Ihr Hirn kann sich mehr auf seine eigentliche Aufgabe konzentrieren. In diesem Sinne, viel Erfolg bei der strukturierten Faulheit!

Peter Hruschka und Gernot Starke haben vor einigen Jahren http://www.arc42.de ins Leben gerufen, das freie Portal für Softwarearchitekten. Sie sind Gründungsmitglieder des International Software Architecture Qualification Board (http://www.iSAQB.org) sowie Autoren mehrerer Bücher rund um Softwarearchitektur, Softwareentwurf und Entwicklungsprozesse. Mehr finden Sie unter http://www.systemsguild.com (Peter) und http://www.gernotstarke.de (Gernot).
Geschrieben von
Peter Hruschka und Gernot Starke
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