Kolumne

Enterprise Tales: Die Reihen im Maschinenraum lichten sich

Jens Schumann

Während sich derzeitig die (Enterprise-)Java-Community einmal mehr Sorgen über die Position von Oracle zu Java macht, bestimmen einige große Themen die Diskussionen, Medien und Konferenzen: Zum Beispiel das Eingeständnis, dass der Client und vor allem JavaScript nicht mehr zu vernachlässigen sind. Oder die Erkenntnis, dass monolithische Anwendungsarchitekturen überdacht werden sollten. Aber auch die Frage, was denn nun nach Java als Nächstes kommt. Und dennoch sollten wir, die Java-Community, aufpassen, dass die wirklich wichtigen Dinge nicht gänzlich vernachlässigt werden.

Gerade eben habe ich mich noch darüber gefreut, der aktuellen Grippewelle entgangen zu sein. Doch wie so oft hatte ich auch in diesem Jahr die Rechnung ohne den Wirt gemacht und musste mich irgendeinem Virus geschlagen geben. So kam es, dass ich – ausnahmsweise versteht sich – ganze 42 (!) Stunden meine E-Mails nicht gelesen habe. Der nächste Tag begann deshalb mit einer kleinen Überraschung: 101 ungelesene E-Mails der Mailing-Liste cdi-dev, auf der sich normalerweise nur ein kleines Team mit fünf bis zehn E-Mails pro Tag um aktuelle konzeptionelle Lücken und Unklarheiten sowie um die Weiterentwicklung der CDI-Spezifikation kümmert.

Beim schnellen Querscannen dieser E-Mails wurde schnell klar, dass die diskutierten Themen durchaus meiner Aufmerksamkeit bedürfen und ich unbedingt dazu etwas schreiben muss. Schließlich handelte es sich um grundsätzliche Themen, die über den Scope der CDI-Spezifikation hinausgehen und mehr oder minder das Zusammenspiel zahlreicher Technologien der Enterprise-Java-Plattform betreffen. Aber da waren natürlich auch noch die vielen anderen unbeantworteten E-Mails der letzten Tage, verbunden mit den eigentlich für die Krankheitszeit eingeplanten und mittlerweile in Verzug geratenen Aufgaben. Die Prioritäten sind für jemanden, der sich wie ich nicht primär um Spezifikations- und Frameworkarbeit kümmert, dabei eindeutig: Erst das Tagesgeschäft, dann Feedback zu den cdi-dev-E-Mails – wahrscheinlich am Abend, sobald die dringendsten Themen des täglichen Jobs erledigt sind.

Wie nicht anders zu erwarten, sind gegen 18 Uhr aus 101 schon 150 cdi-dev-Wortmeldungen geworden, und die Diskussionen haben sich, wie so oft auf Mailinglisten, in mehrere gleichzeitige Gesprächsfäden zerfasert.

Was war noch einmal das Thema? Was wurde schon diskutiert? Wo befindet sich die Diskussion mittlerweile? Um diese Uhrzeit, noch gesundheitlich angeschlagen, konnte ich der Diskussion nicht mehr folgen. Meine Wortmeldung musste auf den nächsten Tag warten.

Der nächste Tag kam, der nächste Tag ging. Und auch der nächste. Natürlich ohne Wortmeldung durch mich.

Die wichtige Arbeit an der Basis

Wenn ich ganz ehrlich bin, ist mir so etwas nicht zum ersten Mal passiert, auch ohne die willkommene Ausrede einer Erkältung. Dabei hätte ich zu den konkreten Themen, unter anderem den Lebenszyklus des RequestScopes, der Verfügbarbarkeit von bestimmten Scopes in bestimmten Enterprise-Technologien sowie der Übernahme/Vererbung von Scope-Inhalten über Grenzen hinweg, etwas sagen können und vor allem etwas sagen müssen. Warum?

Meiner Meinung nach ist die Arbeit an der Basis von Java und Enterprise Java, so bezeichne ich der Einfachheit halber die Arbeit in den unzähligen Java Expert Groups und Java-Framework-Teams, das Hirn, das Herz, das Rückgrat und die Füße der Java-Community zugleich. Ohne das tägliche Engagement und die immense Leidenschaft der oft freiwillig in ihrer Freizeit agierenden Visionäre, wäre vieles, was uns das Java-Entwickler-Leben erheblich vereinfacht, schlichtweg nicht denkbar. Wir alle, die gesamte Java-Community, profitieren seit Jahren von dieser Arbeit und können wirklich froh sein, dass es die für uns Nutznießer oft einfach nur namenlosen Experten gibt.

Ist es dann wirklich zu viel verlangt, etwas zurückzugeben? Insbesondere zu Themen, die die eigene Arbeit schon heute betreffen oder beeinflussen?

Nehmen und Geben

Zugegeben, das Nehmen ist einfach. Aber wie gibt man etwas zurück? An dieser Stelle verweise ich gern auf Mark Struberg, seines Zeichens aktiver Open-Source-Entwickler und aktives Mitglied der CDI Expert Group, der mir immer mal wieder den Spiegel vor die Nase hält und mich an fehlende Wortmeldungen erinnert: Am schnellsten hilft man den Experten und Visionären durch direktes Feedback aus dem realen Entwicklerleben, sowohl in Form von positiver Unterstützung als auch durch kritisches Hinterfragen von Ideen, Features, APIs oder Implementierungsdetails. An der Basis gibt es nichts Schlimmeres als fehlgeleitete theoretische Konstrukte, die bekannte (praktische) Aspekte ignorieren oder gar ausblenden und so statt zu helfen eher behindern oder verhindern. In der Regel sind die Adressaten der Rückmeldungen, so meine Erfahrungen, dankbar für jeden Impuls, so lange der Ton konstruktiv bleibt.

Das Kommunikationsmedium der Wahl sollten die einschlägigen Expert Group oder Projektmailinglisten und Issue Tracker sein, die bei entsprechend aufbereiteter Wortmeldung nahezu immer zu Ergebnissen führen. Das mittlerweile stark verbreitete unkonstruktive Jammern hingegen hilft keinem weiter. Wir, die Java-Community, benötigen einen konstruktiven Dialog an unserer Basis, keine Abwertungen und Ausgrenzungen. Zu dieser Kategorie gehört auch die Ablehnung des ach so trägen Java-Spezifikationsprozesses, der im Vergleich zum Java-Framework X oder zum Nicht-Java-Framework Y angeblich kein Momentum hat und deshalb auch keine Antworten und Lösungen liefert. Spezifikationen haben mittlerweile (wieder) einen schlechten Ruf, jedenfalls in einschlägigen Foren und Austauschmedien.

Dabei zeigt gerade die von mir zitierte Diskussion der cdi-dev-Mailingliste, dass der sensible Umgang mit neuen Ideen richtige und wichtige Impulse für (Enterprise)-Java-Grundlagentechnologien setzen kann, ohne dass die Rückwärtskompatibilität der Plattform oder von Plattformbestandteilen jemals gefährdet wird. Davon profitieren sowohl das oben erwähnte Java-Framework X als auch alle anderen Java-Anwendungen mit direkter Nutzung der APIs, die zusammen einen signifikanten Anteil der heute aktiven Softwarelandschaft industrieübergreifend ausmachen.

Am besten nimmt man sich dazu ein Beispiel an den Kritikern der Java-Spezifikationen und dem Spezifikationsprozess per se, die mit ihren Java-Open-Source-Frameworks wesentliche Teile der Enterprise-Java-Landschaft dominieren und trotz aller Kritik regelmäßig in den Java Expert Groups zu finden sind oder sich aktiv auf den Mailinglisten zu Wort melden. Dieser kritische Umgang bringt uns wirklich weiter.

Mein Tagesgeschäft, dein Tagesgeschäft!

Nun höre ich sofort eines der Lieblingsargumente für das Ausbleiben des Gebens: Für Feedback und aktive Mitarbeit fehlt die Zeit! Richtig. Geht mir genauso. Dennoch bin ich nur einer von vielen, der, wie auch alle anderen, ab und zu Feedback geben kann. Gemeinsam können wir etwas bewegen, ohne Nachwuchs und weitere Stimmen als die wenigen Verbliebenen verlieren wir weiter an Fahrt. Dass wir etwas bewegen müssen, steht außer Frage, wollen wir unsere in weiten Bereichen sehr ausgereifte Java-Plattform nicht kampflos aufgeben. Zur nächsten Wiese weiterziehen klingt verlockend, doch ist bekanntlich das dortige Gras nur vorübergehend grüner als das eigene.

Hierzu zählt auch, dass wir junge Kollegen auf die absolut notwendige Basisarbeit einschwören und beim Management für ein Geben kämpfen müssen, sodass wir auch in Zukunft noch die Früchte der Java-Plattform ernten können.

Anpacken bitte!

Die Arbeit an der Basis ist wie jede Arbeit im Maschinenraum eine ernste Angelegenheit. Ohne Ernsthaftigkeit ist ein Fortkommen nahezu aussichtslos. Daher ist unter der Haube jederzeit solides Handwerk gefragt, das ohne Schweiß und schmutzige Hände selten zu erreichen ist. Dummerweise hat diese Beschäftigung die Tendenz, so lange unbemerkt zu bleiben, wie alles gut geht. Das sollte uns nicht davon abhalten, unsere Energie und unseren Sachverstand auch in ruhigen Zeiten einzubringen, damit wir – die Java-Community – nicht am Ende doch als das nächste Cobol belächelt werden.

Lasst uns daher für die aktive Mitarbeit werben und neben Social Media und Mailinglisten auch die anderen Medien wie Events, Konferenzen und Artikel dafür nutzen, Lobbyarbeit zu betreiben. Es gibt unzählige Java-Grundlagentechnologien und Java-Frameworks, die unser aller Mitarbeit bedürfen. Ich jedenfalls gebe mein Bestes. Versprochen.

Geschrieben von
Jens Schumann
Jens Schumann
Jens Schumann, Softwarearchitekt bei dem IT-Beratungs- und Entwicklungsunternehmen open knowledge GmbH sowie freier Autor, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Design und der Umsetzung komplexer Lösungen im Enterprise-Computing-Umfeld. Neben den rein theoretischen Ansätzen liegen vor allem die anwendungsbezogenen Aspekte dieses Problemfeldes im Fokus seiner Tätigkeit. Seine praktische Erfahrung sammelte Jens Schumann in diversen großen, internationalen Projekten und gibt sie als Vortragender auf deutschen und amerikanischen Konferenzen sowie durch sein Engagement innerhalb diverser Open-Source-Projekte weiter. Seine Schwerpunkte bilden derzeit vornehmlich die Aspekte des serverseitigen Java, der aktuelle Fokus liegt dabei im Speziellen auf der Umsetzung von verteilten Anwendungen und der Schaffung einer Enterprise-Java-basierenden Mobile-Computing-Infrastruktur.
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