Branchennetzwerke sorgen für sicheren Datenaustausch in Industrie und Wirtschaft

Eine sichere Leitung für das globale Netzwerk

Stefan Gotthardt, Leiter Kommunikation bei ENX Association

Worauf müssen Unternehmen bei ihrer Kommunikation achten? Diese Frage scheint auf den ersten Blick äußerst profan und im Grunde überflüssig, aber bei genauem Hinsehen wird deutlich, dass der Datenaustausch zwischen mehreren Unternehmen besonders heute eine komplexe Aufgabe ist und daher sehr genau geplant sein will. Warum? Wo liegen hier die Herausforderungen?

Intakte, geschützte und zuverlässige Datennetzwerke zwischen Herstellern, ihren Zulieferern und anderen Partnern sind ein wesentlicher Faktor im Kampf um den entscheidenden Wettbewerbsvorteil im Markt. Ein gutes Beispiel für eine flächendeckend vernetzte Industrie ist die europäische Automobilbranche mit rund 1 800 Zulieferfirmen: In manchen Fällen sind diese Zulieferer heute an bis zu 75 Prozent der Wertschöpfungstiefe der Automobilhersteller beteiligt. Auch die Luft- und Raumfahrt-, die Rüstungsindustrie sowie die Gesundheitsbranche sind Wirtschaftszweige, in denen der Wertschöpfungsanteil der Zulieferer besonders hoch ist und für eine erfolgreiche Zusammenarbeit und das damit verbundene gewünschte Wachstum eine reibungslose Kommunikation untereinander unerlässlich ist.

Die technischen Voraussetzungen sowie die Rahmenbedingungen der dazu eingesetzten Informationstechnologien unterliegen dabei einem steten Wandel. Immer neue Technologien vereinfachen die Zusammenarbeit innerhalb einzelner Branchen und fördern den Trend zur Kommunikation innerhalb von Branchennetzwerken. Die Automobilbranche allein investierte 2008 rund 18 Milliarden Euro in die Forschung und Entwicklung. Auch in diesem sonst hoch abgeschirmten Industriezweig tauschen Unternehmen nicht nur intern Daten aus, sondern arbeiten sehr eng mit Zulieferern und Partnern zusammen. Das erfordert zum Schutz vor jeder Art der Industriespionage absolute Datensicherheit innerhalb des Netzwerks. Während der Entwicklung kompletter Fahrwerke, von Antriebssträngen, Motoren, Aggregaten oder Karosseriestrukturen und der Zulieferungsabstimmung kommt es zwischen allen beteiligten Firmen oft zum Austausch von mehreren Gigabyte großen Datenpaketen. Der finanzielle Schaden, der Unternehmen entsteht, wenn diese Daten in die falschen Hände geraten, ist beträchtlich und bewegt sich schnell im siebenstelligen Bereich. Dies gilt genauso für Produktionsausfälle, die entstehen, wenn die für die Anlieferung von Fahrzeugkomponenten notwendigen Just-in-time/Just-in-sequence-Logistikdaten unvollständig, zeitverzögert oder gar nicht übertragen werden.

Laut Verfassungsschutzbericht 2007 besteht in speziellen Branchen – so auch in der Automobilindustrie – erhöhte Gefahr der Wirtschaftsspionage. In dem Bericht heißt es, dass diese „im Rahmen des globalen Ringens um Marktanteile und Dominanz immer mehr an Bedeutung gewinnt.“ Damit stehen zahlreiche Unternehmen vor der Herausforderung, trotz komplexer Unternehmensnetzwerke und dezentraler Kollaborationsstrukturen ein Maximum an Daten- und Kommunikationssicherheit zu gewährleisten. Da es sich bei vielen dieser Daten um hochsensible Informationen handelt, ist dieses Thema längst zu einem Kernthema in den oberen Firmenetagen geworden.

Der sichere Datenaustausch

Die heutigen Möglichkeiten, die das Internet für die Kommunikation bietet, eröffnen vielen Unternehmen neue Chancen im weltweiten Wettbewerb. Jedoch bergen die neuen Technologien auch Gefahren, denn die Absicherung der eigenen IT-Landschaft gegen Spionage und Hackerangriffe erfordert bei den Betreibern komplexer Unternehmensnetzwerke teils umfangreiche Integrationsprozesse.

Proprietäre Lösungen: ATM, SDSL & Co.

Heute werden proprietäre Lösungen von verschiedenen Autoherstellern in Form von Extranets angeboten. Sie sollen die Datensicherheit innerhalb des eigenen Netzwerkverbunds gewährleisten. Zu diesen proprietären Lösungen zählen beispielsweise dezidierte, so genannte Punkt-zu-Punkt Datenleitungen, die zwischen zwei Unternehmen aufgebaut werden. Diese Verbindungsarten besitzen eine oft sehr hohe Bandbreite und sind bei Vereinbarung entsprechender Service Level Agreements (SLAs) hochverfügbar. Eine weitere Variante im Bereich der proprietären Lösungen sind die von Telekommunikationsanbietern angebotenen Virtual Private Networks (IP-VPNs). Es handelt sich hierbei oft um verschlüsselte Datenverbindungen, die auf der bestehenden Netzwerkinfrastruktur des Carriers aufsetzen. Im weitesten Sinne proprietär, weil dezidiert, sind auch die stark verbreiteten ISDN-Verbindungen, die vor allem in der klassischen Zulieferindustrie noch immer zum Einsatz kommen. Diese Leitungen sind historisch vorhanden und werden allgemein als sicher betrachtet, jedoch verfügen sie in der Regel über keinerlei Verschlüsselung und bieten daher nur unzureichenden Schutz.

Proprietäre Weblösungen: Keine Verschlüsselungsstandards

Der Datenaustausch über das Internet ist mittlerweile mit sehr hohen Bandbreiten möglich. Doch ist auch die Nutzung proprietärer Weblösungen nicht unproblematisch: Kommerzielle Anschlüsse werden im Normalfall ohne Verschlüsselung und ohne durch SLAs geregelte Hochverfügbarkeit bereitgestellt. Hier liegt die entscheidende Herausforderung in der Harmonisierung der unterschiedlichen Lösungsansätze: Die Automobilbranche beispielsweise hat bis heute keine Standards festgelegt, wenn es um den unternehmensübergreifenden Einsatz von zuverlässigen Verschlüsselungsmethoden geht. In der logischen Konsequenz sieht jedes Unternehmen für den Datenaustausch über das Internet eigene und somit proprietäre Anwendungsszenarien vor – sofern dieser Datenaustausch im Rahmen der unternehmensinternen Sicherheitsrichtlinien überhaupt akzeptiert wird.

Geschrieben von
Stefan Gotthardt, Leiter Kommunikation bei ENX Association
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