Ein „Google für Modelle“

Ein Model Warehouse als übergreifende Modellierungsplattform

Bertram Geck
© Shutterstock/Don Pablo

Die Makroumwelt befindet sich im Wandel. Steigende Energie- und Rohstoffpreise, die unsichere Entwicklung der Weltwirtschaft, gesetzliche Vorschriften und zunehmende Sicherheits- und Compliance-Vorschriften erfordern neue Technologien. Fusionen und Personalwechsel an der IT-Spitze hinterlassen ihre Spuren. Darüber hinaus sehen sich Unternehmen durch einen intensivierten Wettbewerb, die Digitalisierungstendenzen der heutigen Gesellschaft sowie verkürzte Innovationszyklen im Rahmen der Globalisierung dazu gezwungen, ihre Geschäftsmodelle in immer geringeren Zeitabständen zu überdenken und entsprechend anzupassen.

Innovative Branchen wie die Automobil-, Telekommunikations- und IT-Branche werden auf eine neue Abstraktionsebene transportiert. Die globale Vernetzung gewinnt an Intensität. Als Beispiel eines Betroffenen des Bruchs, der im Markt auftrifft, nennt Reinhold Achatz die Automobilbranche: „Man wird Mobilität statt Autos kaufen.“ Der Mobilitätsbegriff durchläuft indes einen tiefgreifenden Wandel. Obwohl das Automobil seit seiner Erfindung vor 125 Jahren als Inbegriff der Mobilität und des Fortschritts gilt, haben sich in den vergangenen Jahren neue Mobilitätskonzepte im urbanen Umfeld entwickelt. Bedingt durch steigende Energiepreise, Parkplatzmangel, Staus, Re-Urbanisierung, Wertewandel und staatliche Klimaschutzpolitik gewinnen alternative Mobilitätskonzepte zunehmend an Bedeutung. Laut Michael Ziesak, dem Vorsitzenden des alternativen Verkehrsclub Deutschland (VCD) wird „Mobilität nicht mehr zwangsläufig mit dem Besitz eines eigenen Pkw gleichgesetzt.“ Der Trend geht hin zur Mikromobilität und zur Mobilität nach Bedarf: Eine Blütezeit für Car- und Bike-Sharing-Systeme, Mobility-Apps, Elektroräder, Free-Floating-Konzepte und integrierte Buchungs- sowie Abrechnungsdienstleistungen.

Aber nicht nur der Automobilhersteller entwickelt sich zum Mobilitätsdienstleister. Auch die Telekommunikationsbranche, beispielsweise das Unternehmen Unify, hat die Kraft der Vernetzung und Kollaboration entdeckt und verlagert ihren Fokus zunehmend vom reinen Produkt „Telefon“ hin zu integrierten Kommunikationspaketen für eine produktivere und effektivere Zusammenarbeit im Unternehmen. Und vor der IT-Branche macht der Hype hin zur Service-Dominant-Logic ebenfalls keinen Halt: IBMs Superrechner Watson wird von der Dialog- zur Entwicklungsplattform, die SAP-HANA-Cloud von der lokalen zur innovativen In-Memory-Software und Salesforce öffnet die Pforten vom Online-CRM-System hin zur integrierten Applikationsplattform. Mobile Anwendungen wie Tablet, Smartphone und Cloud stellen in diesem Zusammenhang einen wichtigen Katalysator dar, um dem End-to-End-Mobilitätsanspruch des modernen Konsumenten gerecht zu werden. Die zunehmende Verbreitung mobiler Endgeräte und sozialer Netzwerke zwingt Unternehmen dazu, ihre Geschäftsprozesse aus der Outside-In-Perspektive zu betrachten. Dadurch bedingt befindet sich das Enterprise Content Management (ECM) als zentrales Paradigma zur Organisation und Speicherung von wichtigen Unternehmensinformationen in einem Prozess des Umbruchs. Obwohl die Ära von Tablet und Co. eine grenzenlose Verfügbarkeit von Informationen verspricht, gestaltet sich die Erreichung des Metaziels von ECM, nämlich die richtige Information zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar zu haben, als schwierig.

In dem Terminus „Big Data“ schlummernde, explodierende, strukturierte und unstrukturierte Datenmengen machen es für betroffene Unternehmen komplizierter denn je, Informationen über die Unternehmensgrenzen hinweg zu steuern. Die diversen unterschiedlichen Endgeräte und Kommunikationskanäle erschweren eine einheitliche Kommunikation sowie Kollaboration und erfordern ausgefeilte Sicherheitskonzepte. Kollaboration muss neu definiert werden – sowohl innerhalb der Organisation als auch im gesamten Ökosystem. Höchste Zeit, dass auch der Modellierungsanbieter reagiert, den Weg vom reinen Prozesstool hin zur integrieren Modellierungsplattform ebnet und die Kollaboration damit auf die nächsthöhere Ebene verlagert. Bedarf nach umfassenderen Modellierungslösungen scheint zahlreichen Umfragen zufolge bereits vorhanden zu sein.

Laut einer State-of-the-Data-Center-Studie von Symantec leiden knapp 80 Prozent der ca. 2 453 befragten Unternehmen unter einer gestiegenen Komplexität aufgrund veränderter Rahmenbedingungen. Eine weitere Studie der Info AG mit dem Titel „IT-Perspektiven 2020. Trendradar Mittelstand“ verdeutlicht, dass sich acht von zehn mittelständischen Unternehmen in Deutschland aufgrund globaler Megatrends einem erhöhten Anpassungsdruck ausgesetzt fühlen. Als Folge dieses immensen Drucks werden neue IT-Applikationen eingeführt, die den IT-Baukasten weiter heterogenisieren. Gleichzeitig werden ältere Technologien nicht im erforderlichen Maße abgebaut. Zwar sind diese unter Umständen noch solide, funktional und leistungsfähig, aber mangelt es an einer übergreifenden Plattform, die multidimensionale alte und neue Schnittstellen sowie Interdependenzen ganzheitlich abbildet und diverse unverbundene BPM-Projekte vernetzt. Über Jahre und Jahrzehnte entsteht so ein kaum beherrschbarer und wartbarer IT-Flickenteppich aus individuellen Prozessen, Technologien, Tools, Methoden und Standards. Laut einer aktuellen Studie (Dezember 2013) der Computerwoche nutzen 52 Prozent der 300 befragten Unternehmen mehr als zwei BPM-Modellierungstools. BPTrends Associates hat dazu weiterhin herausgefunden, dass sich die parallel genutzten Tools den Bereichen graphisches BPM (Visio, PowerPoint), Repository-basierte Modellierung und laufzeitbasierte Modellierung zuordnen lassen. Zwei Jahre zuvor, im Dezember 2011, belief sich dieser Anteil an Unternehmen, die mindestens zwei Modellierungstools nutzen, noch auf 30 Prozent, wie aus einer Befragung der MID GmbH von 120 Unternehmen unterschiedlicher Branchen hervorgeht. Dies entspricht einem Heterogenitätswachstum von 22 Prozent in zwei Jahren. Somit steht fest: Der IT-Flickenteppich wächst.

Die Vielzahl von Elementen und deren Änderungsdynamik beschränkt das Unternehmen jedoch in seiner Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit, behindert ein schnelles und kostengünstiges Agieren. Darüber hinaus fallen hohe Kosten für unterschiedliche Mitarbeiterschulungen, Lizenzen und Datenmigration an. Ein übergreifender Kontext und zuvor getätigte Investitionen gehen verloren, Kollaboration und Governance lassen sich nur suboptimal über die Toolgrenzen hinweg realisieren und die IT-Komplexität nimmt zu. Die Beherrschung der IT-Komplexität ist jedoch essenziell für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens. Der Druck, die Überkapazitäten der IT-Ausstattung abzubauen, steigt kontinuierlich. Modellierung wird wichtiger denn je. Ein breites Handlungsfeld für den Modellierer von morgen, denn Modellierung scheint den Schlüssel zu Agilität, Kollaboration und einer übergreifenden, nutzerorientierten Verbindung verschiedener Ökosysteme darzustellen. Die Herausforderung besteht dabei vor allem in dem Spagat zwischen Variationsbreite und Standardisierung. Komplexitätsreduktion, Kostenersparnisse und ein effizienteres Wissensmanagement im Unternehmen stehen auf der Top-Agenda der meisten CEOs.

Komplexitätsreduktion: Vor allem steigende Datenmengen und neue Technologien führen laut der State-of-the-Data-Center-Studie 2012 zu einer erhöhten Komplexität in den Rechenzentren der Unternehmen. Heterogene Toollandschaften lassen sich kaum noch steuern, es mangelt an Einfachheit und Transparenz, veränderte Geschäftsanforderungen lassen sich nur mit Mühe umsetzen. Dadurch geht wertvolle Zeit verloren und die Kosten steigen unerwartet in die Höhe.

Kostenersparnis: Neun von zehn deutschen Mittelständlern klagen laut der Studie „IT-Perspektiven 2020. Trendradar Mittelstand“ über hohe IT-Betriebskosten und fehlende Transparenz IT-gebundener Ausgaben. 87 Prozent der Verantwortlichen wünschen sich vor allem bei Installation und Pflege der Unternehmens-IT, weniger Aufwand betreiben zu müssen. Regelmäßig erforderliche Updates sowie komplizierte Lizenzmodelle machen IT-Anwendungen für mittelständische Unternehmen häufig unwirtschaftlich. Damit nimmt der Bedarf an technischen Lösungen, die zu Kosten- und Aufwandsersparnissen innerhalb der IT-Landschaft führen, erheblich zu.

Effizientes Wissensmanagement: Für die Entwicklung und Vermarktung neuer Produkte ist das Unternehmen auf immer tieferes und präziseres Spezialwissen aus der Belegschaft angewiesen. Dazu ist jeder einzelne Mitarbeiter als wichtiger Innovations- und Wachstumstreiber von signifikanter Bedeutung. Um das Mitarbeiter-Know-how zu aktivieren, muss jeder einzelne dazu befähigt sein, selbst nach den passenden Prozessen zu suchen oder Prozesse selbst zu erstellen.

Allerdings führt das Wissen nur als übergeordneter Gesamtprozess zu mehr Effizienz. Die technischen Möglichkeiten, das Mitarbeiterwissen effizient zu steuern, schöpfen die Unternehmen derzeit nur unzureichend aus. Entscheidungen werden überwiegend in Silostrukturen getroffen. Deshalb bedarf es nicht nur einer vollständigen Einbeziehung aller Mitarbeiter in den Prozess der Wissens- und Informationsgenerierung, sondern ebenso der professionellen Bündelung des Fachwissens der Mitarbeiter. Dazu sind neue Formen der digitalen Kollaboration, strukturierten Netzwerke und Teamarbeit unabdingbar. Besonders eine aktive Kommunikation zwischen den Mitarbeitern inner- und außerhalb eines Unternehmens, kann als Schlüsselprozess für Innovationen angesehen werden. Einer aktuellen Studie von Pierre Audoin Consultants (PAC) zufolge erfordert das Day-to-Day-Business bei 87 Prozent der Befragten eine Zusammenarbeit und Vernetzung über Abteilungsgrenzen hinweg. In 72 Prozent der Fälle wurde sogar eine unternehmensgrenzenüberschreitende Zusammenarbeit und Vernetzung als erforderlich eingestuft.

Allerdings ist dazu eine simple Mobilisierung bestehender IT-Software auf mobile Endgeräte nicht hinreichend. Vielmehr sollte Mobilität bottom-up aufgerollt werden. Das impliziert, dass Modellierung für jedermann im Unternehmen, von der IT-Abteilung bis zum Fachbereich, zu jeder Zeit begreif- und intuitiv nutzbar wird. Wir haben dazu z. B. die Tablet-Lösung MID Process Note entwickelt und nicht nur versucht, die Innovator-Software an den 9,7-Zoll-großen Tablet-Screen anzupassen. Vielmehr wurde die Software vollständig neu aufgezogen, um ein einfaches, mobiles Modellierungserlebnis zu ermöglichen.

Eine Tablet-Solution allein kann die zuvor ausgeführten Ziele Komplexitätsreduktion, Kostenersparnis und Wissensmanagement allerdings nicht ganzheitlich erfüllen. Vielmehr bedarf es einer Metamodel-Management-Plattform, um in der heutigen Komplexität bestehen zu können – einer Art „Google für Modelle“. Laut Analysen von Forrester (November 2013) existieren allerdings nur wenige Anbieter solcher Metamodel-Management-Plattformen. Neue und unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet in diesem Zusammenhang ein Model Warehouse, das toolunabhängig Wissen zusammenfasst und bereitstellt. In der übergreifenden Modellierungsplattform lassen sich nicht nur sämtliche Modellierungstools, sondern auch diverse Anwendungsfälle integrieren und steuern. Unternehmensübergreifende Kollaboration wird so unter maximaler Einbindung der Akteure spielend einfach gewährleistet. Dabei sind die folgenden fünf Dimensionen von besonderer Bedeutung:

1. Ein Google für toolübergreifende Modelle: Die wohl größte und schnellste Informationsplattform, die sich in vielen Ebenen des privaten und beruflichen Lebens wiederfindet, ist Google. Sie versorgt den User in Sekundenschnelle mit dem gewünschten Webcontent, vernetzt und liefert Informationen und Antworten über alle Grenzen hinweg, ständig und überall. Eine ebensolche Informationsplattform bietet das Model Warehouse, allerdings für Prozesse und Modelle. Mit erweiterter Suchfunktion, Autovervollständigung, Suchfilter und Vorschaufenster können Dokumente gefunden werden. Nichts geht über Organisations-, Unternehmens- und Toolgrenzen hinweg verloren. Dieses Google für Modelle schafft eine Vernetzung von Usern und Modellen immer und überall.
2. Wertsteigerung der eigenen Modellierungstools: Einer A.T.-Kearney-Studie zufolge gilt es als zukunftsweisend, eine angemessene Balance zwischen hochentwickelten Lösungen und standardisierten Paketen für die Kernprozesse zu schaffen. Ohne die Eliminierung von alten Tools, trägt das Model Warehouse daher dazu bei, die einzelnen Leistungen zu bündeln und so flexibel zu bleiben. Das reicht von Visio, Aris und Spary EA über ProVision und CA Erwin bis hin zum Innovator und zahlreichen anderen Modellierungstools. Die Mitarbeiter können in gewohnter Toolumgebung arbeiten und ihre Ergebnisse über den Warehouse-Server integrieren. Auf diese Weise lassen sich Ausgaben für Schulungen einsparen und bisherige Investitionen sichern.
3. Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg: Prozessmodellierung ist nicht länger auf Ihre Unternehmensgrenzen beschränkt. Lieferanten, Kunden und viele andere Intermediäre müssen integriert werden. Technische Barrieren, die einen ganzheitlichen Ansatz verhindern, wie unterschiedliche Softwareversionen oder IT-Zugänge, verlieren an Bedeutung. Mit einem Model Warehouse kann jeder alle Modelle von überall importieren und allen Beteiligten in Echtzeit zugänglich machen. Alle Entitäten können exportiert und in der gewohnten Toolumgebung genutzt werden.
4. Governance durch Versions- und Releasemanagement: Ein Model Warehouse mit Versions- und Releasemanagement ermöglicht, Businessveränderungen schnell und einfach in bestehende Modelle zu integrieren. Zusätzlich werden Prozess- und Modelländerungen und deren Auswirkungen auf das gesamte Unternehmen hervorgehoben und somit nachvollziehbar gestaltet. Jeder Stakeholder wird automatisch über entsprechende Änderungen informiert. Fehlentscheidungen können dadurch leicht eliminiert werden.
5. Impact-Analyse zwischen Modellen: Die Impact-Analyse bietet einen Weg, kausale Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Modellen zu verstehen. Mit ihr können Sie Abhängigkeiten im Modell und Verknüpfungen zu anderen Modellen nachvollziehen. Automatisch generierte Übersichten zeigen auf, wie sich die Variablen gegenseitig beeinflussen.

Ein Model Warehouse realisiert einen Umbruch im Bereich des Unternehmenswissens. Modelle bieten durch die Kombination von Bild- und Textsprache einen Weg der Wissensspeicherung und des Wissensabrufs sowie toolübergreifend und unternehmensübergreifend die Möglichkeit, auf das gesamte verfügbare Wissen zuzugreifen.

Aufmacherbild: Warehouse building with blue sky von Shutterstock / Urheberrecht: Don Pablo

Geschrieben von
Bertram Geck
Bertram Geck
Bertram Geck ist Geschäftsführer bei gebeConsult. Er ist Experte im Bereich Unternehmensentwicklung und greift auf mehr als zwanzig Jahre Erfahrung in Produktentwicklung, Produktmanagement sowie im Marketing und Vertrieb von IT-Lösungen zurück. Web: www.gebeconsult.com
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