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Ich schwöre feierlich ...

Ein Berufseid für Programmierer?

Michael Thomas

© Shutterstock.com/villorejo

Ärzte, Beamte, Richter, Soldaten: Viele Professionen kannten bzw. kennen feierliche Schwüre oder Amtseide, die gewisse grundlegende Verhaltensregeln vorschreiben und deren Bruch mitunter handfeste, empfindliche Konsequenzen haben kann. Auch wenn letzteres in seinem Entwurf keine Rolle spielt, hat sich der bunte Hund der Softwareentwicklung Robert C. Martin („Uncle Bob“) daran gemacht, ein analoges Gerüst für das Programmiererhandwerk zu formulieren – und erntet damit vielstimmige Kritik.

Martins Programmierereid umfasst insgesamt neun Artikel:

Mit dem Ziel, die Ehre des Berufs des Computerprogrammierers zu verteidigen und zu erhalten, schwöre ich hiermit, nach bestem Wissen und Gewissen, …

1. keinen schädlichen Code zu produzieren.

2. dass der von mir produzierte Code das bestmögliche Ergebnis meiner Arbeit widerspiegelt. Ich werde wissentlich keinen Code veröffentlichen, der in seiner Struktur oder seinem Verhalten defekt ist.

3. mit jedem Release einen einfachen, schnellen und wiederholbaren Beweis zu liefern, dass jedes Element des Codes funktioniert wie es soll.

4. kleine und häufige Releases erfolgen zu lassen, um den Fortschritt anderer nicht zu behindern.

5. dass ich meinen Code furchtlos und unermüdlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit verbessern werde. Ich werde den Code niemals schlechter machen.

6. dass ich alles in meiner Macht stehende dafür tun werde, meine eigene Produktivität sowie die anderer Leute auf dem höchstmöglichen Niveau zu halten. Ich werde nichts tun, dass die Produktivität senken würde.

7. dass ich stets sicherstellen werde, dass andere mir den Rücken freihalten können – und ich ihnen.

8. dass ich Schätzungen abliefere, die sowohl im Hinblick auf Umfang als auch Präzision ehrlich sind. Ich werde kein Versprechen abgeben, ohne vorher Gewissheit zu haben.

9. dass ich niemals damit aufhören werde, mein Wissen zu erweitern und meine Handwerkskunst zu verbessern.

Einige Entwickler scheinen diesem Verhaltensrahmen durchaus etwas abgewinnen zu können. So schreibt beispielsweise der Webentwickler Stefano Torresi auf Twitter:

Vielstimmige Kritik

Doch wie Torresi es in seinem Tweet zur Sprache bringt: Das bisherige Echo auf Martins Ideen ist zu großen Teilen verhalten bis negativ. Der Softwareentwickler Mikhail Gusarov etwa ist der Ansicht, dass zur Komplettierung der Liste eine besonders wichtige Versicherung fehlt:

Uncle Bob’s The Programmer’s Oath is awesome, but it is missing the final part:

11. I will not beg for food on streets after being ousted from 17th place of work in 4 months.

Auch auf Lobsters, einem auf Tech-Themen spezialisierten Aggregator à la Hacker News und Reddit, sind zahlreiche kritische Stimmen zu finden, die insbesondere die aus ihrer Sicht mangelnde Trennschärfe und Alltagstauglichkeit des Regelwerks zum Inhalt haben:

This is an oath about things 99% of programmers have 0 control of. If this oath is meant to make us all feel bad about the current state of software “engineering”, it does a good job.
– soc

That’s the oath of a programmer without deadlines.
– JeremyMorgan

I found the Oath as clear as a foggy day.
– apy

Der Eröffner des Themas geht gar so weit, Martins Entwurf als solchen in Bausch und Bogen abzulehnen:

I admit to submitting this primarily because my immediate reaction to it was disbelief and annoyance. That probably means that it’s a good discussion topic, right?
– asthasr

Der Entwickler Ariel Caplan ist auf seinem Blog zwar etwas versöhnlicher; so hält er Martins Unterfangen an sich für eine gute Idee. Allerdings ist er der Ansicht, dass der von ihm formulierte Programmierereid nicht im Sinne eines ethischen Regelwerks zur Anwendung kommen sollte, da einige Passagen (namentlich die Punkte 5 und 7) den Prinzipien der agilen Softwareentwicklung bzw. praktischen Erfordernissen widersprechen. Aus diesem Grund stellt er Martins Entwurf ein eigenes 10-Punkte-Programm gegenüber, dass stark an den Eid des Hippokrates angelehnt ist und sogar so weit geht, gesamtgesellschaftliche Aspekte miteinzubeziehen:

I will always consider myself a regular member of society with access to extra information and power. My skills give me no right to exert greater influence on other human beings.

Was meinen unsere Leser? Könnten Sie mit dem von Robert C. Martin aufgestellten Regelwerk leben? Bedarf es gar ethischer Richtlinien für Programmierer? Oder schießen sowohl Martin als auch Caplan mit ihren Ideen über das Ziel hinaus?

Aufmacherbild: A man is resting his left hand on a red book at a table von Shutterstock / Urheberrecht: villorejo

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Geschrieben von
Michael Thomas
Michael Thomas
Michael Thomas studierte Erziehungswissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und arbeitet seit 2013 als Freelance-Autor bei JAXenter.de. Kontakt: mthomas[at]sandsmedia.com
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