Armando Statti auf der MTC 2017

e-Health: Welche Voraussetzungen eine medizinische App erfüllen muss

Kypriani Sinaris

Armando Statti

Auch im Gesundheitswesen werden technische Lösungen wie Wearables immer wichtiger. Wir haben mit Armando Statti (Hochschule Reutlingen), Speaker bei der MobileTech Con 2017, über den aktuellen Stand im e-Health-Sektor gesprochen, wie er das Verhältnis zwischen Arzt und Patient verändert und was er von zukünftigen Applikationen erwartet.

JAXenter: In deiner Session auf der MTC hast du über das Thema e-Health gesprochen. Kannst du zusammenfassen, was alles hinter dem Begriff steckt?

Armando StattiFür mich beschreibt dieser Begriff in erster Linie eine neue Form der Kommunikation im Gebiet der Medizin und innerhalb des Gesundheitswesens. Ich beschreibe es auch gerne als die Digitale Medizin.

Die digitale Medizin verspricht, sich zu einem der aussichtsreichsten Märkte und Arbeitsgebiete der Zukunft zu entwickeln. Durch die stetige Weiterentwicklung von verteilten Anwendungen und der stark wachsenden Nutzung von Wearables im Gesundheitsmarkt, etablierte sich der Begriff e-Health in den letzten Jahren erst. Dabei spricht man in diesem Zusammenhang von nichts Anderem als der Verknüpfung moderner IT-Strukturen in klinischen Instituten, mit der direkten Vernetzung und Anbindung des Patienten. So erhalten Patienten durch die direkte Einbindung über mobile Geräte Zugriff auf medizinische Daten; im Gegenzug erhalten klinische Institutionen mehr Einsicht in den Alltag des Patienten zur Unterstützung der Diagnostik und einer individualisierten Therapie. So kann hier durchaus von einer digitalen und personalisierten Medizin gesprochen werden. Die Verabschiedung des e-Health-Gesetzes in Deutschland Ende 2015 zeigt, dass der Gesetzgeber auf diese Umstände reagiert hat. So soll mit diesem Gesetz die Bereitstellung einer sicheren Infrastruktur vorangetrieben werden, um das Ziele hinter dem Begriff e-Health zu erreichen.

JAXenter: Schrittzähler sind eher Lifestyle-Produkte. Was wäre aus deiner Sicht ein Beispiel für eine wirklich nützliche, medizinische App? Welche Möglichkeiten gibt es aktuell, sowohl Hardware- als auch Software-seitig?

Armando Statti: Ich finde, ein spannendes Produkt bietet das Unternehmen MySugr. Hier wird gezielt versucht, einen analogen Prozess zu digitalisieren, um damit den Alltag von Patienten zu erleichtern, aber auch die Therapie zu verbessern. Hierbei geht es um die direkte Überwachung und Protokollierung des Zustands von chronisch erkrankten Patienten.

Aber auch die Nachsorge kann hier deutlich verbessert werden. Oncokompas ist eine Online-Plattform, die an Krebs erkrankten Personen die Möglichkeit gibt, ihre Lebensqualität nach einer erfolgreichen Krebstherapie zu protokollieren. Das Tool generiert automatisch ein individuelles Feedback zur unterstützenden Betreuung für Ärzte und Patienten. Ein tolles Beispiel, dass auch die Nachsorge vereinfacht werden kann und meiner Meinung nach einer der größten Bereiche, die mit Hilfe neuer Wege vereinfacht und effektiver gestaltet werden können. Und zudem enorm wichtig für die Forschung und jeden einzelnen Patienten. Es hilft, den Alltag besser zu bewältigen bzw. besser die Krankheit zu kontrollieren und nicht anders rum.

Ich selber arbeite an einem Projekt um die Transplantationsmedizin zu digitalisieren und hier die Lebenszeit der Organe und damit den Mangel an Organen in Deutschland besser in den Griff zu bekommen.

JAXenter: Welche technischen Anforderungen muss eine e-Health App erfüllen?

Armando Statti: Ich selbst entwickle sehr gerne auf der Plattform iOS oder mit Cross-Plattform Lösungen wie Ionic. Ein wichtiger Punkt sind natürlich die Schnittstellen für Kommunikation und Übertragung der Daten mit Kliniken etc. Aber auch hier gibt es bereits Lösungen, wie HL7. Hier herrscht noch etwas wenig Transparenz, gerade weil in Deutschland viele Insellösungen entstehen. Diese Thematik geht das Integrating the Healthcare Enterprise (IHE) ja bereits tatkräftig an.

Ich selbst habe mich in meinem Vortrag und meinem Arbeitsschwerpunkt eher auf die Usability oder auch Gebrauchstauglichkeitsanalyse konzentriert. Sprich: Wie sollten Apps konzipiert sein, um Patienten auch wirklich in den einzelnen Anwendungsfällen zielgerichtet zu unterstützen?

Ich denke, wichtiger werden die Fragen, wenn es um die Einhaltung gesetzlicher Richtlinien geht. Aber auch nur dann, wenn eine e-Health App für einen wirklichen medizinischen Anwendungsfall genutzt werden soll. Hier sollte man auch den Begriff e-Health App stark abgrenzen. Für mich sind Applikationen, die einen medizinischen Anwendungsfall abdecken, Mobile Medical Apps. In diesem Fall muss das Medizinproduktgesetzt eingehalten werden und somit auch verschiedene Normen bei der Entwicklung und Konzeption der App mit einbezogen werden.

JAXenter: Wie sieht es hier mit dem Datenschutz aus?

Armando Statti: Eine saubere Entwicklung und Absicherung der Daten ist in Deutschland längst ein Thema, dass aber nicht erst mit dem Begriff e-Health aufkam. Schon lange gibt es Portale und Apps, die uns auf einfachen Wegen Online-Banking oder auch Mobile-Banking ermöglichen. Man kann den Kontostand als Information nicht mit Patientendaten vergleichen. Aber wir haben längst die technischen Möglichkeiten, Daten sicher zu übertragen und zu speichern. Ich denke, oft spielt auch die wirtschaftliche Seite eine entscheidende Rolle. Wie viel Geld will ich für den Datenschutz meiner Kunden und Patienten ausgeben? Hier würde ich eher auf die Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union verweisen.

Im Falle von medizinischen Applikationen ist viel spannender zu sehen, welche Rolle Krankenkassen in Zukunft einnehmen werden. Will ich als Patient, dass meine Krankenkasse alles über meinen Gesundheitszustand mitbekommt? Oder provokativ gesagt, meinen ungesunden Lebensstil kennt, der zu weiteren chronischen Krankheiten führen kann, wie Übergewicht oder Diabetes? Die Versicherung Generali hat bereits 2016 eine App veröffentlicht, mit der Kunden Gesundheitsschaden freigeben können und durch dieses auch protokollieren, ob sie einen bewussten und gesunden Lebensstil haben. Belohnt werden Kunden mit Beitragssenkungen.

JAXenter: Gerade dem e-Health-Bereich stehen viele Menschen eher kritisch gegenüber – so ein Gespräch mit dem Arzt und eine persönliche Untersuchung ist einfach was anderes. Mit welchen Argumenten würdest du die Zweifler von medizinischen Applikationen überzeugen?

Armando Statti: Die Applikation selbst muss das Argument sein. Eine gut durchdachte App mit einem tollen Konzept, das einen wirklich konkreten Anwendungsfall bedient, sollte für sich sprechen. Außerdem spielt die technische Umsetzung eine klare Rolle.

Schrittzähler gibt es genug in den App-Stores. Ein Nutzer, der wirklich seine Schritte zählen möchte, entscheidet sich irgendwann für die App, die ihm hinsichtlich der User Experience besser zusagt. Ein Diabetespatient, der täglich seinen Insulinspiegel messen muss und dies noch schriftlich protokolliert und selbstständig errechnet, wie viel Insulin er spritzen muss, handelt womöglich anders. Wenn eine App diesen Prozess automatisiert und ihm viel Zeit und Aufwand spart, fällt die Entscheidung vermutlich leichter.

Ansonsten glaube ich, dass eine App die Kommunikation vereinfachen kann, wie Fragen von Patient zu Arzt, auch für eine einfache und schnelle Kontaktaufnahme. Bei ernsten chronischen Fällen würde ich einen Arztbesuch weiterhin empfehlen. Die Telemedizin könnte man als Ergänzung für mehr Transparenz und gezielte individuellere Beteuerung zwischen den ambulanten Kontrollen nutzen.

JAXenter: Ein Blick in die Zukunft: Was erwartet uns in den nächsten Jahren im e-Health-Bereich?

Armando Statti: Ich hoffe auf spanende Produkte. Neue und innovative Hardware zur Detektion und Messung unterschiedlicher Gesundheitsdaten und Vitaldaten. Diese natürlich angebunden an Apps zu direkten Auswertung und Anbindung an das Gesundheitssystem bzw. den Kliniken. Hoffentlich auch viele tolle Startups mit tollen und innovativen Ideen.

Armando Statti widmete schon vor seinem Bachelorstudium seine volle Leidenschaft der Entwicklung und Konzeption von interaktiven und mobilen Anwendungen. Nach seinem Abschluss an der Hochschule Reutlingen im Bereich Human Centered Computing bereitet er gerade eine Promotion vor, mit dem Schwerpunkt Mobile-Computing im Gesundheitswesen. Parallel initiierte er das Projekt ImmunControl, welches sich zur Aufgabe gemacht hat die Transplantationsmedizin zu digitalisieren. Er ist davon überzeugt, dass die personalisierte digitale Medizin die Lösung für eine bessere Bereitschaft eines Patienten zur aktiven Mitwirkung an therapeutischen Maßnahmen ist. Früher war er unter anderem für die digitalen Agenturen Razorfish und SapientNitro angestellt.

Verwandte Themen:

Geschrieben von
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris
Kypriani Sinaris studierte Kognitive Linguistik an der Goethe Universität Frankfurt am Main. Seit 2015 ist sie Redakteurin bei JAXenter und dem Java Magazin.
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.