Eine Übersicht

Editoren für SVG

Christian Wenz und Tobias Hauser

Schon oft tot gesagt, hält sich SVG (Scalable Vector Graphics) auf kleinem, aber recht konstantem Level. Das geht natürlich nur mit entsprechenden Editoren.

Als SVG ein wenig an Popularität gewann, dachten viele schon an eine Revolution und sahen darin die Zukunft des Web. Das sollte letztendlich an zwei Faktoren scheitern: Es gab keine weit verbreiteten Browser-Plug-ins (der Adobe SVG Viewer, ASV, erreichte nur einen geringen Marktanteil und wurde dann von Adobe leise beerdigt), und auch bei den Editoren sah es lange Zeit mau aus. Da SVG in einigen Nischen sehr erfolgreich ist (Kartographie, mobile Endgeräte in bestimmten Märkten), ist die Nachfrage nach professionellen Editoren sehr groß. Viele Vektorgrafikprogramme bieten einen SVG-Export, und da SVG an sich „nur“ XML ist, tut es auch ein einfacher Texteditor.

Für den Praxiseinsatz eignen sich jedoch einzig Editoren, die einen echten Produktivitätsgewinn versprechen. Ohne gute Animationsfähigkeiten ist ein SVG-Editor lediglich bedingt – sprich nur für die einfache Grafikausgabe – tauglich. Hier sind eine gute, übersichtlich zu bedienende Zeitleiste und die dazu passende Arbeitsfläche entscheidend. Ein zweiter sehr wichtiger Punkt ist das Scripting: Zur ECMAScript-Programmierung innerhalb eines SVG-Dokuments wünschen sich Entwickler Helferlein wie Autoergänzung und einen Debugger, doch in dieser Hinsicht gibt es für die Editorengemeinde noch einiges zu tun.
Dieser Artikel stellt einen repräsentativen Querschnitt der SVG-Editoren vor. Nicht jeder Editor konnte berücksichtigt werden, aber jede relevante Editorenkategorie ist mit mindestens einem Produkt vertreten. Dabei geht es darum, die Tools grundsätzlich zu beschreiben; ein exakter Feature-Vergleich hätte aufgrund der teilweise sehr aktiven Entwicklung nur eine kurze Halbwertszeit.

EvolGrafiX SVG Studio

Unter EvolGrafiX SVG Studio gibt es laut eigener Werbeaussage „The Number one SVG Authoring Solution“, sowohl als 30-Tage-Trial als auch, für 249 Euro, in der Vollversion. Und die Feature-Liste liest sich auch hervorragend: Es gibt nicht nur einen ECMAScript-Editor, sondern auch einen integrierten Debugger. Aber auch für Designer sind zahlreiche interessante Features, unter anderem eine Visualisierung des DOM-Baumes, eine Zeitleiste und eine integrierte Vorschau mit an Bord. Doch obwohl das alles viel versprechend klingt, ist SVG Studio wohl am Ende seiner Karriere angelangt. Das letzte Update auf SVG Studio 6.1 stammt aus dem Jahr 2004, und auf gosvg.net wurde im Mai dieses Jahres angekündigt, dass sich das Geschäftsmodell von EvolGrafiX geändert habe – und jetzt nichts mehr mit SVG zu tun hat. Einige der EvolGrafiX-Entwickler haben die Firma verlassen und ein neues Unternehmen gegründet; schon kurz zuvor sorgte die Ankündigung des SVG-Viewers Renesis auf der SVG Open 2005 für Aufsehen, wenngleich sich die Entwicklung rapide verlangsamt hat. Es bleibt also spannend.

Abb. 1: EvolGrafiX SVG Studio
Inkscape

Komplett kostenlos ist das Open-Source-Projekt Inkscape, einer der bekanntesten SVG-Editoren. Eine Erwähnung auf dem Newsportal Slashdot hat die Website erst im Juni kurzzeitig in die Knie gehen lassen; glücklicherweise wird der Download auf dem mit etwas mächtigerer Hardware gesegneten SourceForge ausgeliefert. Dort gibt es neben dem Quellcode auch DMG-Images für Mac OS X, .package-Dateien für Linux und einen auf NSIS basierenden Windows-Installer. Inkscape entstand als Fork aus dem Sodipodi-Projekt, das mittlerweile nicht mehr gepflegt wird (die Homepage ist nur noch eine Ruine, hier gibt es die aktuellste Version zum Download – von Mitte Februar 2004). Aus Vektorgrafiksicht ist Inkscape einer der mächtigsten SVG-Editoren und bietet auch guten Zugriff auf das XML-Mark-up. Leider gibt es im Scripting Nachteile. Ein Schicksal, das Inkscape mit vielen anderen SVG-Editoren teilt. Nach nützlichen Helferlein, wie etwa einem Debugger, sucht man vergeblich.

Abb. 2: Vektorreferenz: Inkscape ist gratis und ein exzellenter Vektorgrafikeditor.
AKs SVG Editor

Andreas Krammel hat ein interessantes Projekt veröffentlicht: Einen nativen SVG-Editor, also in SVG (und ECMAScript) geschrieben. Das Produkt erfordert den Adobe SVG Reader 3 und benötigt zusätzlich den Internet Explorer unter Windows, unter anderem wegen dem Workaround, der für das Abspeichern verwendet wird (ein externes Programm). Ein früherer Test des Produkts hatte das Fazit: Beeindruckende Programmierleistung, aber für den Alltagsbetrieb kaum tauglich, da die Usability (gerade in Bezug auf die Ausführungsgeschwindigkeit) mit einem Desktop-Programm nicht mithalten kann. Somit eignet sich der Editor zwar nicht für den Projektalltag, bietet aber auf jeden Fall eine respektable Leistung und ist einen Test wert. Die Vollversion schlägt mit 29 Euro zu Buche.

Abb. 3: Proof of Concept: AKs SVG Editor.
SVG Editor by Chris Peto

In eine ähnliche Bresche wie Krammel schlägt auch der auf der SVG-Mailingliste recht aktive Chris Peto. Der Editor läuft ebenfalls komplett im Browser ab. In Hinblick auf das Laden und Speichern von SVG-Daten geht er einen besonders interessanten Weg: Die Dateien werden einfach auf dem Webserver abgelegt und können von dort geladen werden; so finden sich auf dem Server bereits diverse Experimente von interessierten Anwendern. Auch hier gilt zu sagen: Coding-Leistung topp, Praxistauglichkeit flop. Auch Chris Petos SVG-Editor ist tendenziell als „Proof of concept“ einzuordnen.

Abb. 4: Proof of Concept 2: Chris Petos SVG Editor.
Sketsa SVG Editor

Das Problem der Plattformunabhängigkeit löst der Sketsa SVG Editor mit Java. Besonderes Highlight: Eine Demo-Version lässt sich auf der Homepage via Java Web Start ausführen. Für den permanenten Einsatz auf dem eigenen Rechner gibt es eine kostenlose Trial-Version und für 49 US-Dollar eine Vollversion. Die Software ist noch recht aktiv in der Entwicklung; Mitte April 2006 erschien das letzte Update. Für die Anzeige kommt Batik zum Einsatz, das als JAR-Archiv Teil der Distribution ist. Leider gibt es keine nennenswerte Skriptunterstützung und vergleichsweise wenige Werkzeuge zur Bearbeitung. Dafür läuft das Tool aber auf allen Betriebssystemen mit Java 1.5 und höher.

Abb. 5: SVG per Java: Sketsa SVG Editor.
Web Engine V2

Web Engine V2 bezeichnet sich selbst als „Visual DHTML & SVG Website Editor“ und kostet 99 US-Dollar. Das Programm produziert HTML, JavaScript und SVG. Die Oberfläche kann man nicht unbedingt hübsch nennen, sie ist aber sehr funktional. Das Hinzufügen von Aktionen ist recht einfach und auch das Bearbeiten von JavaScript-Code macht durchaus Freude.

Abb. 6: DHTML und SVG: Web Engine V2 verknüpft SVG und Scripting.
KoolMoves

Als Flash-Software bietet KoolMoves zusätzlich SVG-Import und -Export. Allerdings beschränkt sich beides auf Formen. Animationen können nicht erstellt und exportiert werden. Das ist besonders schade, da KoolMoves für einfache Animationen sehr gut geeignet ist und der Preis mit 49 US-Dollar eher moderat ausfällt.

Abb. 7:Eingeschränkt: KoolMoves erlaubt den Export von Formen.
Adobe Illustrator

Adobe hat mit dem Adobe SVG Viewer (ASV) und anschließend mit Adobe Illustrator vor einigen Jahren damit begonnen, sich im SVG-Umfeld zu positionieren. Die Strategie wurde allerdings nach einiger Zeit nicht mehr konsequent verfolgt: auf eine neue Version des Adobe SVG Viewers wartet man beispielsweise immer noch. Hilfreich ist sicherlich auch nicht, dass Adobe mit Macromedia die Firma hinter Flash aufgekauft hat und nun mit SWF eine Konkurrenztechnologie zu SVG besitzt.
Adobe Illustrator besitzt allerdings auch in der neuesten Version CS 2 immer noch SVG-Fähigkeiten. Auch die neueren mobilen SVG-Varianten wie SVG Tiny beherrscht der Illustrator-Export. Die Exportfunktion selbst ist gut und gruppiert auch Illustrator-Ebenen in SVG logisch als Elemente. Was allerdings völlig fehlt, ist eine Animationsfunktion.
Ähnlich wie Adobe hat auch Corel eine Zeit lang auf SVG gesetzt und einen eigenen Viewer entwickelt. Und selbstverständlich sind auch hier einige SVG-Ausläufer in die Programme eingeflossen. Allerdings scheint auch diese Strategie beendet, sodass SVG heute mehr oder weniger ohne Unterstützung eines der großen Softwareanbieter auskommen muss.

Abb. 8: Exportfunktionen: Illustrator exportiert in verschiedene SVG-Varianten.
Fazit

Mittlerweile gibt es einige sehr gute SVG-Editoren. Ein wenig bedenklich stimmt allerdings, dass einige wie EvolGrafiX SVG Studio oder davor schon Jasc WebDraw sang- und klanglos vom Markt verschwinden. Das zeigt sicherlich, dass SVG selbst einige Probleme hat, sich zu etablieren. Zum Teil lag das an der schlechten Editorsituation zu Beginn der SVG-Zeit, zum Teil liegt das an der heutigen Schwäche bei den SVG-Viewern. Am meisten Chancen hat das Format wohl in der automatisierten Grafikproduktion aus XML-Datenbeständen und in der mobilen Anwendung. Dort ist allerdings nicht klar ersichtlich, welche Editoren sich schließlich als die wertvollsten herausstellen werden. Bei der Transformation per XSLT sollten Sie beispielsweise auch einen Blick auf die XML-Spezialisten werfen.

XML-Editoren
Viele XML-Editoren bieten auch SVG-Unterstützung. Darunter sind die Marktführer Altova XMLSpy und Stylus Studio 2006. Die SVG-Unterstützung ist hier keine visuelle – die Produkte wenden sich auch in der Ausrichtung und dem damit verbundenen Preis nicht an Designer. Stattdessen wird Autovervollständigung für SVG geboten. Und selbstverständlich ist für den Dokumentverarbeitungsprozess besonders wichtig, dass diese Werkzeuge hervorragend mit XSLT umgehen können, und so das einfache Erzeugen von SVG-Dokumenten erlauben.
Christian Wenz und Tobias Hauser arbeiten als Autoren, Trainer und Berater im Web-Bereich. Dabei haben sie sehr oft Technologieentscheidungen zu treffen, die sie ohne ideologische Scheuklappen fällen. Ihr in Projekten erworbenes Wissen geben sie in Büchern, Fachartikeln und auf Entwicklerkonferenzen im In- und Ausland weiter. Unter anderem sind sie Co-Autoren des „SVG Unleashed“ (Sams Publishing). Weblog: www.hauser-wenz.de/blog/.
Geschrieben von
Christian Wenz und Tobias Hauser
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