Mehr Projekte, weniger IDE

EclipseCon Europe 2013: Zwischen Diversität und Fragmentierung

Diana Kupfer
www.eclipse.org/artwork

Gestern ging im schwäbischen Ludwigsburg die diesjährige EclipseCon Europe zu Ende. Im Flair eines Familientreffens hielten alte und neue Community-Mitglieder anspruchsvolle technische Sessions. Neue Technologien wie die Modeling-Umgebung Sirius und zahlreiche M2M-Projekte standen ebenso auf der Agenda wie ein Krisenstab zum Status quo der Eclipse-IDE.

„Engineering is easy – people are hard“: Dieses Statement läutete die erste Keynote und damit den offiziellen Teil der EclipseCon Europe (ECE) 2013 ein. Den menschlichen Faktor in Softwareprojekten nahm der erste Speaker Brian Fitzpatrick, seines Zeichens Engineering Manager bei Google, unter die Lupe: den Eigenbrötler, der dem Mythos des exzentrischen Genies verfällt genauso wie projektgefährdende Gruppendynamiken und Unternehmenspolitik, die der Speaker lieber „Organizational Manipulation“ schimpft. Fast jeder bekam dabei sein Fett weg.

Fitzpatricks kurzweiliger Versuch einer Soziologie der Softwareentwicklung kam beim ECE-Publikum gut an. Erkenntnisgewinn und Inspiration hielten sich allerdings in Grenzen. Zu abgedroschen die Klischees, zu zahlreich die Binsen, die der Referent zum Besten gab: Das zweckoptimistische „Embrace Failure“, der etwas widersinnige Appell „Go for the collective ego“ oder die „drei Säulen“ der menschlichen Interaktion – Demut, Respekt, Vertrauen – waren einige solcher abgegriffenen Ratgeberfloskeln.

Allerdings hatte sich bereits auf der letzten EclipseCon Europe eine locker-leichte Keynote mit hohem Unterhaltungswert als ideales Hors-d‘oeuvre für drei vollgepackte Konferenztage erwiesen. Und auch dieses Mal wurde teilweise wieder bis spätabends getagt und getüftelt – in mehr als 130 Sessions, Keynotes und Workshops sowie in zahlreichen mehr oder minder spontanen „Birds-of-a-Feather“-Zusammenkünften. Da wurden die im Verhältnis zum Vorjahr größeren Zeitpuffer zwischen den Sessions und die großzügigen Mittagspausen allseits begrüßt. Sie sorgten tagsüber für eine wesentlich entspanntere Atmosphäre als vor einem Jahr.

In der zweiten Keynote wurde es konkreter und auch technischer: Hier ließ sich Marty Weiner von Pinterest in die Karten des eigenen Technologiestacks schauen. Die exzellent aufbereitete Chronologie seines Unternehmens reichte von März 2010, als man noch mit einer MySQL-Datenbank und einer kleinen Webengine auskam, bis April 2013, als neben 180 Mitarbeitern mehr als 70 MySQL-, mehr als 100 Redis-, 230 Memcache- und 8 Zookeeper-Instanzen im Einsatz waren – alles, um den exorbitant steigenden Anforderungen in Sachen Datenspeicherung und -Verarbeitung gerecht zu werden. Auch HBase und Solr gehörten zu diesem Zeitpunkt bereits zum festen Inventar an Big-Data-Technologien.

Nun hat nicht jeder das Luxusproblem, binnen kurzer Zeit in dieser Größenordnung skalieren zu müssen. Die Kriterien für die Wahl einer Technologie, die Weiner am Ende präsentierte, sind aber durchaus allgemeingültig:

  • Does it meet your needs?
  • How mature is the product?
  • Is it commonly used? Can you hire people who have used it?
  • Is the community active?
  • How robust is it to failure?
  • How well does it scale? Will you be the biggest user?
  • Does it have good debugging tools? Profiler? Backup software?
  • Is the cost justified?

Weiner erweckte dabei keineswegs den Eindruck, den Zuschauern ein Patentrezept mit auf den Weg geben zu wollen. Im Gegenteil: Sein Beispiel macht deutlich, dass die Expertise mit den Erfahrungen wächst. Und die muss jeder selbst machen. Dazu bleibt einem auch der eine oder andere Sprung ins kalte Wasser nicht erspart – oder das eine oder andere graue Haar.

Die dritte Keynote von Ian Robinson (IBM) stand ganz im Zeichen von OSGi. Kein Zufall, schließlich war wieder einmal das OSGi Community Event in die ECE eingebettet. Im Zentrum der Keynote stand der Anwendungsserver WebSphere von IBM, der nach und nach à la OSGi modularisiert wurde.

Stars und Sternchen

Wer sein Projekt „Sirius“ tauft, dem muss bewusst sein, dass er damit alberne englische Wortspiele provoziert. Siriusly. Aber nicht deswegen war das Projekt in aller Munde. Das gemeinsame Tool der Firmen Thales und Obeo, eine graphische Modeling-Umgebung, legte bereits kurz nach seiner Freigabe einen Senkrechtstart hin, was sich auf der ECE in den überfüllten Sessions zu diesem Thema widerspiegelte. In Transportsystemen, in der Robotik und in Satellitensystemen der European Space Agency wird es bereits erprobt. Die geringe Einstiegshürde, die Tatsache, dass im Sirius-Designer kein bisschen Code notwendig ist und nicht zuletzt die höhere Produktivität, die mit dieser Arbeitsweise einhergeht, machen das Tool nicht nur für Firmen, sondern auch für den privaten Nutzer interessant. Melanie Bats beispielsweise demonstrierte in ihrer Session eine Custom-Eclipse-IDE, mit der Kinder spielerisch in die Arduino-Programmierung einsteigen können. Das Projekt steht unter https://github.com/mbats/arduino zur Verfügung. Einen Einblick in die Arbeit mit Sirius geben Frédéric Madiot und Cédric Brun in der kommenden Ausgabe des Eclipse Magazins.

Bild: Anne Jacko (http://www.flickr.com/groups/ece2013/)

Der Rising Star des Vorjahres, Orion, war auch in diesem Jahr wieder mit fünf Sessions und einem Workshop im Programm vertreten. Mittlerweile verwendet auch SAP einzelne Komponenten der Browser-Technologie für die hauseigene In-memory-Datenplattform HANA, wie in einer entsprechenden Session erklärt wurde. Dass Orion in kleinen, leicht konsumierbaren Häppchen serviert wird, macht das Projekt mittlerweile auch für andere Firmen äußerst attraktiv. Bestes Beispiel ist Mozilla: Das Unternehmen hat sich für den Firefox den Orion Editor herausgegriffen.

Weder Sternbild noch Star, aber zweifelsohne der Newcomer der Konferenz war das kleine Internet-of-Things-Protokoll MQTT (Message Queue Telemetry Transport, wir berichteten darüber). Einen Workshop dazu konnte man am Dienstagvormittag besuchen, eine Session am Mittwochnachmittag. Es versteckte sich außerdem in Prototypen, die Niranjan Mising (Bosch) in seinem Talk „M2M on wheels“ präsentierte, sowie im Projekt „Sharky“, das ganz am Ende der Konferenz vorgestellt wurde. Florian Pirchner beschreibt in seinem Blog, was es mit den fliegenden Haien auf sich hat.

In einem frisch veröffentlichten Blogpost bekundet die BlackBerry-Entwickler-Community ebenfalls großes Interesse an MQTT. Ein auf der ECE geführtes Interview zu MQTT mit den EclipseCon-Speakern Christian Götz und Dominik Obermaier wird demnächst hier auf JAXenter veröffentlicht.

Seinen Auftrieb innerhalb der Eclipse-Community hat MQTT zweifelsohne dem geradezu explosiven Wachstum des M2M-(Machine-to-Machine)-Zweigs seit Gründung der M2M-Arbeitsgruppe vor zwei Jahren zu verdanken. Schließlich stellt eines der ersten M2M-Projekte bei Eclipse – Paho – eine clientseitige Implementierung des Protokolls zur Verfügung. Das jüngst bei der Eclipse Foundation vorgeschlagene Projekt Mosquitto liefert das serverseitige Gegenstück. Neben Paho und Mosquitto und den frühen Projekten Koneki und Mihini sind im letzten Jahr die M2M-Projekte Kura, Concierge, Smart Home, SCADA und Krikkit vorgeschlagen worden. Während der ECE wurde der Projektvorschlag zu mbeddr, einer erweiterten Version der Programmiersprache C, eingereicht. Concierge, das eine Java-OSGi-Implementierung mit minimalem Footprint anstrebt und SCADA, eine Java-Plattform für das zentrale Steuern und Überwachen technischer Prozesse und industrieller Anlagen, füllten zwei der insgesamt fünf M2M-Slots auf der diesjährigen ECE. In der nächsten Ausgabe des Eclipse Magazins stellen die Projektinitiatoren die neuen Technologien vor.

Ein Star in Person war in diesem Jahr Ed Merks. Das langjährige Eclipse-Community-Mitglied feierte auf der Konferenz seinen 50. Geburtstag. Merks, Leiter des Modeling-Projekts, gehört zu der überschaubaren Gruppe von Personen, die bislang mit dem „Lifetime Award“ der Community ausgezeichnet wurden.

Bild: Anne Jacko (http://www.flickr.com/groups/ece2013/)

„Ask not what your IDE can do for you…“

„At some point the Eclipse M2M projects will start to outweigh the Eclipse IDE projects. I wonder when that will be?“ twitterte Alex Blewitt (InfoQ) am Ende des zweiten Konferenztages. Welch ein Menetekel!

Nachdem bereits in den Talks „Making the Eclipse IDE fun again“ und „Become an Eclipse Committer in 20 Minutes and fork the IDE“ für Beteiligung an der IDE geworben wurde, trat am Mittwochabend eine BoF-Gemeinschaft zusammen, aus der die geplante Eclipse IDE Working Group…nun ja, hätte entstehen können. Das Ressourcenproblem der Eclipse Foundation wird spätestens seit dem Blogpost eines ehemaligen Eclipse-Entwicklers, „Why we dropped Eclipse in Favour of IntelliJ“, sehr offen in der Community diskutiert.

Einig waren sich die etwa 40 Diskussionsteilnehmer des BoF-Treffens schnell darin, was der IDE fehlt: „It has bugs, it has usability issues, and it doesn’t look nice“, brachte ein Teilnehmer die gesammelten Anliegen auf den Punkt. Die Kritikpunkte bezogen sich im Wesentlichen auf Design, Packaging, Sprachunterstützung, Usability, Performance und die fehlende Unterstützung für Mobile-Entwicklung.

„We call it an IDE, but actually it’s just a couple of bundles“, beschwerte sich ein weiterer Teilnehmer. Ein konsistentes Look and Feel – mit richtigem Dark Theme – mag vor wenigen Jahren noch ein Luxusproblem gewesen sein; mittlerweile ist eine IDE, deren Hochwertigkeit sich auch im Design zeigt, eine unbedingte Voraussetzung, um mit den Konkurrenten Schritt halten zu können. IntelliJ, NetBeans & Co. geben das Tempo vor.

Was die IDE braucht, auch darin herrschte Konsens, ist eine zentrale Instanz mit einer gemeinsamen Vision, die am Ende alle Fäden zusammenführt – eine Art Product Manager. Denn im Grunde ist die Fragmentierung der IDE eine Folge der Diversifizierung einer Community, deren Einzelinteressen immer stärker und deren Schnittmengen immer kleiner werden. Schon die zu Beginn gestellte Frage, ob man nur über Java-Entwicklung mit Eclipse diskutieren wolle oder die IDE als Ganzes, war symptomatisch.

Doch wie lässt sich eine strengere Kontrolle einführen, ohne potentielle Committer von der Mitarbeit abzuschrecken? Wer bringt die nötige Expertise für die große Aufgabe mit?

Vor allem: Wer ist bereit, sich in die Arbeit einzubringen? Auf diese Frage hin wurde es plötzlich still im Raum. Auch als einer der Diskussionsleiter, Martin Lippert, augenzwinkernd John F. Kennedy mimte – „Ask not what your IDE can do for you – ask what you can do for your IDE“ –, kamen nur einzelne zögerliche Zusagen unter Vorbehalt.

Fest steht: Ohne einen erheblichen finanziellen und personellen Ressourcenaufwand wird der Erfolg der IDE weiterhin stagnieren – bestenfalls. Mike Milinkovich, Executive Director der Eclipse Foundation, der sich bis zum Ende der Diskussion mit Kommentaren zurückhielt, gab zu bedenken, dass der Rückzug IBMs nicht so leicht zu kompensieren sei. Das „Allgemeingut“ sei nun einmal jahrelang von dem Unternehmen gepflegt worden. Ohne einen Verantwortlichen sehe man sich dem Allmende-Problem („Tragedy of Commons“) gegenüber.

Alte und neue Ideen wie Crowdfunding, eine Teilkommerzialisierung oder der Vorschlag, die Long-Term-Support-Gruppe in eine IDE Working Group umzufunktionieren, waren erste Ansätze für ein mögliches Genesungsprogramm. Doch wieder einmal zeigte sich: Der Leidensdruck ist derzeit schlicht nicht groß genug. Mike Milinkovich gab sich indes optimistisch: „Crisis is too good an opportunity to miss“. Er verwies auf andere totgeglaubte Projekte, die sich wieder erholt hätten, etwa CDT.

Man kann nur hoffen, dass Not in der Tat erfinderisch macht – oder ein Deus ex machina die IDE rettet. Bis dahin wird der Erfolg anderer Technologiezweige im Hause Eclipse immer einen leicht bitteren Beigeschmack haben.

Geschrieben von
Diana Kupfer
Diana Kupfer
Diana Kupfer war Redakteurin bei S&S Media für die Zeitschriften Java Magazin, Eclipse Magazin und das Portal JAXenter. 
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