Die französische EclipseCon feierte Anfang Juni Premiere

EclipseCon – diesmal France!

Ralph Müller, Philip Wenig, Manuel Bork

Nach einem sehr erfolgreichen „Eclipse Day France“ 2012 hatte sich die Eclipse Community entschlossen, in diesem Jahr eine komplette Konferenz in Frankreich zu veranstalten. Im Frühsommer war es dann soweit: Am 5. und 6. Juni fand die erste EclipseCon France im Centre de Congrès Pierre Baudis in Toulouse statt. Rund 250 Anmeldungen konnten die Veranstalter verzeichnen. Das Programm war mit insgesamt 44 Sessions prall gefüllt. Und da Südfrankreich im Juni immer eine Reise wert ist, waren auch wir gerne dabei.

Wegen der starken Eclipse-Nutzercommunity vor Ort – mit Unternehmen wie Airbus, Thales, Astrium etc. – ist Toulouse der ideale Ort für die erste französische EclipseCon. Offiziell war die Konferenz für zwei Tage angesetzt. Bereits am Vortag fanden neben dem Face-to-face-Meeting des Eclipse Board of Directors auch Treffen der Working Groups (WG) PolarSys, Long Term Support und Automotive statt. WGs bündeln Branchen-spezifisches Know-how und bringen Software-Anbieter und -Nutzer an einen gemeinsamen Tisch. So sitzen bei der Automotive WG so genannte „First-Tier“-Lieferanten wie Bosch und Continental gemeinsam mit OEMs (Original Equipment Manufacturers, dt. Erstausrüster) wie bspw. BMW zusammen, um eine einheitliche Eclipse-IDE zur Entwicklung von Automotive-Anwendungen zu definieren. In der PolarSys Working Group dreht sich alles um das fliegende Gerät: Hier arbeiten Airbus und andere Industriepartner an der Definition und Implementierung einer Toolchain für die modellbasierte Softwareentwicklung in der Luft- und Raumfahrtindustrie. Bei Long Term Support geht es um langfristige Unterstützung von aktuellen Eclipse Releases. Gerade für die Luftfahrtbranche ist dies spannend, denn der Lebenszyklus eines Flugzeugs ist lang. Daher muss sichergestellt werden, dass heutiges Tooling auch noch in 30 Jahren zur Wartung (z. B. für Bugfixes) der Software eingesetzt werden kann. Weitere Informationen zu den verschiedenen Working Groups findet der geneigte Leser auch im Eclipse Magazin (Ausgaben 2.12, 1.13).

M2M-Workshop: Radieschen von oben betrachten

Am 5.6. ging es dann offiziell mit der Konferenz los, und der Vormittag des ersten Tages stand ganz im Zeichen von Workshops. So gab es beispielsweise einen Machine-to-Machine- (M2M) Workshop, in dem eine komplette M2M-Anwendung erstellt wurde. Als Aufhänger stellten Benjamin Cabé und seine Kollegen ein Mini-Gewächshaus vor. In Verbindung mit einem Arduino-Board und einem Raspberry-Pi konnten so Temperatur und Lichtverhältnisse kontrolliert werden – ideal für alle, die die Radieschen von oben betrachten möchten. Mit einer mechanischen Steuerung wurde außerdem für eine entsprechende Lüftung gesorgt. Das Ganze ist selbstredend mit Hilfe von Eclipse Mihini, Koneki und den Lua-Entwicklungstools umgesetzt worden. Nach der eindrücklichen Demonstration konnten wir uns in Dreierteams selber dem Abfragen von Licht- und Temperaturinformationen widmen. Zwar reichten die knapp zwei Stunden Workshop bei Weitem nicht aus, um sich alle Möglichkeiten der Plattform anzusehen. Trotzdem wurde das Ziel des Workshops, Lust auf mehr zu machen, ganz klar erreicht.

Die Workshops am Morgen des ersten Tages waren fast völlig ausgebucht. Hier konnten wir allerdings in Qualität und Länge der Workshops noch Verbesserungspotential für das nächste Jahr vermerken.

Sessions: Fokus auf Industrieanwendungen

Auch sonst stand bei den Sessions der Bezug zur Praxis im Mittelpunkt. Inhaltlich ging es also eher um Industrieanwendungen als um Eclipse-Projekte als solche. Beispielsweise stellte ein Mitarbeiter des CERN das Vorgehen beim Einsatz von Eclipse-Technologie vor, damit nicht jeder Mitarbeiter bei jedem Eclipse-Release seine IDE von neuem konfigurieren muss. Vielmehr wird eine Standard-IDE vorgegeben, und Updates werden dann – nach zentraler Prüfung auf Kompatibilität – automatisch konsumiert.

Spannend war auch die Session von John Arthorne zum Thema Eclipse Orion. Da die webbasierte IDE als solche steht und viel Zeit in die Entwicklung der Client-Seite investiert wurde, beginnt der Bedarf aus der Industrie an der Produktisierung der Serverseite zu wachsen. Folglich kümmert man sich nun bei Orion insbesondere um die Skalierbarkeit der Serverkomponenten.

Auch in den Sessions waren die Working Groups immer wieder ein Thema. So stellten Jutta Bindewald und Gael Blondelle die derzeitigen Pläne von Eclipse Long Term Support vor, und natürlich gab es auch diverse Sessions zum Thema PolarSys, Automotive IWG und generell Entwicklung eingebetteter Systeme mit Eclipse. In diesem Themenkomplex spielen Eclipse Modeling mit UML und DSLs eine große Rolle. Übrigens wird Gael Blondelle zukünftig die Eclipse Community in Frankreich repräsentieren und das Eclipse-Ökosystem voranbringen.

Besonderen Anklang fand ein neues Session-Format, das das Programmkomitee am Abend des ersten Tages ausprobierte: die Ignite- Talks. Wer das Format nicht kennt, kann hier mehr erfahren. Gerade die Konzentration aufs Wesentliche überzeugte die Teilnehmer. Kudos an die Vortragenden, denn 15 Sekunden pro Slide sind eine enorme Herausforderung.

Abb. 1: In den Sessions stand der Praxisbezug im Mittelpunkt.

Keynotes: Technologie, Talente, Toleranz

Die Keynotes standen ganz im Zeichen der Grundausrichtung der Konferenz. Es ging hauptsächlich um – wen wundert es – den Menschen. Genauer gesagt: um unser heutiges Verhältnis zu Arbeit und Freizeit. Hans-Jürgen Kugler bat mit seinem Vortrag „The Humanist Perspective of Industry 4.0“ eine Herleitung von der klassischen Industrie 1.0 des 18. Jahrhunderts bis hin zur Industrie 4.0, deren Anbruch wir gerade erleben. Dabei stellte er heraus, dass wir die vielfältigen technischen Möglichkeiten unserer Zeit für den Menschen nutzen sollten – zu Recht, birgt das vorhandene technische Potential heutzutage doch enorme Chancen. Aber wollen wir daher gleich sämtliche Bereiche unseres Lebens komplett der Technik überlassen, also eine Industrie ohne menschliche Akteure anstreben? Wohl kaum. Die Technik soll und kann dem Menschen das Leben einfacher machen. Trotzdem sei es, so Kugler, keineswegs das Ziel, Letzteren aus allen Bereichen des Lebens zu verdrängen.

Bei der Frage, welcher Mittel sich diese Industrie 4.0 bedienen kann, kommen wir an einem zentralen Bestandteil nicht vorbei: Software. Damit hätten wir also den roten Faden zurück zur Konferenz gefunden: Wo in Zeiten von Industrie < 4.0 noch größere Summen an Kapital zur Umsetzung einer Idee benötigt wurden, ist dieser Betrag dank Software und insbesondere dank Open Source marginalisiert worden. Zur Umsetzung neuer Ideen werden also hauptsächlich die folgenden Zutaten benötigt: Menschen, Software und die Fähigkeit, um die Ecke zu denken. Dabei ist die Freiheit, Lösungen und Innovationen abseits bekannter Wege zu suchen, eines der wichtigsten Güter unserer Zeit. Diese Freiheit müssen wir uns erhalten und bewahren. Grundpfeiler für eine erfolgreiche Industrie 4.0 sind daher die drei „T“s: Technologie, Talente und Toleranz. Treffend zitierte Hans-Jürgen Kugler zum Abschluss Frank Zappa: „Der menschliche Geist ist wie ein Fallschirm. Geschlossen ist er einfach nicht zu gebrauchen.“

Abb. 2: Hans-Jürgen Kugler: „The Humanist Perspective of Industry 4.0“ In die gleiche Kerbe schlug die Keynote von Dominique Sciamma mit dem Titel „Design: Making the World Simple, Fair and Beautiful“, die zweiten Tag für einen vollen Veranstaltungsraum sorgte. Dabei lag sein Fokus auf dem Leitspruch „Die Politik folgt der Technik“, den er im weiteren Verlauf ausgeführte. Während im 19. Jahrhundert die Industrie vornehmlich die reine Arbeitskraft benötigte, um für den Wohlstand einiger weniger zu sorgen, wandelte sich das Bild im 20. Jahrhundert grundlegend. Die produzierten Güter sollten zunehmend auch für diejenigen zum Objekt der Begierde werden, die sie in den Fabriken herstellten. Stellvertretend nannte Dominique Sciamma an dieser Stelle Henry Ford, dem es bekanntlich mithilfe der Fließbandtechnik gelang, das Automobil für einen Massenmarkt zu produzieren.

Im 21. Jahrhundert setzt sich diese Entwicklung fort, allerdings in einer neuen Ausprägung: dem „freien Denken“. Der Verbraucher hat sich von einem reinen Konsumenten hin zum Schaffenden gewandelt. Twitter wurde in der Keynote stellvertretend als Beispiel dieses neuen Trends genannt, bei dem die Verbraucher nicht nur einseitig Inhalte konsumieren, sondern auch selber für die Erstellung der Nachrichten sorgen. Das hat einerseits natürlich gravierende Folgen für die etablierten Machtsysteme der letzten Jahrhunderte, in denen von einer zentralisierten Steuerung der Konsumenten bzw. der Bürger ausgegangen wird. [Lesenswert sind hier die Ausführungen von Lawrence Lessig, der u.a. mit „Code 2.0“, „Free Culture“ und „Remix: Making Art and Commerce Thrive in the Hybrid Economy“ den Einfluss der IT auf den gesellschaftlichen Wandel von der Kultur des Konsums zur Mitmachkultur beschrieb – P.W.]. Andererseits bietet die Kultur des „freien Denkens“ und des Mitmachens enorme Chancen. Es liegt also an uns, die Zukunft mitzugestalten und für ein Erleben der Welt zu sorgen, wie wir es uns bislang nicht vorstellen konnten. Dazu stellte Dominique Sciamma den Kurzfilm eines seiner Studenten vor. Dieser erlebt seinen Alltag durch die Benutzung einer „Google Glass“-ähnlichen Brille auf vollkommen neue Art und Weise. Es liegt also an uns, wie wir unsere Zukunft gestalten wollen. Über die Zutaten verfügen wir bereits: einen freien Geist, entsprechende Technik und Open-Source-Software. Also, packen wir es an.

Fazit

Insgesamt hatten wir bei schönem Wetter, gutem französischem Essen und Rotwein – bereits zum Mittagsimbiss – eine schöne Zeit. Viele der Sessions wurden aufgenommen und sind unter dem YouTube Channel der Eclipse Foundation zu finden. Die Resonanz auf die oben beschriebenen Keynotes war überwältigend.

Abb. 3: Entspanntes Networking in den großzügigen Pausen

Auch die Sponsoren der EclipseCon waren zufrieden. Die Lage ihrer Stände und der Speisen und Getränke ermöglichte allen Beteiligten in den großzügigen Pausen entspanntes Networking.

Die Teilnehmerzahl überstieg unsere Erwartungen, und das durchweg positive Feedback aller Beteiligten hat uns sehr gefreut. Die Teilnehmer waren begeistert von der Qualität der Talks. Kein Wunder bei den exzellenten Talks, die das Programmkomitee unter der Leitung von Benjamin Cabé (SierraWireless) aus den ursprünglich 130 Proposals ausgewählt hatte. Wenn man der Real-time-Abstimmung am letzten Tag Glauben schenken darf, werden fast alle Beteiligten zur nächsten EclipseCon France 2014 wieder kommen.

PS: Das nächste Treffen der Eclipse Community ist vom 23.10. bis 25.10. die EclipseCon Europe in Ludwigsburg. Bitte jetzt registrieren 🙂

Fotos von Anne Jacko, zu finden unter http://www.flickr.com/groups/2263023@N22/

Geschrieben von
Ralph Müller
Ralph Müller
Ralph Müller ist bei der Eclipse Foundation zurzeit Direktor der Eco Systems Europe und damit verantwortlich für die Eclipse-Open-Source-Community und das kommerzielle Ökosystem in Europa. Bevor er 2005 zu Eclipse kam, war er für Vector Informatik, IBM, Object Technology International und Siemens-Nixdorf tätig. Er erwarb sein Diplom in Informatik an der TU Darmstadt und lebt in Zwingenberg/Hessen.
Philip Wenig
Philip Wenig
Dr. Philip Wenig ist Gründer der Open-Source-Software OpenChrom (http://www.openchrom.net) und Geschäftsführer der Lablicate UG (http://lablicate.com). Er beschäftigt sich hauptsächlich mit der Entwicklung von Software für den Bereich der Chromatographie und Massenspektrometrie (GC/MS). Darüber hinaus beteiligt sich seine Firma Lablicate UG aktiv an der Science Working Group (WG) der Eclipse Foundation (http://science.eclipse.org).
Manuel Bork
Manuel Bork
  Manuel Bork (Dipl.-Inf.) ist als Produktmanager für die Yatta Solutions GmbH tätig und verantwortet den Bereich UML Lab. Er entwickelt an UML Labs Round-Trip-Engineering-Technologie und beschäftigt sich insbesondere mit dem werkzeuggestützten Reverse Engineering von Legacy-Code. Er ist Eclipse-Committer bei Eclipse MFT und referiert und  schreibt regelmäßig über Eclipse-bezogene Themen. In seiner Freizeit ist er begeisterter Rennradfahrer und Mountainbiker. 
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