Neues aus dem Land der Sonnenfinsternis

Eclipse Weekly: Der Streit um Eclipse Che, Interview mit Mikaël Barbero und Red Hats Investmentpläne

Dominik Mohilo

© shutterstock.com / solarseven

Das Wetter wird wärmer und die Temperaturen steigen, jedenfalls könnte man letzteres annehmen, wenn man einige sehr heißblütige Kommentare aus der Community liest: Das Thema Eclipse Che und seine mögliche Konkurrenz zur klassischen Eclipse IDE wurde bereits seit April heftig diskutiert, nun gibt es neuen Gesprächsstoff. Doch es gibt auch gute Neuigkeiten, gerade für IoT-Entwickler aus der Eclipse Gemeinde. Plus: Mikaël Barbero im Interview!

Der Streit um Eclipse Che

Die gegenwärtige Prominenz der Entwicklungsumgebung Eclipse Che ist unumstritten: Die Cloud-IDE von Codenvy hat durch die Keynote auf der EclipseCon und die damit verbundene Ankündigung, dass Microsoft der Eclipse Foundation beitritt stark an Popularität gewonnen. Auch die wachsende Beliebtheit von Cloud-basierter Entwicklung und die recht praktische Funktionsweise von Ches sogenanntem Developer Workspace Server gibt dem beliebten Projekt derzeit Rückenwind.

Viele befürchteten, dass Eclipse Che das Ziel verfolgen könnte, die klassische Entwicklungsumgebung Eclipse abzulösen (JAXenter berichtete). Entwarnung gab Executive Director Mike Milinkovich höchst selbst:

Remember, this is open source where the community is the capacity. There is obviously some overlap between both, but they have distinct goals, advantages and benefits, so the Eclipse IDE platform remains relevant and actively developed.

– Mike Milinkovich, Executive Director der Eclipse Foundation

Es gebe, so Milinkovich, zwar Überschneidungen zwischen beiden Projekten, doch die Ziele, Vorteile und der Nutzen seien unterschiedlich. Die Eclipse-IDE-Plattform werde also selbstverständlich weiterentwickelt und bleibe relevant für Entwickler. Das Statement vom April hat natürlich nach wie vor seine Gültigkeit und die großartige Resonanz für Eclipse Neon, sowohl in den Medien als auch in der Community, lässt keinen Zweifel daran, dass dies auch zukünftig so bleiben wird.

Ein neuer Stein des Anstoßes

Manche sehen Eclipse Che trotz allem nach wie vor kritisch. Neues Öl hat nun Konstantin Komissarchik, Projektleiter von Eclipse Sapphire, ins Feuer gegossen: Stein des Anstoßes ist die Verwendung der von Codenvy gewählten Werbephrase Eclipse Che, the next-generation Eclipse IDE. In der Cross-Project Mailingliste bringt Komissarchik seine Kritik wie folgt auf den Punkt:

I find it very concerning that Eclipse Foundation is allowing Codenvy/Che to continue to use wording like this. Current Eclipse users will read this statement as an official statement of the roadmap for the desktop Eclipse IDE or whatever the hell we are supposed to call it now that Eclipse IDE doesn’t mean anything, apparently.

–Konstantin Komissarchik, Project Lead von Eclipse Sapphire

In einer Antwort berichtet Doug Schaefer, Project Lead von Eclipse CDT und Mentor zahlreicher Projekte der Eclipse IoT Working Group, dass bei seinen Talks keine Missverständnisse aufkamen, als er von Eclipse berichtete: Seine Zuhörer hätten genau gewusst, was mit Eclipse gemeint ist.

Der Kern des Problems

Genau in dieser Assoziation sieht Konstantin Komissarchik allerdings das Problem (siehe hier). Eclipse und die Eclipse IDE seien für die meisten Nutzer ein und dasselbe, wodurch die Werbekampagne von Codenvy, die Eclipse Che als next-generation Eclipse IDE anpreist, so ein großes Schadenspotenzial aufweist:

Most don’t understand that this isn’t saying that Che is the next version of what they understand to be Eclipse.

–Konstantin Komissarchik, Project Lead von Eclipse Sapphire

Das Problem dieses Werbeslogans ist, dass er sugerriert, die „klassische“ Eclipse IDE würde nicht mehr aktiv weiterentwickelt werden und Eclipse Che sei die neue, bessere und aktiv betreute Variante. Sollte diese Fehleinschätzung sich in die Köpfe der Nutzer einbrennen, könnte es tatsächlich sein, dass diese von Codenvy sicher bewusst gewählte Selbstdarstellung Schaden anrichtet.

Die Thematik Eclipse IDE vs. Eclipse Che bleibt also aktuell und auch Tracy Miranda stellt auf ihrem Blog fest: So like it or not, Eclipse Che, the next-generation Eclipse IDE is here to stay. Ihrer Ansicht nach sei es nun vor allem wichtig, Missverständnisse in Gesprächen mit Klienten auszuräumen und auch auf die Nachteile von Eclipse Che einzugehen.

Soll die Foundation einschreiten?

Welchen Schaden Codenvy durch die Werbekampagne und Titulierung ihres Projektes wirklich anrichten wird und ob sich Che wirklich als next-generation Eclipse DIE durchsetzen kann, ist abzuwarten. Unsinnig erscheint es, darauf zu hoffen, dass die Eclipse Foundation selbst einschreitet. Die Foundation kann kein Interesse daran haben, Eclipse Che in seiner Werbetätigkeit einzuschränken, immerhin zieht eine aktive Werbung um Nutzer von Eclipse Che zwangsläufig das Interesse auf die anderen Projekte im Eclipse-Universum.

Bis klar ist, welchen Impact Eclipse Che auf die IDE und die Community hat, sollten sich die Entwickler, Committer und Nutzer der klassischen Eclipse IDE die Worte von Max Andersen zu Herzen nehmen:

If we (the desktop Eclipse IDE community) want desktop Eclipse IDE to survive and grow we should not be scared about words stated by other communities inside or outside Eclipse.

We should be encouraged to show the desktop Eclipse IDE also can grow and not stay stagnated as it have done for a while now.

–Max Andersen

Foundation Talk: Mikaël Barbero

Für den dritten Teil unserer Rubrik Foundation Talk hatten wir Gelegenheit Mikaël Barbero zu interviewen. Er ist Senior Platform Developer bei der Eclipse Foundation.

JAXenter: Hallo Mikaël und danke, dass du dir Zeit für uns genommen hast. Zunächst einmal: Was sind deine Aufgaben und Verpflichtungen als Senior Platform Developer der Eclipse Foundation?

Mikaël Barbero: Seit ihrer Gründung hat die Foundation nie bei der Entwicklung der von ihr gehosteten Projekte teilgenommen. Tatsächlich hat das Board of Directors festgestellt, dass die Beteiligung an den Kernprojekten (Equinox, Core / UI, JDT) über die Jahre gefährlich nachgelassen hat. Daher wurden zwei Entscheidungen gefällt, um diese fundamentalen Projekte wiederzubeleben: Zunächst wurde das Friend of Eclipse Enhancement Program ins Leben gerufen. Dabei geht es darum, dass Spenden an die Foundation nun dazu genutzt werden, um Entwickler für das Fixen von Bugs zu bezahlen, die von der Community identifiziert werden.

Die zweite Entscheidung war es, einen erfahrenen Entwickler anzuheuern, der dieses Programm technisch betreut und tatsächliche Verbesserungen durchführt. Dort komme ich ins Spiel: Meine Aufgabe ist es, kontinuierlich die Kernprojekte mit Bugfixes und neuen Features zu verbessern, die von den Endnutzern erwartet werden, aber aus Perspektive der Entwicklergemeinschaft weniger interessant sind.

JAXenter: Wann bist du der Eclipse Foundation beigetreten und welche Motive für das Engagement hattest du?

Mikaël Barbero: Ich bin der Foundation im Februar 2015 beigetreten, bin aber schon lange vorher auf den Zug aufgesprungen! Bereits seit etwa zehn Jahren arbeite ich mit Eclipse und vor etwa sieben Jahren habe ich damit begonnen, bei einigen Projekten mitzuarbeiten. Ich liebe die Community und die intelligenten Leute, mit denen ich dort zusammenarbeite. Also habe ich nicht gezögert, meine Unterlagen an die Foundation zu schicken, als ich von der offenen Stelle hörte; die Zusage war eine große Ehre für mich.

Meine Hauptmotivation der Foundation beizutreten war es, etwas zurückzugeben. Ich habe über die Jahre sehr von der Community und der Foundation profitiert und es ist sehr erfüllend, nun an der Entwicklung und der Pflege der Plattform, des Ökosystems und der Community teilzuhaben.

JAXenter: Welches Projekt im Eclipse-Universum gefällt dir am besten?

Mikaël Barbero: Auch wenn ich immer weniger in den Modeling-Projekten involviert bin, hat dort meine Reise angefangen. Daher nehmen sie nach wie vor einen speziellen Platz bei mir ein, besonders das Eclipse Modeling Framework (EMF), ein brillantes Stück Software. In meinen Augen hat dies der Entwicklungsumgebung einen echten Schub gegeben. Neben dem EMF sind meine favorisierten Projekte natürlich die Kernprojekte (also Equinox, SWT, RCP und IDE-Plattform sowie die JDT).

mikaelIch wünsche mir einen kleinen Bruch in der Foundation. Nach über zehn Jahren sehr guter Arbeit muss man sich fragen, ob das, was gemacht wird, noch das Richtige ist.

 
JAXenter: Was wünscht du dir für die Zukunft von Eclipse und der Foundation?

Mikaël Barbero: Ich wünsche mir, dass bei Eclipse und der Foundation ein kleiner Bruch stattfindet. Anfang der 2000er Jahre hat die Foundation mit ihrer Entwicklungsumgebung einen neuen IDE-Standard erschaffen, indem sie eine quelloffene, portierbare Softwareentwicklungsplattform anboten. Gleichzeitig wurde ein Framework implementiert, das Einzelpersonen und Unternehmen erlaubt, an kommerzialisierbarer Open-Source-Software zusammenzuarbeiten.

All das war damals recht neu und es ist erstaunlich, wie allgegenwärtig diese Art Framework mittlerweile ist. Die Foundation hat ihre Arbeit über zehn Jahre sehr gut erledigt, aber wie Mike Milinkovich mir einst sagte: „Man kann etwas für zehn Jahre sehr gut machen, aber nach zehn Jahren ist es vielleicht nicht mehr das Richtige.“ Daher der Wunsch nach einem Bruch: Dieser könnte bereits in Form der Working Groups stattfinden, die während der letzten Jahre gegründet wurden. In ihnen sammeln sich Leute mit gleichem Interesse und die Foundation nimmt die Rolle als Helfer und Vermittler für diese Gruppen ein.

JAXenter: Das große Update des Sommers, Eclipse Neon, wurde gerade veröffentlicht. Was ist dein Highlight in der neuen Version?

Mikaël Barbero: Ich bin kein Webentwickler, aber ich bin wirklich sehr angetan von der Wiedergeburt des JavaScript- und Webentwicklungs-Toolings in Eclipse. Diese Bereiche lagen für viele Jahre bis zur Unbrauchbarkeit brach. Das neuerliche Interesse der Community hat ein modernes und performantes Tooling hervorgebracht, das Mut macht und beweist (falls ein Beweis nötig war), das die Eclipse IDE eine strahlende Zukunft haben wird.

JAXenter: Wir danken für das Gespräch!

Red Hat investiert in Eclipse Che

Und noch mehr Neuigkeiten gab es vom Che-Projekt: Nach der Zusammenarbeit von Codenvy mit Microsoft und Red Hat für das Language Server Protocol, gab Red Hat nun weitere Pläne zur Zusammenarbeit bekannt. Das Unternehmen kündigte auf der Konferenz DevNation an, ein strategisches Investment in Eclipse Che vorzunehmen.

Auf Red Hats Entwicklerblog begründete Pete Muir dieses Interesse wie folgt:

Che has fundamentally rethought the whole development experience, and put source code and environments on an equal level. At Red Hat we feel that Eclipse Che is fundamentally changing the very approach many of us take towards developing software. We think that the notion of a universal workspace is incredibly liberating for developers.

–Pete Muir, Titel Red Hat

Besonders im Bereich der Multi-Container-Anwendungen wird Red Hat zukünftig voll auf Che setzen. Diese Anwendungen sollen mit Ansible Containers und OpenShift kompatibel sein, an einer vollständigen Integration der Multi-Container-Unterstützung im Che-Workspace wird bereits gearbeitet.

Neue Partnerschaft zwischen Eurotech und Red Hat

Auch von Red Hat gibt es weitere Neuigkeiten: Einem Bericht von IoT Tech News zufolge sollen die beiden das neue, quelloffene Eclipse Kapua unterstützen, dass die Bereiche Konnektivität und Konfiguration sowie Anwendungslebenszyklus von Edge-Geräten anspricht.

Eurotech stellt dem Projekt seine Codebasis für die Cloud-Integrationsplattform Everyware Cloud IoT zur Verfügung. Bereits zuvor hat Eurotech dem mit Kapua eng verbundenen Projekt Kura sein Everyware Software Framework gespendet.

Sowohl Red Hat als auch Eurotech wollen weiterhin aktiv an der Entwicklung und dem Testen von den Projekten Kapua und Kura teilnehmen und andere Open-Source-Projekte integrieren.

Das war es schon wieder für diese Woche. Aber keine Sorge, JAXenter hat das Ohr am Puls von Eclipse und berichtet wöchentlich über die spannendsten Entwicklungen aus einer der aktivsten Open-Source-Communities. Schauen Sie also nächste Woche wieder vorbei!

Aufmacherbild: The Moon covering the Sun in a partial eclipse. von Shutterstock.comUrheberrecht: solarseven

Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
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