Die neue Eclipse-Strategie von Micro Focus

Eclipse und COBOL – Mesalliance oder Traumpaar?

Rainer Doh

Als offene Plattform kann Eclipse mit allen Programmiersprachen arbeiten. Micro Focus eröffnet nun die Möglichkeit, auch COBOL-Anwendungen mit Eclipse zu entwickeln. Damit können Unternehmen ihre Entwicklungsumgebungen weiter konsolidieren und die Entwickler von gemischten Applikationen brauchen nicht mehr zwischen verschiedenen IDEs zu wechseln.

Bis in die 90er-Jahre gehörten Entwicklungssysteme zu den wichtigsten Positionen im Portfolio der Software-Hersteller, kaum einer wollte auf seine IDE verzichten. Und weil damals nahezu für jede Programmiersprache, für jede Plattform, für jede Datenbank und für jeden Wochentag eine eigene IDE erforderlich war, fanden sich immer genug Kunden, die Systeme wie VisualAge, Magic, SQLWindows, Omnis, PowerBuilder, Delphi, Oracle Forms, Fox Pro, Visual Objects usw. kauften – allesamt auf ihre Weise „führend“, teilweise mit hervorragenden Leistungen im Detail, untereinander völlig inkompatibel und mit empfindlichen Lücken, was die Integration von weiterführenden Tools betraf.

Aus und vorbei! Mit IDEs kann man heute kein Geld mehr verdienen. Schien der Siegeszug von Java der IDE-Welt zunächst neuen Auftrieb zu geben, so setzte gegen Ende der 90er-Jahre die große Konsolidierung ein. Zum einen weil unter dem Gewicht von Java und Microsoft die Zahl der relevanten Programmiersprachen schrumpfte und weil 4GLs an Attraktivität verloren, zum anderen weil die Anforderungen an eine IDE mittlerweile so gestiegen waren, dass nur noch wenige Anbieter Schritt halten konnten. Vor diesem Hintergrund war der Schritt IBMs, die eigene Java-IDE aufzugeben und als Open Source zur Basis von Eclipse werden zu lassen, nur konsequent.

Anderen Anbietern wurde damit natürlich das Wasser abgegraben. Sobald sich abzeichnete, dass Eclipse zwar umsonst, aber trotzdem gut war, gab es abgesehen von speziellen Anforderungen kaum mehr Gründe, für eine IDE Geld auszugeben. Umso weniger als der andere verbliebene Player im IDE-Markt sich dieser Entwicklung weitgehend anschloss, sodass man mit ein wenig Glück auch Microsoft Visual Studio mit allem Drum und Dran als Beigabe in Büchern oder Zeitschriften finden kann. Die Mehrzahl der IDE-Anbieter hat sich demzufolge aus dem Markt zurückgezogen, und selbst ehedem renommierte Hersteller wie Borland versuchen sich heute in anderen Bereichen. Andere IDEs zogen sich in Marktnischen zurück, wo sie teilweise bis heute überleben, ohne aber den Markt beeinflussen zu können.

Natürlich ist Eclipse längst mehr als nur eine gelungene Integration von Programmiertools, sondern vielmehr eine universelle Plattform für alle Werkzeuge und Verfahren rund um die Softwareentwicklung, vom Konfigurations- bis zum Projektmanagement. Im Grunde ist damit – spätestens seit der Version 3.0 – auch die ursprünglich sehr enge, gewissermaßen „natürliche“ Bindung an Java als Programmiersprache obsolet geworden. Eclipse ist eine echte Plattform, in die sich nicht nur weiterführende Werkzeuge aus allen Abschnitten des Application Lifecycle einklinken lassen, sondern ebenso gut andere Programmiersprachen, die von hier aus wiederum Anschluss an das umfangreiche Ecosystem der Eclipse Plug-ins finden.

Eclipse ohne Java

Angesichts der durchweg hervorragenden Beurteilungen, die Eclipse von fast allen Anwendern erhält, ist es nicht verwunderlich, dass diese Plattform auch für die Softwareentwicklung jenseits von Java mehr und mehr interessant wurde. Die Offenheit der Plattform unterstützt diese Tendenzen explizit und so können Entwickler heute Eclipse auch für C, C++, Perl oder PHP nutzen – und neuerdings auch für COBOL.

Ausgerechnet COBOL? Die Verbindung dieser traditionellen Programmiersprache mit Eclipse mag sich in diesem Zusammenhang auf den ersten Blick tatsächlich ein wenig seltsam ausnehmen, insbesondere aus Sicht eingefleischter Java-Fans. Bei näherer Betrachtung wird erkennbar, dass COBOL ganz hervorragend in das Eclipse-Konzept passt. Tatsächlich gehört COBOL nach wie vor zu den Backbones der IT. Vor allem in größeren Unternehmen laufen die Kern-Anwendungen überwiegend als COBOL-Applikationen, weil sich auf dieser Basis hohe Nutzerzahlen und ein großes Transaktionsaufkommen sehr gut verarbeiten lassen. Für die Abbildung von Business-Logik ist COBOL – prozedural oder Objekt-orientiert – optimal geeignet. Davon abgesehen ist der Bestand an COBOL-Programmen so groß, dass sich die Unternehmen einen Abschied von COBOL aus betriebswirtschaftlichen Gründen gar nicht leisten könnten. So schätzte ein großer deutscher Versicherer den Aufwand für eine Ablösung seiner COBOL-Systeme durch Java auf über eine halbe Milliarde Euro. Aber auch wenn diese Unternehmen an ihren COBOL-Applikationen festhalten (müssen), so müssen sie diese Systeme andererseits doch für aktuelle Technologien öffnen.

Dabei hat sich auch in der COBOL-Welt die Softwareentwicklung in den letzten Jahren fundamental geändert. Mit dem klassischen COBOL-Editor auf dem Mainframe müssen sich nur noch wenige Entwickler herumplagen. Hier hat der COBOL-Spezialist Micro Focus seit den 80er-Jahren Pionierarbeit geleistet, indem er es möglich machte, dass COBOL-Programme in einer simulierten Host-Umgebung unter Windows entwickelt und anschließend auf das jeweilige Zielsystem übertragen werden. Ende der 90er-Jahre wurde die in der COBOL-Welt weit verbreitete „Micro Focus Workbench“ vollständig neu konzipiert und kam mit einem neuen Namen und veränderter Produktarchitektur auf den Markt. Die Produkte heißen seither „Net Express“ für die Windows-Welt als Zielsysteme und „Mainframe Express“ für die Entwicklung von Mainframe-Applikationen unter Windows. Beide Produkte verfügten über eine neu konzipierte grafische IDE und werden so auch heute noch weiterentwickelt. Für die Unix- und Linux-Welt propagiert Micro Focus die Entwicklung mit Net Express unter Windows und anschließendes Deployment auf Unix. Auf diese Weise kann die IDE von Net Express genutzt werden.

Die Konsolidierung der IDEs ist auch an der COBOL-Welt nicht spurlos vorüber gegangen. Micro Focus hat sich ebenfalls nach einer Plattform für die Weiterentwicklung seiner Systeme umgesehen, weil natürlich auch hier die Notwendigkeit bestand, die aktuellen Anforderungen abzudecken und Anschluss an weiter führende Tools, zum Beispiel im Bereich Konfigurationsmanagement, zu finden. Angesichts der mit Net Express und Mainframe Express bereits vorhandenen starken Verankerung in der Windows-Welt ist es nicht verwunderlich, dass Micro Focus bei der IDE zunächst ganz auf Windows und damit auf Visual Studio als strategische IDE setzte. Mit Version 4.0 von Net Express wurde bereits Visual Studio 2003 mitgeliefert, in der Version 5.0 ist Visual Studio 2005 enthalten.

Allerdings hat sich dabei an den Einsatzmöglichkeiten von Visual Studio für die COBOL-Entwicklung nicht viel geändert. In Net Express ist Visual Studio als IDE ausschließlich für die Erstellung reiner .NET-Anwendungen in COBOL vorgesehen, also von Applikationen, die zu Managed Code kompiliert werden und unter der Common Language Runtime ablauffähig sind. Andere Anwendungen, womöglich sogar Applikationen für Unix oder Linux, sind in dieser IDE nicht vorgesehen.

Obwohl viele Unternehmen ihre COBOL-Applikationen auf der Windows-Plattform betreiben und mit ihrer Softwareentwicklung in Richtung .NET schielen, spielen vor allem im (kontinental-)europäischen Teil der COBOL-Welt Unix und Linux die Hauptrolle. Ein Großteil der Anwender bevorzugt diese Plattformen schon deswegen, weil dafür leistungsfähige und stabile Server schon viel früher auf dem Markt verfügbar waren als für Windows. Daneben gibt es immer mehr Unternehmen, deren Applikationsportfolio nicht allein auf COBOL beruht. In der Regel werden ja GUI- oder Web-Frontends für COBOL-Applikationen heute nicht mehr in COBOL programmiert, sondern mit anderen Programmiersprachen, vor allem in Java. Dies führt aber dazu, dass in der Entwicklungsarbeit nebeneinander unterschiedliche Tools verwendet werden müssen, was die Integration der Technologien natürlich bremst.

Neue Eclipse-Strategie

Vor diesem Hintergrund war es aber nur eine Frage der Zeit, bis Micro Focus als führender Anbieter mit einer eigenen Eclipse-Strategie wieder Bewegung in den COBOL-Markt bringen würde. Ende 2006 kündigte das Unternehmen an, Plug-ins für die Windows-, Linux-, Unix- und Mainframe-Entwicklung bereitzustellen, mit denen Entwickler plattformunabhängig COBOL-Programme oder gemischte COBOL-Java-Anwendungen auf Basis des Eclipse-Frameworks erstellen können. Dazu gehören auch Features, mit denen Web-Services aus bestehenden Applikationen erzeugt werden können, sodass Unternehmen mit COBOL und Eclipse künftig bei Bedarf Service-orientierte Architekturen aufbauen können.

Vor allem aber können Entwickler nun für Hybrid-Anwendungen, die ein Java-Frontend mit einer in COBOL geschriebenen Business-Logik kombinieren, den gesamten Entwicklungsprozess innerhalb einer IDE abwickeln. Dabei können die Entwickler direkt aus ihrer Eclipse-Umgebung den COBOL-Compiler adressieren und so Test-Zyklen enorm verkürzen. Die enge Verzahnung von IDE, COBOL-Compiler, Debugging und weiter führenden Tools wird sich zweifellos positiv auf die Produktivität auswirken.

Neben solchen eher technischen Gesichtspunkten spielt natürlich auch die Marktpolitik eine Rolle, denn in vielen, insbesondere großen Unternehmen, ist Eclipse als Entwicklungswerkzeug heute strategisch positioniert. Dies gilt häufig für Unternehmen, die auf den IBM-Host setzen, weshalb die Ankündigung des Plug-in für Mainframe Express hier gut ins Bild passt.

Da Eclipse auf einer Vielzahl von Plattformen verfügbar ist, könnte man auf die Idee kommen, die IDE auf Unix oder Linux direkt zu nutzen und damit das bisherige Konzept der COBOL-Entwicklung – Entwicklung unter Windows plus Deployment nach Unix/Linux – aufzugeben. Wer Eclipse kennt, weiß allerdings, dass die Umgebung den Rechner stark belastet, denn Techniken wie das ständige Kompilieren im Hintergrund oder Intellisense benötigen entsprechenden Speicherplatz und CPU-Leistung. Deswegen ist es meist besser die Entwicklungsarbeit auf einer Workstation, die über entsprechende lokale Ressourcen verfügt, durchzuführen und nicht auf dem Server. Unter welchem Betriebssystem diese Workstation schließlich betrieben wird, ist in diesem Konzept jedoch durchaus offen.

Langfristig ist noch ein anderer Aspekt relevant. Die Konsolidierung der IDEs hat ja zu dem etwas sonderbaren (Zwischen-)Resultat geführt, dass Micro Focus nun auf einmal drei unterschiedliche IDEs unterstützt: ursprüngliches Net Express, Visual Studio und Eclipse. Auf Dauer wird der Hersteller hier wohl seine eigene IDE in den beiden Mainstream-IDEs aufgehen lassen. Dies wurde für Visual Studio bereits vor längerem angekündigt, nun also kommt Eclipse offiziell als weitere Entwicklungsplattform für COBOL dazu.

COBOL im Eclipse-Framework: Die Plug-ins von Micro Focus
Entscheidet man sich bei der Entwicklung für Windows als Entwicklungsumgebung, so steht aufgrund der Möglichkeiten des Eclipse Plug-ins für die Laufzeit eine Auswahl verschiedener Zielplattformen zur Verfügung. Die Eclipse IDE basiert auf Projekten, für die verschiedene Build-Skripte generiert werden können. Diese Skripte stellen letztendlich eine Vorschrift dar, wie denn die in dem Projekt bearbeitete Applikation gebaut werden soll. Dabei wird auf das Open Source Tool Ant zurückgegriffen, welches im Gegensatz zu make plattformunabhängig ist. Dadurch lassen sich verschiedene Varianten des Build-Skripts erstellen, mit denen die Applikation auf einer anderen Plattform erzeugt werden kann. Dieses Build-Skript kann dann aus Eclipse auf der Zielplattform aufgerufen werden, oder aber selbständig außerhalb von Eclipse gestartet werden. Das Thema Cross-Plattform Entwicklung, zum Beispiel von Windows für Unix, wird damit um eine Variante reicher, die zumindest bezüglich Nachvollziehbarkeit und Stabilität Vorteile gegenüber der bisherigen Lösung in Net Express bieten könnte.

Dr. Rainer Doh arbeitet als Redakteur in München. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Software-Entwicklung.

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