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Interview mit Mike Milinkovich, Executive Director der Eclipse Foundation

„Das Highlight von Eclipse Oxygen ist der Java 9 Support“ [Interview mit Mike Milinkovich]

Dominik Mohilo, Hartmut Schlosser
Milinkovich

Mit der Veröffentlichung von Eclipse stand der Entwicklerwelt eine große Veränderung ins Haus: Der Aufstieg der Entwicklerplattformen, die einige bis dahin gängige Kompatibilitätsprobleme lösten und die große Masse an Tools für die Desktopentwicklung konsolidierten. Aber die Welt hat sich weitergedreht: Technologien wie die Cloud und Container haben neue Ansprüche seitens der Entwickler aufkommen lassen. In unserem Interview mit Mike Milinkovich, Executive Director der Eclipse Foundation, sprachen wir über die großen Veränderungen in der Art und Weise, wie wir Software entwickeln und wie sich die Entwicklungsumgebung bzw. Entwicklungsplattform Eclipse im Laufe der Zeit verändert hat. Natürlich waren auch Eclipse Oxygen und die Zukunft von Eclipse Thema des Gesprächs.

Das große Simultaneous Release Eclipse Oxygen ist veröffentlicht: Am 28. Juni, also vor exakt zwei Wochen, gab es erneut ein Update für 83 Projekte. Natürlich hat sich das Ökosystem von Eclipse und die Welt der Entwickler seit 2004, als Eclipse offiziell zum ersten Mal veröffentlicht wurde, verändert. Im Interview gibt uns Mike Milinkovich einen kleinen Einblick, wie sich die Rolle der Eclipse Foundation, aber auch seine eigene Rolle als Executive Director, in den letzten 13 Jahren gewandelt hat und was die Zukunft für die Entwicklungsumgebungen im Allgemeinen und Eclipse im Speziellen bereit hält.


Verpassen Sie nicht die anderen Teile unserer Interview-Reihe zu Eclipse Oxygen, Eclipse Photon und der Zukunft „klassischer“ IDEs:


JAXenter: Mike, du bist seit der Gründung im Jahr 2004 in der Führung der Eclipse Foundation. Vor elf Jahren startete man mit dem ersten Release Train, Eclipse Callisto, für den zehn Projekte sich zusammengetan hatten und ihre Release-Termine aufeinander abstimmten. Bereits 2004 wurde ein Vorläufer dieses Simultaneous Releases (Eclipse 3.0) veröffentlicht. In diesem Jahr waren 83 Projekte am Eclipse Oxygen SR beteiligt. Wenn du auf die beiden Releases, also Callisto und Oxygen, zurückschaust und sie miteinander vergleichst: Was war 2006 die größte Herausforderung bzw. worauf lag der Fokus damals – und wie sieht es in diesem Jahr aus?

Aus Sicht der Eclipse Foundation ist das Simultaneous Release eine gut geölte und tadellos funktionierende Maschinerie

Mike Milinkovich: Damals waren die Probleme des Releases vor allem rund um die IT-Infrastruktur und die Frage nach dem geistigen Eigentum angesiedelt. Es war ziemlich schwierig, die ganzen Prüfungen und Analysen im Hinblick auf das geistige Eigentum in den Projekten durchzuführen und stellte das Team vor eine enorme Herausforderung. Als dann alles fertig war, erwartete uns ein regelrechter Tsunami an Downloadanfragen, der unsere Mitarbeiter in der IT und unsere, damals noch aus finanziellen Gründen stark limitierte, Bandbreite aufs Äußerste strapazierte.

Aus Perspektive der Eclipse Foundation ist das Simultaneous Release mittlerweile eine gut geölte und tadellos funktionierende Maschinerie. Die größte Herausforderung, die wir in diesem Jahr zu meistern hatten, war der Ausgleich des Verlustes von David Williams, der viele Jahre lang eine tragende Rolle als Mitglied des Planning Councils und als außergewöhnlicher Release Manager spielte.

JAXenter: Findest du als Direktor der Eclipse Fondation eigentlich noch Zeit, an Projekten im Eclipse Ökosystem selbst mitzuarbeiten? Und falls nicht, an welchen würdest du dich gerne beteiligen?

Mike Milinkovich: An Projekten mitarbeiten kann ich leider nicht. Allerdings verwende ich eine Reihe von Eclipse-IoT-Technologien für Hobbyprojekte bei mir zuhause. Wenn ich also an irgendeinem Projekt mitarbeiten würde, wäre es wohl eines von denen, mit denen ich auf einem meiner Raspberry Pis spielen könnte. Vielleicht Eclipse Kura oder Eclipse Smarthome.

JAXenter: Was sind deine technologischen Highlights in Eclipse Oxygen?

Mike Milinkovich: Mein absolutes Highlight ist ein Feature, das tatsächlich gar nicht Teil von Eclipse Oxygen ist: der Java 9 Support. Das Team hinter den Java Development Tools (JDT) hat sehr hart daran gearbeitet, den Nutzern von Eclipse eine exzellente Unterstützung für Java 9 zur Verfügung zu stellen und ich kann jedem nur empfehlen, die Beta-Version einmal auszuprobieren.

IDEs & Tools: Ein ewiger Kreislauf

JAXenter: Vor Eclipse gab es eine Reihe verschiedener Editoren, IDEs und Entwicklungstools – die meisten waren nicht miteinander kompatibel. Durch die Eclipse-Plattform wurde der Markt soweit konsolidiert, dass viele der alten Tools verschwanden und praktisch nur noch drei Entwicklungsumgebungen für die Java-Entwicklung übrig blieben. Aktuell werden wieder neue Java-IDEs veröffentlicht, Eclipse Orion, Eclipse Che, VS Code, Theia und OpenShift.io zum Beispiel. Glaubst du, dass dieser Trend zur Vielfältigkeit uns wieder in die alte Zeit der Tool-Silos zurückführen wird?

Mike Milinkovich: Ich sehe das Ganze tatsächlich ein wenig anders. Meiner Meinung nach gibt es aktuell zwei Trends:

Der Markt für Entwicklungstools ist mittlerweile reif für eine weitere Konsolidierungs- runde, bspw. um eine Open-Source-Plattform wie Eclipse Che

Java war einige Zeit nun die am meisten genutzte Sprache und Plattform für die Softwareentwicklung. Die Dominanz von Java im groben Zeitraum von 1998 bis 2008 war und ist ziemlich eindeutig und unbestreitbar. Heutzutage leben wir aber immer mehr in einer polyglotten und zersplitterten Welt, in der Entwickler sich mit einer Vielzahl an Sprachen, Frameworks, Runtimes und Plattformen beschäftigen müssen, um ein fertiges System erstellen zu können. Der Aufwand, eine komplexe IDE zu konfigurieren und zu verwalten, die sämtliche Bedürfnisse eines Full-Stack-Entwicklers abdeckt, ist viel zu groß. Die Konsequenz ist, dass viele Entwickler gezwungen wurden, IDEs zu verlassen und einfachere Editoren zu verwenden, die mit der benötigten Sprache funktionieren. Solche Editoren sind in meinen Augen etwa Atom und VS Code.

Der zweite Trend ist die Migration von Entwicklungstools in die Cloud. Bereits jetzt sind die meisten Tools, die Entwickler nutzen, im Web zu finden und es fehlt eigentlich nur noch der Umzug der IDE als letzte große Komponente. Ich persönlich bin der festen Überzeugung, dass dies in den nächsten Jahren passieren wird. Interessant ist dabei allerdings, wie voll der Markt in der Hinsicht jetzt schon ist. Nach dem aktuellen Stand der Dinge erinnert mich die Landschaft Cloud-basierter Entwicklungstools ziemlich genau daran, wie die Welt der Desktop-IDEs aussah, bevor die Eclipse-IDE-Plattform das Licht der Welt erblickte. Ich denke, der Markt ist mittlerweile reif für eine weitere Konsolidierungsrunde, beispielsweise um eine Open-Source-Plattform wie Eclipse Che.

JAXenter: In den letzten zehn Jahren hat sich die Technologielandschaft sehr verändert. Eine Verschiebung in Richtung Cloud, Container-Technologien, Serverless, Mobile, IoT usw. ist nicht zu leugnen. Wie reagiert Eclipse Oxygen auf diese neuen Trends und glaubst du, dass die „klassische“ IDE in Zukunft noch eine Rolle spielen wird?

Mike Milinkovich: Desktop IDEs wird es noch sehr lange geben, denn für die richtigen Anwendungen sind sie in Sachen Entwicklerproduktivität nicht zu schlagen. Genauer gesagt denke ich, dass wir gerade in Multi-Plattform-Bereichen wie Mobile oder IoT weiterhin die Nutzung und den Erfolg von Desktop-IDEs erleben werden.

Es war unfassbar nett von Oracle, das Release von Java 9 mit dem von Oxygen.1 zusammenzulegen

Natürlich glaube ich aber auch fest daran, dass die Verbreitung von Cloud-, Serverless- und Container-Technologien Entwickler dazu bringen wird, sich Cloud-basierte IDEs zu suchen, mit denen sich die Entwicklung selbst in die DevOps-Umgebung einbinden lässt. Ich muss an dieser Stelle noch einmal betonen, wie gut das in Eclipse Che bereits klappt: einerseits durch die Möglichkeit, für dessen Workspaces Container zu nutzen und andererseits durch die Integration von Kubernetes. Nach der gleichen Art, wie Red Hat Eclipse Che für die Erschaffung von OpenShift.io nutzte, werden auch zukünftig neue Tools entwickelt werden.

JAXenter: Glaubst du, dass es ein komplettes Redesign der Technologie geben wird, auf der die Eclipse IDE basiert?

Mike Milinkovich: Das liegt einzug und allein an der Community und den Projektteams. Sie entscheiden, was passieren wird.

Eclipse Oxygen & Java 9

JAXenter: Das Eclipse Planning Council hatte ins Auge gefasst, das Release von Eclipse Oxygen dem von Java 9 anzupassen. Bist du jetzt, wo Java 9 verschoben wurde, im Nachhinein froh, dass dieser Gedanke nicht umgesetzt wurde?

Mike Milinkovich: Absolut! Es war unfassbar nett von Oracle, das Release von Java 9 mit dem von Oxygen.1 zusammenzulegen.

JAXenter: Wird es also für die Veröffentlichung von Java 9 im September ein Update für Eclipse Oxygen geben?

Mike Milinkovich: Japp! Aber, nur um das klarzustellen, das Update für Eclipse Oxygen im September war so oder so geplant. Es war also einfach Glück, dass die Termine sich am Ende so überschneiden.

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JAXenter: Die Technologielandschaft ist nicht das einzige, das sich über die Jahre verändert hat – auch die Rolle der Eclipse Foundation hat sich geändert. Wie hast du deine Rolle als Direktor im Jahr 2004 verstanden? Was glaubst du, ist sie heute?

Mike Milinkovich: Im Jahr 2004 lag unser Fokus komplett auf Entwicklungstools und dabei besonders auf Entwicklungsumgebungen für den Desktop. In den letzten 13 Jahren hat sich die Eclipse Foundation und die Eclipse Community weiterentwickelt und deckt heute ein enormes Spektrum an Technologien ab.

Ich bin nach wie vor der Cheerleader-in-Chief für Eclipse-Projekte, die Community und die Mitglieder

Meine persönliche Rolle hat sich eigentlich eher weniger verändert: Ich bin nach wie vor der Cheerleader-in-Chief für Eclipse-Projekte, die Community und die Mitglieder. Das Spektrum der Technologien, mit denen wir es zu tun haben, hat sich hingegen massiv vergrößert: Die Mitglieder der Community arbeiten hier an weltweit führenden Open-Source-Technologien aus Bereichen wie dem Internet of Things, dem Quantencomputing, Geospatial Big Data und der Systemmodellierung.
 
JAXenter: Gibt es neue Inititativen oder Aspekte, die der Eclipse Foundation im nächsten Jahr hinzugefügt werden?

Mike Milinkovich: Innerhalb der nächsten Monate werden wir eine neue Version der Eclipse Public License veröffentlichen. Mit der EPLv2 wird es also eine moderne Copyleft-Lizenz geben, die viele Verbesserungen mit sich bringt. Für die Mitarbeiter der Eclipse Foundation, mich eingeschlossen, werden diese Veröffentlichung und die Migration der Eclipse-Projekte hin zur Nutzung dieser neuen Lizenz ziemlich arbeitsintensiv werden. Einige der Neuerungen, die die Lizenz an Bord haben wird, sind:

  • Eine klarere Regelung für Skriptsprachen wie JavaScript.
  • Die Erlaubnis für Projekte auf Wunsch auch mit der GPL kompatibel zu sein.
  • Das Ersetzen des Konzepts Modul (Module) durch Datei (File), um dem gewöhnlichen Gebrauch zu entsprechen.
  • Die Entfernung der Erwähnung geltender Gesetze der USA bzw. New Yorks.

JAXenter: Vielen Dank für das Interview!

MilinkovichMike Milinkovich ist Executive Director der Eclipse Foundation. Abseits von der täglichen Arbeit kümmert er sich vor allem um seine Familie und das Familienanwesen. Er ist zudem begeisterter Hockey-Trainer, -Spieler und -Fan. Wenn er gerade nicht arbeitet oder wegen seiner Arbeit auf Reisen ist, findet man ihn in der Regel bei einer dieser Beschäftigungen. Mikes Blog findet man unter mmilinkov.wordpress.com, auf Twitter ist er unter dem Handle @mmilinkov zu finden.
Geschrieben von
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo
Dominik Mohilo studierte Germanistik und Soziologie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Seit 2015 ist er Redakteur bei S&S-Media.
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser
Hartmut Schlosser ist Redakteur und Online-Koordinator bei Software & Support Media. Seine Spezialgebiete liegen bei Java-Enterprise-Technologien, JavaFX, Eclipse und DevOps. Vor seiner Tätigkeit bei S & S Media studierte er Musik, Informatik, französische Philologie und Ethnologie.
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