Mit Low Code in die Zukunft

Low-Code-Plattform Eclipse OSBP besteht den Newbie-Test: Eine User Story

Holger Traupe

© Shutterstock / Visual Generation

Die No-Code/Low-Code-Plattform OSBP macht es erfahrenen Entwicklern leicht, Anwendungen zu erstellen. Aber wie sieht es mit Neulingen aus? Wie viel Vorerfahrung benötigen sie, um die Plattform für sich produktiv zu nutzen? Hier kommt die Probe aufs Exempel.

Esther Euteneuer studiert Physik in Heidelberg. „Ich will nicht nur verstehen, sondern auch umsetzen können“, sagt sie. „In Forschung und Entwicklung geht nichts ohne Software. Wer da mehr kann als ein reiner Bediener, ist auf Dauer im Vorteil.“ Deshalb suchte sie sich nebenher eine Stelle als IT-Werksstudentin. Beim Heidelberger Softwarehaus Compex hatte man auf ein Greenhorn wie sie bereits gewartet. „Ich war anfangs das Versuchskaninchen“, schmunzelt sie. „Ich wurde regelrecht ins kalte Wasser geworfen. Die Anleitung bestand aus einem Link auf die Dokumentationsseite – sonst nichts.“ Inzwischen hat sie dem traditionell auf die Handelsbranche fixierten Unternehmen einen wichtigen Anstoß für ein neues Betätigungsfeld gegeben.

Compex hat federführend Eclipse OSBP entwickelt. Das ist eine No-Code/Low-Code-Plattform, die von der Eclipse Foundation bereitgestellt wird. Das Softwarehaus beschleunigt damit sein eigenes Software Engineering. Als Open-Source-Software steht sie darüber hinaus jedem interessierten Entwickler zur Verfügung. Nun wollten wir testen, wie zugänglich sich die Plattform für andere darstellt – am besten für eine Einsteigerin.

IoT-Tool mit OSBP

So bekam Esther ihre Aufgabe: Sie sollte ein Inventory Tool für die Geräte des Softwarehauses erstellen. Eine Legacy-Software war vorhanden, aber nie für die Ewigkeit angelegt gewesen. Die Kollegen wollten eine komfortablere Handhabung sowie die Historisierung und Auswertung der anfallenden Daten. Zuallererst aber sollten wirklich alle Daten integriert werden, beispielsweise auch die im Serverraum anfallenden Sensordaten. Ein Hintergedanke: War dieses Tool erst einmal geschaffen, könnte Compex das Handling seiner IT nicht nur für die nächste Zeit, sondern wirklich nachhaltig vereinfachen. Denn Eclipse OSBP ist so konzipiert, dass sich fertige Anwendungen jederzeit wieder verändern oder erweitern lassen.

Die Arbeit mit OSBP erfolgt modellgetrieben: Die Entwickler schreiben keinen Code, sondern erstellen Modell-Instanzen in domänenspezifischen Sprachen (DSL). Hieraus generiert OSBP die Zielobjekte wie Java-Code, XML-Dokumente und weitere Artefakte, mit denen die Anwendung schließlich in der Zielumgebung implementiert wird. OSBP persistiert diese Modell-Instanzen so, dass Designer und Entwickler jederzeit Veränderungen vornehmen können.

Templates als Ausgangspunkt

Darüber stehen für OSBP auch Templates für fertige Applikationen bereit – ein guter Ansatzpunkt für schnelle Erfolge. Das Template AppUpIn5Minutes treibt die mit Eclipse OSBP mögliche Automatisierung am weitesten. Durch das simple Drag&Drop einer CSV-Tabelle kreiert die Plattform eine voll funktionsfähige Anwendung, inklusive des Entitäten-Modells, der Oberflächen und weiteren Elementen wie einer Autorisierungsverwaltung. „Mit diesem Template kann man einfach mal loslegen und ausprobieren, was sich mit OSBP alles anstellen lässt. Diese fünf Minuten sind gut investiert, auch wenn man sich später für einen anderen Weg entscheidet“, erklärt Esther.

Letztlich setzte sie auf ein anderes Template, nämlich My1stApp. Hier verläuft die assistierte Modellierung von Komponente zu Komponente, sodass der Entwickler leichter eingreifen kann. „Hierfür waren grundlegende Programmierkenntnisse erforderlich. Die ließen sie sich allerdings leicht aus den mitgelieferten Beispielen ziehen.“ Im ersten Schritt definierte Esther die Entities. Diese haben Eigenschaften (properties) in Form von Variablen. Sie lassen sich zudem durch Referenzen verbinden. Hier definierte sie die Entity Devices und referenzierte sie mit den Entities User, Devicetype, Supplier und Manufacturer.

Der Zugriff auf die so organisierten Daten wird entweder über Data Transfer Objects (DTO) oder – für analytische Zwecke – über Datamarts verwaltet. Mit den weiteren Komponenten gestaltete Esther die Funktionalitäten sowie Perspektiven, Views, Dialoge, Charts und Reports. „Ich habe erst einmal das Legacy Tool nachgebaut. Damit hatte ich eine Vorlage, an die ich mich halten konnte, und im Ergebnis eine fertige Anwendung“, so Esther. „Erst dann habe ich mich mit den zusätzlichen Anforderungen beschäftigt. Das war für mich eine echte Hilfe – ich musste nicht alles komplett durchplanen, sondern konnte mir das Teilergebnis ansehen und von dort aus weiterdenken.“

Der Ausbau beginnt

An diesem Punkt konnte die Anwendung noch keine Sensordaten aus den Serverräumen sammeln, historisieren und darstellen. In den beiden Räumen (benannt als Kelvin1 und Kelvin2) wurden beispielsweise die Temperaturen durch je ein Gerät erfasst, an das jeweils zwei unterschiedlich positionierte Sensoren ihre aktuellen Messwerte meldeten. Esther schrieb nun ein kurzes Skript, das die Geräte- und Sensor-Kennung plus Temperatur und Uhrzeit abfragte und in zwei separate CSV-Dateien schrieb – eine für die Gradzahl und eine für die Zeitreihe. Mit Hilfe des Cron-Daemon (Linux) bzw. des Task Managers (Windows) konnte dieses Skript periodisch aufgerufen werden und die Daten einsammeln.

Zurück zur Anwendung: Hier definierte Esther zum einen die Entity Temperature mit den Eigenschaften Messwert, Gerät und Sensor, zum anderen die Entity Timeline mit den Zeitstempeln der Messungen. Danach passte sie die nachfolgenden Komponenten an, also den Datenimport, die Tabellen und Dialoge.

Für den Nutzer-Komfort sollte die Temperaturentwicklung im Zeitverlauf durch einen Chart grafisch aufbereitet werden. Eclipse OSBP bietet hier eine Reihe von Diagrammtypen – Balken, Torten, Armaturen etc. In diesem Fall erwies sich ein Kurvendiagramm als die sinnvollste Option. Charts lassen sich in OSBP entweder direkt über die Entity definieren oder über einen Datenwürfel (Cube). Esther verwendete einen Cube, weil sie die unterschiedlichen Sensoren als eine dritte Dimension (neben Zeit und Temperatur) definierte. So konnte sie in den Charts den Temperaturverlauf für die unterschiedlichen Sensoren ebenso abbilden wie für die unterschiedlichen Geräte.

Die letzte Hürde

Zu guter Letzt abstrahierte Esther die Applikation, sodass sie für Messungen aller Art verwendbar ist. Die Änderungen erfolgten auf der Entity-Ebene: Sie schuf eine zusätzliche Entity und nannte sie Measure. Diese umfasst die Art der Messung, die dazugehörige Maßeinheit sowie die Kennungen des Messgeräts und des Sensors. Aus der bisherigen Entity Temperature wurde Measurement. Sie enthält nach wie vor den gemessenen Wert, während sie für die übrigen Eigenschaften die Entities Measure und Timeline referenziert. Auf diese Weise können unterschiedliche Messgrößen in dieselbe Tabelle importiert werden. Zugleich kann ihre Visualisierung in unterschiedlichen Charts erfolgen. Der angestrebten Integration sämtlicher Sensordaten und ihrer Auswertung steht also nichts mehr im Weg; die Anwendung soll weiter ausgebaut werden.

Unterm Strich

„Man kann wirklich binnen fünf Minuten eine Anwendung erstellen“, sagt Esther. „Das setzt allerdings voraus, dass man ein tragfähiges Datenmodell mitbringt. Auch wird man damit sicher nicht die komplette Funktionalität von Eclipse OSBP ausschöpfen. Dies verlangt etwas Einarbeitung, was jedoch recht leicht fällt.“ Für die nächste Zeit hat sich die Studentin eine weitere Aufgabe gesucht: Die Abfrage der Sensordaten soll künftig nicht mehr über ein externes Skript, sondern über Bordmittel der No-Code/Low-Code-Plattform erfolgen. „Dabei geht es auch ums Prinzip. Was mit der Plattform geht, soll damit auch gemacht werden.“

Für ihren Arbeitgeber war es am Ende nicht nur ein Test, sondern ein Anstoß zu etwas Neuem. „Wir eruieren verstärkt den Einsatz von OSBP im IoT-Umfeld, besonders unter dem Dach von Eclipse. Unsere Plattform scheint sich mit einigen Entwicklungen dieser Art sehr gut zu ergänzen“, sagt Christophe Loetz, Geschäftsführer von Compex.

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Geschrieben von
Holger Traupe

Holger Traupe arbeitet für die Compex Systemhaus GmbH und schreibt bevorzugt über Trends in IT und Wirtschaft.

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