Im Gespräch mit Orion-Entwickler Boris Bokowski

Eclipse Orion: Das neue IDE Paradigma

Großes Interesse erregte Anfang des Monats die Ankündigung des Eclipse-Projektes Orion, eines „völlig neuen Abenteuers für Eclipse“, wie Mike Milinkovich kommentierte. Offensichtlich fasziniert die Idee, mit Orion eine neue, komplett Browser-basierte Entwicklungsplattform bereitzustellen, die Community und selbst Gartner-Analyst Mark Driver bloggt, Orion könnte sich zu so etwas wie „Eclipse the next generation“ entwickeln. Im Interview mit JAXenter verrät Orion-Entwickler Boris Bokowski, was es mit dem Projekt auf sich hat.

JAXenter: Was ist Orion?

Boris Bokowski: Orion hat als Ziel, eine offene Integrationsplattform für Web-basierte Softwareentwicklung bereit zu stellen. Die Vision besteht darin, die Software-Entwicklung mit den Prinzipien des Webs zu verbinden, mit allen für das Internet typischen Möglichkeiten und Workflows, also nicht einfach die existierende Desktop IDE 1:1 in den Browser abzubilden. Derzeit besteht Orion aus einem Codebeitrag von IBM zum Eclipse e4 Incubator. Mit der Beteiligung anderer interessierter Parteien planen wir, Orion in den nächsten Monaten als offizielles Eclipse-Projekt einzureichen.

JAXenter: Welche Vorteile hat es, die Infrastruktur für die Software-Entwicklung in das Web zu verfrachten?

Boris Bokowski: Es werden immer mehr Software- und Infrastruktur-Lösungen auf das Web übertragen und immer häufiger wird von Web-Technologien Gebrauch gemacht. Die Gründe für diesen Trend gelten genauso auch für das Tooling im Bereich der Software-Entwicklung:

  • Client-seitig ist keine Installation nötig
  • Geringerer TCO
  • Skalierbare Rechenleistung
  • Einfacher Zugriff mittels Hyperlinks
  • Triviale Update-Mechanismen (über die einfache Aktualisierung einer Webseite)
  • Mächtige Rendering Engines stehen zur Verfügung (Browser)
  • Sehr große und aktive Community

JAXenter: Wie würden Sie den aktuellen Stand des Projekts beschreiben?

Boris Bokowski: Die aktuelle Codebasis wurde in den letzten Monaten von einem kleinen Team bei IBM entwickelt. Orion verfügt über einen schnellen und skalierbaren Code-Editor, der auf allen verbreiteten Desktop-Browsern lauffähig ist. Es gibt die Möglichkeit, Dateien und Ordner zu verwalten und Volltext-Suchen durchzuführen. Wir fangen gerade an, an einer Integration mit Git zu arbeiten. Was den Debugger anbelangt, ist geplant, eine Integration mit Firebug und/oder dem WebKit Inspector herzustellen.

JAXenter: Eine webbasierte IDE wurde ursprünglich als Teil des Eclipse e4-Projektes angekündigt. In welcher Beziehung stehen diese frühen Ankündigungen zu dem jetzt vorgestellten Orion-Projekt?

Boris Bokowski: Vor etwa drei Jahren stellten wir auf der EclipseCon 2008 einen Prototypen einer Web-basierten Eclipse-Version vor. Wir hatten damals aber den Eindruck, dass es eigentlich noch zu früh dafür war und verfolgten die Arbeiten an dem Projekt nicht weiter. Die Orion-Codebasis ist nun eine völlig neue Implementierung, die den Fokus ganz auf Webtechnologien und Web-Prinzipien legt. Die Idee ist, das Web selbst zur Entwicklungsumgebung zu machen, anstatt zu versuchen, die alten Desktop-IDE-Konzepte in den Browser zu übertragen.

JAXenter: Welche Technologien kommen bei Orion zum Einsatz?

Boris Bokowski: Als wichtige Technologien für die Realisierung unserer Vision einer Web-IDE betrachten wir u.a. RESTful HTTP, HTML, JavaScript, CSS, JSON, Atom, OpenID und OAuth. Unser Ziel ist es, Integrationen zwischen Orion und anderen Web-basierten Werkzeugen herzustellen, beispielsweise zu Bugtracking-Systemen wie Bugzilla, Monitoring-Tools wie Hudson, Code-Review-Werkzeuge wie Gerrit und Versionierungsrepositories wie GitHub. Im Vergleich zu diesen Ideen sind die bislang in unserer Codebasis verwendeten Technologien von untergeordneter Bedeutung für uns. Um dennoch auf die Frage zurückzukommen: In der aktuellen Orion-Version verwenden wir reines HTML, CSS, JavaScript, Client-seitig Dojo und Server-seitig Java mit Equinox, Jetty und JGit.

JAXenter: Orion ist nicht auf die existierende Eclipse-Codebasis aufgesetzt. In welcher Beziehung steht Orion zur „alten“ Eclipse-Plattform und den anderen Eclipse-Projekten?

Boris Bokowski: Wir nutzen Code des Eclipse-Runtime-Projektes für unseren Server. Clientseitig arbeiten wir mit UI-Komponenten, die voll Web-basiert sind. So weitgehend wie möglich wollen wir es erlauben, diese Web-UI-Komponenten auch im existierenden Desktop Eclipse einzusetzen, beispielsweise als Views oder als Editoren. Aber die beiden Codebasen werden völlig unabhängig voneinander sein. Das Orion-Projekt ist gerade erst aus den Startlöchern gekommen und dementsprechend in einem sehr frühen Stadium seines Lebenszyklus. Die Desktop Eclipse IDE wird nicht verschwinden und noch viele Jahre lang aktiv weiterentwickelt werden.

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