Ein CMS-Redaktionsclient auf Basis von Eclipse RCP in der Redaktion von tagesschau.de

Eclipse bei der Tagesschau

Torsten Witte

Rich-Client-Anwendungen auf Basis von Eclipse RCP fanden in den letzten Jahren eine große Verbreitung, sowohl im Open-Source- als auch im kommerziellen Bereich. So wird Eclipse RCP vermehrt in Bereichen eingesetzt, in denen bisher Webclients die Vorherrschaft hatten. Ein Beispiel dafür ist das Content-Management-System (CMS) Sophora der Hamburger Firma subshell GmbH, das sich in den letzten Jahren u. a. in der Onlineredaktion tagesschau.de bewährt hat. Dieser Artikel beschreibt die Erfahrungen, die bei der Entwicklung des Sophora DeskClients gemacht wurden, und skizziert einige Probleme und Lösungen.

Als für die Redaktion von tagesschau.de [1] im Jahr 2006 ein neues Content-Management-System entwickelt werden sollte, waren die Anforderungen für die Redakteure an die neue Redaktionsoberfläche klar definiert: Man soll effektiv und effizient damit arbeiten können, um Nachrichten schnell zu publizieren. Die Redaktion soll sich beim Schreiben von Meldungen lediglich auf die Inhalte konzentrieren, nicht auf das Layout der Webseite oder der anderen Ausspielkanäle. Bilder, Audios und Videos müssen dem Meldungstext einfach und ohne lange Antwortzeiten hinzugefügt werden können. Dies alles sprach für eine Desktopanwendung, in der der jeweilige Meldungsinhalt strukturell erfasst und mittels Drag and Drop um weitere Inhalte ergänzt werden kann. Beim Einsatz einer Desktopanwendung müssen jedoch u. a. folgende technische und betriebliche Fragen beantwortet werden: Welche Betriebssysteme können unterstützt werden? Wie wird die Desktopanwendung auf die einzelnen Arbeitsplatzrechner verteilt und installiert? Wie werden nötige Updates durchgeführt? Wie geht man mit benutzerspezifischen Einstellungen um, wenn die Redakteure den Arbeitsplatzrechner wechseln? All dies sind Probleme, die sich bei einer Webanwendung weniger in den Vordergrund drängen. Die Wahl für die Redaktionsoberfläche von Sophora fiel letztendlich auf die Entwicklung einer Eclipse-RCP-Anwendung, den so genannten Sophora DeskClient [2] (Abb. 1).

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Abb. 1: Der Sophora DeskClient bei tagesschau.de
(Vergrößern)

Die betriebliche Seite

Das Eclipse-RCP-Framework beantwortet bereits viele der oben genannten Fragen. Eine Installation, die die Anwendung in das Betriebssystem integriert, entfällt, da die Anwendung lediglich auf dem Arbeitsplatzrechner entpackt werden muss. Für die Verteilung und Durchführung notwendiger Updates wird eine zentrale Update-Site mit der neuesten Softwareversion bereitgestellt. Beim Neustart des DeskClients an den Arbeitsplatzrechnern wird automatisch auf vorhandene Updates geprüft. Alternativ kann für die Verteilung der Anwendung ein beliebiges, bereits hausintern vorhandenes Softwareverteilungssystem eingesetzt werden. Die Benutzereinstellungen der Redakteure werden in ihrem zentralen Home-Verzeichnis abgelegt. Das hat den Vorteil, dass die Redakteure ihre individuellen Einstellungen beibehalten, auch wenn sie den Arbeitsplatzrechner wechseln.

Darüber hinaus bietet das Plug-in-Framework die Grundlage für (zukünftige) Produkterweiterungen, die nicht unbedingt zum Standardprodukt gehören. Auf Herstellerseite kann der DeskClient per Build-Konfiguration flexibel in verschiedenen Produktvarianten und für verschiedene Betriebssysteme wie Windows, Linux und Mac erstellt und ausgeliefert werden. Zudem ist es möglich, projektspezifische Plug-ins zu entwickeln und einzubinden.

Die redaktionelle Seite

Die Aufteilung in Views und Editoren, die das Eclipse-RCP-Framework vorgibt, gestaltet für den Redakteur eine übersichtliche und individuell anpassbare Benutzungsoberfläche. So gibt es im DeskClient beispielsweise eine View für die Suche nach Inhalten, aus dem die gefundenen Dokumente in jeweils einem Dokumenteditor geöffnet und bearbeitet werden können (Kasten: „Sophora-Dokumente“, um mehr über Dokumente in Sophora zu erfahren). Die Komponentenstruktur (Outline-View) zeigt weitere Dokumente, die von dem geöffneten Dokument referenziert werden, und die Komponentendetails (Property-Sheet-Page) zeigen wiederum deren Inhalte und bieten die Möglichkeit, sie in dem Kontext des geöffneten Dokuments zu überschreiben (Abb. 1).

Mehrere Dokumente gleichzeitig geöffnet zu haben, ist für den Redakteur tägliche Routine, genauso wie die Verwendung von Drag and Drop aus den umliegenden Views in den aktiven Editor oder in die Komponentenstruktur. Abweichend von der Standardperspektive können Redakteure einzelne Views nach ihren persönlichen Vorlieben anordnen und sogar auf andere Monitore verteilen, um z. B. die Vorschau-View zum gerade bearbeiteten Dokument auf einem separaten Monitor immer im Blick zu haben. Auf diese Weise ist ein effektives Arbeiten für die Redaktion möglich.

Sophora-Dokumente

Das Sophora CMS arbeitet dokumentorientiert. Das bedeutet, der Redakteur bearbeitet im CMS nicht jeweils eine ganze Webseite, sondern Dokumente, deren Inhalte miteinander verknüpft auf einer Webseite ausgespielt werden. Dokumente haben jeweils einen fachlich motivierten Typ, der frei definierbar und konfigurierbar ist. Dokumenttypen können z. B. Homepage, Meldung, Eilmeldung, Bild, Bilderstrecke, Audio, Video, Link, Filter, Sendung, Formular, Download, Umfrage, Chronik usw. sein. Jedes Dokument enthält die Informationen, die benötigt werden, um es in einem anderen Dokument zu referenzieren und in dessen Kontext auf der Webseite anzuzeigen. Beispielsweise enthalten alle Meldungsdokumente eine Überschrift, einen Teaser-Text und ein Teaser-Bild, um sie in einer Homepage einzubinden und dort als Teaser auszuspielen.

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Torsten Witte
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