Eclipse 2012: An der Schwelle einer neuen Generation

Hartmut Schlosser

2012 dürfte ein spannendes Jahr für Eclipse werden. Mike Milinkovich, Executive Director der Eclipse Foundation, blickt in seinem Blog voraus auf all die Entwicklungen, die uns dieses Jahr erwarten, und macht dabei deutlich, dass Eclipse an der Schwelle eines Generationswechsels steht, sowohl in technologischer als auch organisatorischer Hinsicht.

Der e4-Generationswechsel

Beginnen wir mit dem technischen Kern von Eclipse: der Plattform. Mit der Veröffentlichung von Eclipse Juno im kommenden Juni wird Eclipse 4 endgültig zur Basisplattform des Eclipse-Ökosystems werden. Eclipse 3.8 wird zwar ebenfalls Bestandteil des Juno Release sein. Laut Milinkovich sind für den Zeitraum danach jedoch keine weiteren 3.x-Veröffentlichungen mehr geplant.

Ein glasklares Bekenntnis zu Eclipse 4.x also, das – wir erinnern uns – in der Vergangenheit nicht immer auf Gegenliebe aller Community-Vertreter gestoßen ist. Die 3.x-User werden natürlich dennoch nicht im Stich gelassen. Milinkovich verspricht, dass zu den Hauptarbeitsfeldern 2012 die Gewährleistung der Rückwärtskompatibilität gehören wird.

Der Git-Standard

Das Abschalten des altgedienten Versionskontrollsystem CVS im Dezember und die Migration der Eclipse-Projekte hin zu Git sind weitere bedeutsame Ereignisse 2012. Git soll es insgesamt leichter machen, mit Eclipse-Projekten zu experimentieren und Beiträge zu leisten, schreibt Milinkovich. Auch das Code Review Tool Gerritt steht bereits in den Startlöchern, und wenn alles gut läuft, könnte sich hier ein neuer ALM-Standard für die gesamte Java-Community etablieren: mit Eclipse als Treiber dieser Entwicklung.

Eine neue Build-Infrastruktur

Als gängiges Infrastrukturproblem bei Eclipse beschreibt Milinkovich das zuverlässige Zustandebringen von Builds – ein Problem, das 2012 mit der neuen Initiative „Common Build Infrastructure“ angegangen werden soll. Ein bei eclipse.org gehosteter Service soll allen Projekten für die Durchführung von Software-Builds zur Verfügung stehen. Auf technologischer Seite heißt die Zauberformel wohl „Hudson, Maven, Tycho“. Als Ziel wird ausgegeben, dass langfristig alle Eclipse-Projekte ihre Builds auf Eclipse Foundation Hardware realisieren.

Um das Konzept einem ersten Praxistest zu unterziehen, wird es zuerst an der Eclipse-Plattform selbst erprobt werden, wofür sogar ein Vollzeitmitarbeiter eingestellt wurde, der sich ausschließlich mit diesem Projekt beschäftigt.

Long Term Support

Eine zweite Stoßrichtung dieser Common Build Infrastructure ist die Bereitstellung eines weiteren neuen Services, des sogenannten „Long Term Supports“. Dieser soll es ermöglichen, die Eclipse Maintenance-Releases über die beiden jährlichen Security Releases im Februar und September hinaus auszudehnen. Wie Ralph Müller uns berichtete, lief die Initiative bereits vor über einem Jahr auf Wunsch einiger strategischer Eclipse-Mitglieder (SAP, IBM) an. Hintergrund ist, dass diese Unternehmen mehr und mehr Eclipse-Technologie in ihren Produkten einsetzen, wodurch sich die Notwendigkeit ergibt, auch den langfristigen Support für die verwendeten Open-Source-Komponenten abzusichern.

Im Eclipse Magazin 5.11 beschreibt Ralph Müller ein wahrscheinliches Szenario für den Long Term Support:

Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass sich ein neues Ecosystem um den Long Term Support herum entwickeln wird. Dort werden wir Unternehmen wie zum Beispiel die Firmen Atos oder auch die msg-systems AG sehen, die ihren Kunden wie SAP oder Airbus umfassenden „One-Stop“-Support für ein definiertes Subset von Eclipse-Projekten anbieten. Auf der anderen Seite werden diese Unternehmen wieder mit kleineren Spezialisten wie der itemis AG oder EclipseSource zusammenarbeiten, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Die Eclipse Foundation wird in diesem Szenario neben der Infrastruktur wie Code Repository, Build-Umgebung und Bug Tracking auch die gewohnten Dienste wie das IP-Management zur Verfügung stellen. Ralph Müller

IWG

Außerdem sollen auch weiterhin Industry Working Groups (IWG) im Stile von Polarsys oder M2M gegründet werden. Diese Zusammenschlüsse versorgen die jeweiligen Interessengruppen mit dem Support, der für ihre Arbeitsbereiche auch tatsächlich relevant ist. Generell geht es darum, den Mitgliedern die definierte Zusammenarbeit zum Erreichen bestimmter Ziele, beispielsweise die Entwicklung kollektiv nutzbarer Software-Komponenten, zu erleichtern.

Am Beispiel der Polarsys-Gruppe gibt wieder Ralph Müller im kommenden Eclipse Magazin (Erscheinungstermin: 27. Januar) Einblicke in die Funktionsweise von IWGs. So stellte die Einführung der digitalen Flugsteuerung bei Airbus (Fly-by-Wire) den Flugzeugbauer vor besondere Herausforderungen im Umgang mit Open-Source-Softwarekomponenten.

Die Einführung der Fly-by-Wire-Technologie [bei Airbus] führte jedoch letztendlich zu gewaltigen Kosteneinsparungen beim Flugzeugbau und Betrieb. Ebenso wurde die Systemsicherheit enorm verbessert, und der Einsatz der Elektronik breitet sich im Flugzeugbau immer weiter aus. Die Konstruktion dieses komplexen Systems stellte Airbus und die am Bau des A 320 beteiligten Firmen vor die Aufgabe, entsprechende Tools zur Planung, Simulation, Implementierung und zum Testen der Software zur Verfügung zu haben. [.]

Im Verlauf der folgenden Jahre stellte sich heraus, dass Softwareprodukte für die Anforderungen, die durch die langen Lebenszyklen des Systems Flugzeug entstehen, nicht unbedingt geeignet sind. So wird zum Beispiel gefordert, dass die Softwaretools auch während des Life Cycle des Flugzeugs weiter benutzbar sind oder sogar weiterentwickelt werden müssen, um mit den Technologieänderungen Schritt zu halten. Dies bedeutet, dass Airbus und seine Partner die Tools für einen Zeitraum von über 35 Jahren verfügbar haben müssen. Ralph Müller

Ähnliche Probleme der Langlebigkeit sicherheitskritischer Software-Komponenten haben auch andere Unternehmen, wie Ericsson, Obeo und Thales, die sich nun in der Polarsys-Gruppe abstimmen können. Aus dieser Perspektive wird auch klar, weshalb die Long-Term-Support-Initiative für diese Gruppe so interessant ist.

Coding on the Web

Zudem wird Orion, die neue Online-Tooling-Plattform von Eclipse, gegen Ende des Jahres in ihrer ersten Major-Version auf den Markt treten. Orion-Entwickler Simon Kaegi beschreibt die grundlegenden Prinzipien von Orion in den vier Punkten:

  • Die Fähigkeiten des nativen Browsers nutzen
  • Task- und ressourcenorientiert vorgehen
  • Performanz und Leichtgewichtigkeit anstreben
  • Niedrige Einstiegsbarrieren für Anwender

Orion ist eine Suite von browserbasierten Entwicklungstools, die sich dennoch deutlich von der Eclipse-Desktop-IDE unterscheidet: Erstens haben wir zugunsten der User Experience auf Einfachheit gesetzt. [.] Zweitens ist uns klar geworden, dass wir als Entwickler ohnehin bereits webbasierte Tools wie Bugzilla, Hudson unter anderem in unserer täglichen Arbeit verwenden.

Auch wenn wir noch so viel Wert darauf legten, könnten wir also niemals eine universelle Integrationsplattform bieten. Statt dessen ist unserer Meinung nach das Web selbst die Entwicklungsplattform der Zukunft. Mit Orion nehmen wir uns die Kernaktivitäten der Softwareentwicklung (Code-Editing, Projektnavigation, Suchfunktion und Source-Control-Systeme) vor. Zudem möchten wir zeigen, wie gemeinsame Workflows mit bereits eingesetzten webbasierten Tools unterstützt werden können und wie man bei Bedarf neue Tools hinzunimmt. Simon Kaegi

Der vollständige Artikel „Coding on the Web“ über Orion gibt es im kommenden Eclipse-Magazin nachzulesen.

2012 – das Jahr der Bewährung

Ein spannendes Eclipse-Jahr steht uns also bevor – ein Jahr, in dem viele Entwicklungen, die sich in den letzten Jahren eher ruhig hinter den Kulissen abgespielt haben, ihren Weg an die Oberfläche bahnen werden. Mit der offiziellen Bekanntgabe des Eclipse-Fahrplans 2012 legt Milinkovich die Latte hoch und weckt Erwartungen. Doch wer die Zuverlässigkeit der Eclipse-Prozesse kennt, wird gut daran tun, die Ankündigungen nicht in die Schublade der üblichen, derzeit wie Pilze aus dem Boden sprießenden zweckoptimistischen Jahresprophezeihungen zu stecken. Eclipse steht zweifellos vor einem Generationswechsel – und 2012 wird ein wichtiges Jahr, in dem sich zeigen wird, wie die neue Eclipse-Generation sich bewährt.

Geschrieben von
Hartmut Schlosser
Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.