Interview mit Jacob Tiedemann

Don’t do Projects! – Die größten Irrtümer rund ums MVP

Redaktion JAXenter

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Kleinere Zyklen, kleinere Teams, kleinere Komponenten – Hauptsache kleiner und schneller und bloß keine Projekte mehr! Denn der neue Most Valuable Player in der IT ist das MVP: Minimum Viable Product. Wir haben mit Jax-Speaker Jacob Tiedemann über den Trend MVP gesprochen und gefragt, was danach kommt?

JAXenter: Der Begriff „Projekt“ hat sich innerhalb der IT in den letzten Jahren fast zum Schimpfwort gewandelt. Woran liegt das?

Jacob Tiedemann: Mit Projekten versuchen wir ein gezieltes, einmaliges Vorhaben in einem definierten Zeitraum und unter gegebenen Vorgaben von Ressourcen und Qualität zu bewältigen. Ein Projekt gibt uns somit Halt und reduziert die Ungewissheit für den Zeitraum. Das ein Projektplan uns nicht unbedingt ans Ziel bringt, haben wir bereits – vor allem in der Software- und Produktentwicklung – gelernt. Anforderungen des Kunden können sich im Zeitraum ändern und müssen beachtet werden. Agiles Vorgehen hilft uns hier bereits.

Heute jedoch ändern sich Anforderungen durch die erhöhte Geschwindigkeit des Marktes immer häufiger. Kunden geben häufiger Feedback und sind es gewohnt einen kontinuierlichen Service zu erhalten. Die Zeiten, in denen Software auf CD (und damit meine ich nicht Continuous Delivery!) ausgeliefert wurde, und damit vorerst fertig war, sind vorbei. Es treffen somit erwartete Kontinuität auf ein Projekt mit Ablaufdatum. Wir sollten aufhören uns mit Projekten mit Ablaufdatum auseinanderzusetzen und uns zunehmend auf langfristig ausgerichtete Service- und Geschäftsmodelle fokussieren. Software ist nun mal nie fertig und schon gar nicht, wenn der Kundennutzen aufrechterhalten werden soll!

JAXenter: Start-ups setzen den MVP-Ansatz um und sind damit sehr erfolgreich. Große, über Jahre gewachsene Unternehmen dagegen tun sich schwer mit diesem Konzept. Wo liegen für große Unternehmen Stolpersteine auf dem Weg zum MVP.

Software ist nun mal nie fertig und schon gar nicht, wenn der Kundennutzen aufrechterhalten werden soll!

Jacob Tiedemann: In etablierten Unternehmen ist ein Start auf grüner Wiese eher selten. Ein großes Hindernis sind daher bestehende Systeme und Prozesse. Denn der MVP-Ansatz und Lean Startup sind ein fundamental neuer Ansatz zu Arbeiten. Nach meiner Erfahrung Bedarf es ein geschütztes Umfeld, um diesen Ansatz im Unternehmen zu erproben. Die Zusammenarbeit mit anderen Teilen des Unternehmens wird herausfordernd und die Unterstützung von ganz oben ist hier besonders wichtig.

Über diese und andere Stolpersteine werde ich auch in meinem Vortrag „Don’t do projects – Die größten Irrtümer rund ums MVP“ auf der JAX am 24.04.2018 sprechen.

JAXenter: Welche Schritte führen zu einem MVP und auf was sollten Unternehmen achten?

Jacob Tiedemann: Build – Measure – Learn. Diese Schritte in schnellen, kleinen und vielen Experimenten führen zu einem MVP. Ziel ist es herauszufinden, wie ein tiefgreifendes Problem der Kunden gelöst werden kann. Das ist Forschungsarbeit! Bevor ich eine adäquate Lösung finden kann, muss ich zuerst das Problem identifizieren. Hieran scheitern bereits viele und treffen riskante Annahmen über das Problem. Damit wird bereits ein wackliges Fundament für die Lösung gelegt.

Schrittweise werden Annahmen über Kunden, Probleme, Lösungen und später Features validiert. Das heißt aber auch Fehler zu machen. Eine gesunde Hypothesenkultur ist hier notwendig, um Fehler zu akzeptieren und gemeinsam nachhaltig aus diesen zu lernen. Wenn bereits die Angst vor einem Fehlschlag Stress bei den Mitarbeitern verursacht, kann dieser neue Ansatz nicht funktionieren und Innovationen werden im Keim erstickt.

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JAXenter: Das MVP ist eine Art kleinster gemeinsamer Nenner, der möglicherweise nur eine Zeit lang funktioniert. Was kommt danach?

Jacob Tiedemann: Genau das ist die richtige Frage, die sich jedes Service-, Produkt oder Projektteam stellen sollte: Was kommt danach?

Die Antwort ist eigentlich simpel: Es kommt etwas, aber wir wissen noch nicht was. Diese Ungewissheit müssen wir aktiv managen. In Lean Startup gibt es hierfür die Methode des Innovation Accounting. Kontinuierlich werden Annahmen überprüft und der Nutzen der Software über Metriken quantifiziert.

Der MVP ist somit nur ein Zwischenergebnis in der kontinuierlichen Entwicklung eines Service- oder Geschäftsmodells. Experimente werden also auch nach dem MVP-Meilenstein weiter durchgeführt: neue Annahmen für Potenziale der Weiterentwicklung werden getroffen und überprüft. Aber auch bestehende Annahmen (bspw. Nutzen eines Features) werden bei Anzeichen in den Metriken neu validiert. Mit dem MVP wurde das Ziel, eine minimale, geeignete Lösung für das Kundenproblem zu finden, erreicht. Nun gilt es die Lösung zu skalieren und das eventuell bewusst klein gewählte Kundensegment zu skalieren.

JAXenter: Vielen Dank für dieses Interview!

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Kommentare
  1. Marius L.2018-04-24 21:54:20

    Interessanter Artikel, leider nicht der Realität sehr nahe... Dies trifft die Realität eher:

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