Unsere Woman in Tech: Masha Kubyshina Salvado

Diversität in der Tech-Branche: „Wenn eine Frau mit Technik arbeiten will, soll sie das einfach tun – da gibt es keine Hindernisse“

Mascha Schnellbacher

© S&S Media

Die Tech-Industrie wird von Männern dominiert – doch langsam, aber sicher bekommt der „Boys Club“ Gesellschaft: Immer mehr Frauen fassen in der Branche Fuß. In der Serie Women in Tech stellen sich inspirierenden Frauen vor, die den Weg in die IT gewählt haben. Heute im Fokus: Masha Kubyshina Salvado, Gründerin und CEO von BlueWordAi und Entwicklerin der App 5per5.

Wie divers ist die IT?

Der Weg in die IT-Branche ist für Frauen weiterhin ein schwieriges Unterfangen, das zu selten von dauerhaftem Erfolg gekrönt ist. Frauen repräsentieren zwar die Hälfte der weltweiten Arbeitskraft, doch nur jede vierte Stelle in der IT ist mit einer Frau besetzt. Gerade im MINT-Bereich zeichnet sich ein erschreckendes Bild ab: Nur 15 Prozent aller Frauen fassen nach ihrem Abschluss in einem entsprechenden Beruf Fuß. Doch woran liegt das?

Wir möchten das Thema Diversität auf JAXenter intensiver diskutieren. Dazu haben wir die Serie „Women in Tech“ gestartet, in der sich inspirierende Frauen aus der Tech-Branche vorstellen und Themen wie Geschlechtervorurteile, Herausforderungen oder Förderungsmöglichkeiten beleuchten.

Women_in_Tech_Aufmacher_900x450_farbe1_superweib-900x450Diversity in Tech

Women in Tech – die Umfrage

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Women in Tech – die Serie

In der Serie Women in Tech stellen sich inspirierende Frauen aus der IT-Branche vor. Bisher erschienen:

Unsere Woman in Tech: Masha Kubyshina Salvado

Heute erzählt uns Masha Kubyshina Salvado, Gründerin und CEO von BlueWordAi ihre Geschichte. Nach einem Studium der Englischen Philologie und der Fotografie folgte eine lange Karriere im Marketing, Sales und Operations, bis sie sich entschloss, in die Tech-Branche zu wechseln. 2014 begann Masha mit der Arbeit an der Sprach-App 5per5 und gründete dann Anfang 2016 schließlich BlueWordAi.

IMG_9215Masha ist in Russland aufgewachsen und wurde von ihren Eltern sehr früh in Richtung Technologie geschubst. Doch ihr Lebenslauf verlief nicht völlig geradlinig:

Als ich neun war (Ende der 1980er), haben mich meine Eltern für einen Programmierkurs angemeldet. Dort haben wir sehr einfache Dinge programmiert; wir haben z. B. gelernt, wie man Autos auf dem Bildschirm „zeichnet“ und wie die Zeichnung bewegt wird. Zweimal pro Woche musste ich spätabends eine Stunde mit der Metro fahren, um zu dem Kurs zu kommen. Außer mir waren dort überwiegend Jungs.

In meiner Kindheit und Jugend war ich kein typischer „Entwickler“, aber ich wollte schon immer selbst Websites erstellen und an Optik, Design und Content arbeiten. Es ist fantastisch, aus dem Nichts heraus etwas erschaffen zu können. Obwohl ich in der Schule Mathe geliebt habe, habe ich dann in Barcelona Englische Philologie studiert. Da ich aber nicht als Lehrer arbeiten wollte, habe ich mich entschlossen, noch einen Bachelor in Fotografie dranzuhängen.

Danach bin ich nach San Franciso gezogen und arbeitete dort als Fotografin für ein kleines Fashion-Startup; irgendwie wurde ich dann deren Grafik-Designerin. Und dann habe ich das Marketing entdeckt: Ich habe in abendlichen Marketing-Kursen zwei Jahre lang gelernt, wie man mit Influencern arbeitet, wie man Social Media nutzt (ich rede von 2005/2006) und wie man Affiliates etc. einsetzt. Schlussendlich habe ich realisiert, dass ich in der Tech-Branche arbeiten will.

Nachdem dieser Entschluss einmal feststand, begann Masha mit vorsichtigen Schritten ihren Weg in Richtung Tech-Karriere. 2013 startete sie in Barcelona eine Reihe von Meetups für Startup-CEOs und -Investoren. Auf einem dieser Treffen kam ihr dann die Idee für ihre jetzige Firma BlueWordAi.

Wir haben 2014 angefangen, an unserer Englisch-Sprach App 5per5 zu arbeiten. Unser Slogan lautet: „We make you sound smarter“. Das Prinzip ist einfach: Wir erhalten Zugang zu deinen E-Mails und wissen so, welche Worte du bereits nutzt und welche Wörter deine Empfänger verwenden. Daraufhin vergleichen wir sie mit den Trend-Wörtern deiner Branche und geben dir fünf Wörter pro Tag zum Lernen, damit du deine Fähigkeiten im Englischen verbesserst.

5per5 wird auch von der kanadischen Flüchtlingsorganisation Refugee613 eingesetzt, die die App an ihre Partner und auch direkt an die Flüchtlinge verteilt. Ich bin zudem in Kontakt mit Flüchtlingsorganisationen in Griechenland, der Türkei und Ungarn, die mir dabei helfen, das Tool da hinzubringen. Da die App kostenlos ist, kann ich so ganz konkret Leuten helfen.

Außerdem arbeiten wir gerade an ARi the bot, der Ende des Jahres erscheinen soll. Ari wird dein Englischlehrer, der sich mit deinem Kalender verbindet und dir Wörter, abhängig von anstehenden Ereignissen, vorschlägt. Der Bot kann Fragen zur Benutzung von Wörtern und über die Betonung beantworten. Beide Produkte setzen auf künstliche Intelligenz.

Die Apps 5per5 und ARi the Bot

Die Apps 5per5 und ARi the Bot

Doch läuft es nicht immer alles so glatt – das Gründen einer Firma und vor allem das Sich-über-Wasser-halten sind gerade als Frau und alleinerziehende Mutter oft nicht so leicht.

Die Entwicklung einer App und die Gründung einer Firma sind sehr schwer, und die meiste Zeit ist es auch nicht „aufregend“. Man ist oft einsam und es erfordert viele Stunden, viele E-Mails, viele Tests, viel von allem. Du wirst müde und unmotiviert. Du musst aber lernen, dich zu disziplinieren, die Stunden durchzustehen und die Arbeit zu machen, selbst wenn die Ergebnisse nicht zu sehen sind und alles scheitert. Denn alles wird scheitern, bevor es klappen wird.

Ich entwickele zwar nicht selbst, bin aber in ständigem Kontakt mit meinen Teammitgliedern. Vielmehr bin ich als Beraterin im Marketing tätig und stecke mein ganzes Geld in die Entwicklung der Produkte und den Aufbau von Partnerschaften.

Diese harte Arbeit könnte ein Faktor sein, der Frauen vor einem Eintritt in die Tech-Branche abhält. Denn oft muss man sich als Frau besonders beweisen. Masha allerdings sieht das etwas anders:

Ich habe keine wirkliche Antwort auf die Frage, warum es weniger Frauen in der Tech-Branche gibt. Das ist einfach die Realität. Frauen arbeiten vermutlich einfach lieber in anderen Branchen. Ich glaube nicht, dass das gut oder schlecht ist, ich glaube, es ist, was es ist. Ich finde, wir sollten alle tun, was uns glücklich macht und uns erfüllt. Wenn eine Frau mit Technik arbeiten will, soll sie das einfach tun. Da gibt es keine Hindernisse – Männer drängen Frauen da nicht heraus.

Ich vergleiche es mit Kampfsport: Wenn du als Frau zum ersten Mal in ein Jiu-Jitsu-Studio läufst, wirst du dich unwohl fühlen. Während des Trainings wirst du dich unwohl fühlen. Und Männer haben damit nichts zu tun, sie wollen vielmehr nett sein und dir helfen. Es ist einfach so, dass das Training schwer ist und sehr wenige Frauen da bleiben. In der Tech-Branche ist es genauso: Es sind nur wenige Frauen, die sich diesen Pfad zu eigen machen und noch weniger, die dem treu bleiben.

Dementsprechend sieht Masha auch kein Diversity-Problem, sondern erkennt vielmehr ein Problem in der eigenen Einstellung vieler Frauen:

Ich glaube, Frauen sollten machen, was ihnen gefällt. Das heißt Tech oder eben kein Tech. Das Problem geht meiner Meinung nach tiefer: Wenige Frauen wissen, was sie mögen oder sind stark genug, das zu machen, was sie wirklich wollen.

Am Ende des Tages interessiert es Kunden auch nicht, ob ein Produkt von Frauen oder Männern entwickelt wurde. Alles, was sie interessiert, ist, dass das Produkt hilfreich ist. Deswegen sollten sich Frauen einfach trauen, losgehen, dabei bleiben, dafür kämpfen, Produkte machen, sie auf den Markt bringen und dann wieder von vorne anfangen. Und wenn das funktioniert, werden wir schon merken, was sich verändert.

Zum Schluss hat Masha noch ein paar Tipps für Frauen, die sich in der Tech-Branche durchbeißen möchten:

Sei du selbst und gib nicht auf. Eine große Tech-Firma aufzubauen ist schwer: Es ist wirtschaftlich schwierig, stressig, die meiste Zeit hast du keine Schulter, um dich „auszuheulen“. Viele Leute werden dir zwar sagen, dass deine Idee toll ist, werden dir aber trotzdem nicht helfen. Um dort draußen etwas auf die Beine zu stellen, Interesse zu erzeugen, Investoren zu kriegen, musst du viel arbeiten. Du musst zu den Leuten gehen, wieder und wieder, egal, wie müde du bist.

Die meiste Zeit musst du vergessen, wie du dich fühlst und Leistung abliefern. Und am Ende zahlt es sich aus. Es ist einfach ein sehr langer Weg und du musst Geduld haben und darfst nicht aufgeben. Es ist sehr hart, aber es liegt in deiner Macht. Du hast die Kraft, es zu schaffen!

Der Diversity Check

Wir freuen uns, wenn Sie sich an der folgenden Umfrage beteiligen, die sich an Frauen und Männer richtet. Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen zum Thema Diversität in IT-Unternehmen mit!

Geschrieben von
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher
Mascha Schnellbacher studierte Buchwissenschaft und Deutsche Philologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Juni 2015 arbeitet sie als Redakteurin in der Redaktion des Entwickler Magazins bei Software & Support Media. Zuvor war sie als Lektorin in einem Verlag sowie als freie Editorin tätig.
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