Apple und die Web-Entwicklung

Diskussion um Apples „Web-Strategie“: Ist Safari der neue Internet Explorer?

Moritz Hoffmann

(c) Shutterstock.com / gdainti

Mit der polemischen These, bei Apples Web Browser Safari handele es sich um den neuen Internet Explorer, hat Android-Entwickler Nolan Lawson zuletzt einigen Staub in der Web-Entwickler-Community aufgewirbelt. Eine Vielzahl an Kommentaren, Tweets und GitHub-Beiträgen drückten ihre Zustimmung und die große Enttäuschung über die relative Inaktivität von Apple im dynamischen Feld der Web-Entwicklung aus. Wohin treibt die rege Web-Debatte?

Der tiefere Beweggrund für Lawsons Abrechnung mit Apple war die von ihm geäußerte jahrelange Unzufriedenheit mit dem technischen Rückstand des Safari-Browsers. In Sachen Service Worker, Web Components, Shadow DOM, Web Manifests und weiteren heißen Themen der Web-Entwicklung  habe sich im Vergleich zu den anderen großen Playern Google, Microsoft und Mozilla so gut wie nichts getan.

Stein des Anstoßes war allerdings die Abwesenheit von Apple-Vertretern bei der diesjährigen Edge Conference. Daran hätten sich die Entwickler in den letzten Jahren zwar schon gewöhnt, ihr Stillschweigen darüber habe aber mittlerweile ohrenbetäubende Ausmaße angenommen. Den Widersinn dieses Umstandes brachte Lawson mit einem Bild auf den Punkt:

There was one company not in attendance, though, and they served as the proverbial elephant in the room that no one wanted to discuss. Their glowing logo illuminated nearly every laptop in the room, and yet it seemed like nobody dared speak their name.

Apples Safari – nicht am Puls der Zeit?

Vor allem geht es ihm um das Ausbleiben neuer API-Implementierungen im Safari-Browser, insbesondere um IndexedDB, das schon seit 2012 im Internet Explorer ebenso verfügbar ist wie in Firefox oder Chrome. Als die Implementierung Mitte letzten Jahres endlich vorgenommen wurde, sei sie, so Nolan, quasi unbrauchbar geliefert worden, woraufhin Apple den Nutzen einer weiteren Arbeit an der HTML-Datenbank in Zweifel zog.

Für Lawson steht dieses Verhalten paradigmatisch für Apples mangelndes Engagement in der offenen Web-Entwicklung. Seine Anschlussfrage ist, ob die fehlende Anbindung von Apple an die Probleme der Web-Entwickler und an die Diskussionen in deren boomenden Start-up-Szene schlichtweg als Desinteresse zu interpretieren sei. Vor dem Hintergrund, dass Apple mit dem ApplicationCache, WebSQL, Touch Events und Toch Icons die WebKit-Entwicklung einst entscheidend vorangetrieben habe, sei die jetzige Strategie mehr als fragwürdig und vor allem unberechenbar:

In a sense, Apple is like Santa Claus, descending yearly to give us some much-anticipated presents, with no forewarning about which of our wishes he’ll grant this year.

Alle gegen Apple?

Offizielle Reaktionen gab es bislang nicht, doch in den Kommentarspalten wie auch auf Twitter ist die Debatte voll entbrannt. Eilig wurde sogar eine Petition und eine Kampagnen-Website auf GitHub vorbereitet, die Diskussion darüber ist noch in vollem Gange. Lawsons Text, in dem er auch konkrete Vorschläge unterbreitet hat, wie Apple das Unbehagen mit seinen aktuellen Web-Produkten zu spüren bekommen sollte („Stick with what worked in 2010, and use polyfills to support Safari“), wurde hundertfach retweeted, aber auch prominente Gegenreaktionen erfuhren Zuspruch.

Auf Twitter und in einem ausführlichen Follow-up sah sich der Verfasser nun zu einigen Klarstellungen angehalten.

An seiner grundsätzlichen Kritik aber hält Lawson fest. Apple halte nicht Schritt in der Entwicklung neuer Standards, betreibe seine eigene Entwicklungsarbeit fernab einer sehr emsigen und interessierten Community und nutze seine Monopolstellung für den Ausschluss anderer Render-Engines aus dem iOS. Auch die Entwicklung der von Apple übernommenen WebKit-Plattform sieht Lawson kritisch. Offensichtlich schade die Diskrepanz zwischen den Interessen des Eigentümers und denen der Community dem Potential des WebKit-Teams.

Deutlich werde dies schon bei einem Blick auf die Safari 9 Release Notes, in denen kaum neue Features enthalten und deren Fokus auf firmeneigene User-Funktionen nicht zu verhehlen seien. Im Vergleich dazu habe Chrome in drei Monaten mit zwei Releases mehr zur Web-Entwicklung beigetragen. Hier, so betont Lawson, klaffe ein verheerendes Defizit.

Wann reagiert Apple?

Die heftigen Reaktionen vieler Web-Entwickler, die Lawson nicht vollständig teilen mag, zeigten vor allem eines. Die Web-Entwicklung, so Lawson, ist offen wie nie und immer mehr Entwickler entdecken den fahrenden Zug für sich. Weil alle die Technologie von Apple kennen und um ihre Potentiale wissen, sei die vollständige Abwesenheit beim Thema Web Development unverständlich, Misstrauen und Ärger griffen um sich und vielleicht sei es nun an der Zeit, dass dieser auch in konstruktiver Form gesammelt und geäußert werde.

Man darf gespannt sein, wie erfolgreich die auf mehreren Plattformen gestartete Kampagne sein wird, ob sie anhält und ob sich nicht doch noch das ein oder andere Statement von Apple entlocken lässt. Für die nächste Web-Konferenz hat Lawson jedenfalls bereits eine vielversprechende Vision umrissen:

I hope someone from Apple comes up to me, takes off a glove, and slaps me right in the face. Number one, because I kinda deserve it for being a jerk to them, and number two, because that would mean they’re finally coming to conferences.

Aufmacherbild: Web Development Icon Set von Shutterstock.com
Urheberrecht: gdainti

Geschrieben von
Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann
Moritz Hoffmann hat an der Goethe Universität Soziologie sowie Buch- und Medienpraxis studiert. Er lebt seit acht Jahren in Frankfurt am Main und arbeitet in der Redaktion von Software und Support Media.
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